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Voll schwul!

Wenn ich eine Frau wäre...

In manchen Momenten wünscht sich SI-online-Blogger Onur Ogul einen Frauenkörper. Doch wenn er erzählt, was er dann am Wochenende alles machen würde, können seine Freundinnen nur den Kopf schütteln: Total absurd!

Kim Kardashian West
So stellt sich unser Blogger sein Aussehen vor, wenn er eine Frau wäre. imago images / Runway Manhattan

Eigentlich wars für mich ja nie ein grosses Drama, das Schwulsein. Zu meiner Homosexualität stehe ich seit eh und je, ich laufe mit erhobenem Haupt durch die Welt.

So locker ich auch drauf bin: Trotzdem kommen immer wieder diese Momente, in denen ich mich «normal» wünsche. Als weisser Hetero-Mann müsste ich mich nie für meine Sexualität rechtfertigen, ich würde nicht diskriminiert, und ich hätte massenhaft mehr Auswahl an potentiellen Partnern. Aber wir wissen ja: Die Sexualität kann man sich nicht auswählen.

Weil mir halt Männer so gut gefallen, bin ich in meinen Tagträumen nicht ein Hetero-Mann, sondern eine Frau.

Doch mit dem Frau-Sein in meinen Vorstellungen gibts so ein Problem. Wenn ich nämlich meinen Freundinnen erzähle, wie ich mir das Leben als Frau so ausmale, können sie sich vor Gelächter und Augenrollen nicht erholen.

Keine Hosen!

Angefangen beim Äusseren: Selbstverständlich würde ich NUR Highheels tragen. Bei der Arbeit, an Partys, beim Wohnungsputzen, beim Gang in den Supermarkt – ich würde mir die quasi anschweissen lassen!

Ohne Make-up aus dem Haus? Kommt nicht infrage! Wie heisst das nochmals? Permanent Make-Up! Ich glaube, das wäre meine bevorzugte Lösung.

Hosen gäbe es in meinem Schrank nicht. Ich würde nur Kleider tragen. Und zwar die, die knapp unter der Pobacke aufhören. Dekolleté so tief, wies noch legal ist.

In meinen Vorstellungen sehe ich also in etwa so aus:

Sylvie Meis im pinken Kleid
Wie Sylvie Meis: Viel Haut, wenig Stoff, sehr viel Schminke. Getty Images

Spätestens hier zeigen mir meine Freundinnen intensiv den Vogel. Total unrealistisch sei das. Frauen würden nie freiwillig die ganze Zeit wie Pornodarstellerinnen herumlaufen. Zu anstrengend, zu billig, zu unbequem.

Ich weiss, ich weiss... Aber hey, in meinen Tagträumen tun mir ja auch die Füsse nicht weh.

Noch schlimmer kommts, wenn ich erzähle, was ich als Frau ein Wochenende lang machen würde.

All jene Typen, die ich als Schwuler nicht haben kann, würde ich mir als Frau sofort unter den Nagel reissen. Weil ja Hetero-Männer so einfach zu bekommen sind als Frau. Nur stellt sich bei den realen Damen immer diese mühsame Würde in den Weg. Ein Wochenende als Frau, und ich hätte mir wohl jede erdenkliche Geschlechtskrankheit und fünf Schwangerschaften zugezogen.

Spätestens hier renken sich meine Freundinnen den Kopf aus, weil sie ihn so fest schütteln.

Fun fact: Mit meiner Vorstellung lebe ich bei Weitem nicht alleine. Meine schwulen Freunde haben angeblich dieselben absurden Vorstellungen vom Frau-Sein.

Die Sache ist ganz seltsam. Denn meinen Freundinnen würde ich nie im Leben raten, als billiges, williges Püppchen durch die Welt zu gehen. Dass auch aufgeklärten und feministischen Menschen wie mir Kim Kardashian und Sylvie Meis in den Sinn kommen, wenn ich ans (äussere) perfekte Frauenbild denke, macht mir ein wenig Sorgen.

Meine Freundinnen können das Herumlaufen als Püppchen also getrost meinem Traum-Ich überlassen.

Von Onur Ogul am 12. April 2019