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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Am Hetero-WEF in Davos

Jährlich versammelt sich die internationale Polit- und Wirtschaftselite in Davos. Auf der offiziellen WEF-Teilnehmerliste sucht man einflussreiche Homosexuelle vergeblich. Das ist ein Problem.

Mit Donald Trump, 71, ist ein sehr konservativer Mann an der Spitze von Amerika. Homo-freundlich ist der US-Präsident, der sich gerne mit religiös-ultra-konservativen zusammentut, nicht. Es sei denn, es nütze ihm gerade.

Nun war Trump DAS Thema am diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF). Ich war die ganze Woche in Davos GR und erlebte den Hype hautnah.

Einer von 70 ist schwul

Da habe ich mich gefragt, wie vielen homosexuellen Amtskollegen er wohl begegnen könnte. Nun, der Blick in die offizielle Gästeliste war ernüchternd.

Sie führt 70 Staats- und Regierungschefs auf. Von ihnen lebt nur der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel, 44, offen in einer homosexuellen Beziehung.

Einer von 70, das entspricht ganz sicher nicht dem Anteil Homosexueller in der Gesellschaft. Zehn Prozent soll er ja angeblich betragen.

Nicht in Davos anwesend, aber ebenfalls geoutet, sind die Premierministerin von Serbien, Ana Brnabić, 42, der Regierungschef von Irland, Leo Varadkar, 39, und der Ministerpräsident Australiens Andrew Barr, 44. Mager, wenn man bedenkt, dass die Uno 193 Mitgliedsstaaten umfasst.

Schwule CEOs sind eine Seltenheit

In der Wirtschaft, könnte man meinen, zählt nur die Leistung, weshalb dort der Anteil höher sein sollte. Fehlanzeige! Mir ist kein Chef der 20 grössten in der Schweiz börsenkotierten Firmen bekannt, der offen homosexuell lebt. Denke ich ans Ausland, ist Apple-CEO Tim Cook, 57, der Einzige, der mir spontan einfällt.

Klar, homosexuelle Staatschefs regieren nicht besser als heterosexuelle. Schwule CEOs sind nicht erfolgreicher als andere. Das soll hier auch kein Aufruf zu einer Gay-Quote werden. Aber es ist ein Problem, dass Schwule und Lesben kaum irgendwo an die Spitze gelangen.

Junge Männer und Frauen brauchen Vorbilder. Doch heute sehen sie nur, dass ihre Sexualität allenfalls ein Bremsklotz in ihrer Karriere sein könnte.

Nur Outen kann die Mentalität ändern

Natürlich muss man berücksichtigen, dass die jetzigen Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer mehrheitlich aus einer Generation stammen, die nicht in einer offenen Welt für Homosexuelle aufgewachsen ist. Umso wichtiger ist es, dass sich junge, motivierte Mitarbeiter von Anfang an outen und damit die kritische Mentalität von Konservativen ein wenig auflockern. Man muss den Chefs ja überhaupt die Chance bieten, zu merken, dass wir gleich gut sind.

Von den verkappten Schwulen und Lesben erwarte ich zudem, dass sie sich auch im Alter von 50 Jahren noch outen. Zwar sollte Sexualität nicht etwas sein, worüber man sprechen muss. Aber da Homosexuelle noch immer nicht die gleichen Chancen haben, braucht es erfolgreiche Männer und Frauen, die als Vorbild hinstehen. Seien es Politiker, Wirtschaftsführer, Schauspieler oder Sportler.