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Voll schwul!

Wenn Schönheit nichts nützt

Lange wünschte sich SI-online-Blogger Onur Ogul, seine 20er wiederholen zu können. Im Zuge der «10 years challenge» auf Instagram hat er nun bemerkt, dass er viel lieber schon 30 ist.

Onur Ogul Blog

Ich musste erst lachen, dann wurde ich wehmütig. Mitgerissen von der «10 years challenge» auf Instagram suchte ich nach Fotos aus dem Jahr 2009.

Ich wurde fündig und dachte erst: Wow... eigentlich will ich wieder 20 sein.

Ich war definitiv schlanker, hatte tolle Haare, mit denen ich sogar so etwas wie eine Frisur machen konnte, keine Lachfältchen, eigentlich ganz hübsch (Auf die Augenbrauen bin ich heute noch stolz).

Alles unter Zwang

Dann erinnerte ich mich daran, dass ich das Leben mit 20 gar nicht geniessen konnte. Denn um so schlank zu bleiben, jagte eine Diät die andere, ich wollte irgendeinen «Style» finden, um zu irgendeiner Modeströmung dazuzugehören. Dabei hasse ich nichts mehr als Shoppen, Mode war mir schon immer schnurzegal. Und die Haarpracht sah ich da schon schwinden, weshalb ich unglaublich teure und nichtsnutzige Mittel aus dem Teleshopping-Kanal auf meine Kopfhaut geschmiert habe (scheiss Gene!).

Dazu kam, dass ich das alles nur tat, um einen Partner zu finden. Ich fühlte mich mit 20 sehr unfähig, unvollständig, nicht normal, nur weil ich nie eine Beziehung hatte. Ich ging freitags und samstags (und wenns ging auch sonntags) ins T&M, den damals einzigen Schwulenclub in Zürich. Und wurde nie fündig. Mit jedem weiteren erfolglosen Clubbesuch steigerte sich mein Gefühl, nicht ganz normal zu sein.

Lieber ein entspanntes Lächeln

Wenn ich meine Fotos für die «10 years challenge» anschaue, dann erkenne ich im heutigen Antlitz zwar Lachfältchen, ein fülligeres Gesicht und die Glatze auf meinem Kopf. Aber ich sehe auch in ein entspannteres Lächeln.

Ich habe heute noch das Gefühl, Heterosexuelle brauchen weniger Zeit als ich und viele andere Schwule, um sich im Leben zurechtzufinden. Nach der mühsamen Pubertät kommt bei uns irgendwann ein Outing und es beginnt von Neuem mit der Selbstsuche. Was will ich für ein Mann sein? Wie soll mein Mann sein? Wie lange will ich mich austoben, bis ich mich in feste Hände begebe? Zu welcher Gruppe Gays passe ich wohl am besten?

Auf diese Fragen habe ich heute mit 30 Antworten. Und ich sehe lieber ein Gesicht mit Falten und Glatze, welches diese Gewissheit ausstrahlt als ein jugendliches, das von Unsicherheit gezeichnet ist.

Von Onur Ogul am 18. Januar 2019