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Voll schwul!

Wir haben kein Ablaufdatum

Hatten wir nicht schon alle einmal Horror vor dem Altern? SI-online-Blogger Onur Ogul ist überzeugt, die Angst, später zu vereinsamen, ist unbegründet.

Older, mature, senior gay male couple sitting on a bench at the seashore, affectionate and in love, pensively planning for the future

«Wäre doch absurd zu glauben, dass es niemanden geben wird, der mein 50-jähriges Ich attraktiv findet». Onur Ogul mach sich keine Sorgen um (Paar-)Beziehungen im Alter. (Symbolbild)

iStockphoto

«Der Zug ist abgefahren.» Dieser Satz ging mir an meinem dreissigsten Geburtstag ein paar Mal durch den Kopf. Ich hatte das Gefühl, etliche Dinge nicht mehr nachholen zu können, die man eben nur in seinen Zwanzigern erlebt.

Was für Dinge das sind? Keine Ahnung! Auch ein Jahr nach dem Geburtstag fällt mir immer noch nichts ein, was ich nicht auch in meinen Dreissigern machen könnte. Doch weshalb dann diese Befürchtung, dass es ab 30 für irgendetwas «zu spät» sein könnte? Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass Torschlusspanik ansteckend sein muss.

Ein Traummann muss her – sofort

Zu meinem Dreissigsten sinnierte ich in meinem Blog darüber, ob meine weiblichen Mitmenschen an der unnötigen Panik schuld seien. Immerhin gründen gleichaltrige Freundinnen langsam aber sicher Familien und sind häufiger mit ihren Kindern beschäftigt, als dass wir uns noch zusammen die Nächte um die Ohren schlagen. Obwohl ich selbst keine Kinder will, steckte mich die Eile der Frauen an, so meine Vermutung damals.

Doch heute fällt mir auf, dass so einige schwule Freunde und Bekannte mitverantwortlich sein dürften am künstlichen Stress, den man sich bei so psychischen Schwellen wie einem 30. Geburtstag macht.

So einige in meinem Umfeld haben Mühe mit dem Altern. Manche haben das Gefühl, in Sachen Beziehung Gas geben zu müssen. «Ich will nicht alleine alt werden», so ihre Angst. Sie glauben daran, dass sie jetzt den Partner fürs Leben finden müssen. Weil es sonst zu spät sein wird.

Doch das ist gar nicht mal so einfach. Häufig verzweifeln meine schwulen Freunde, es sei so schwer, jemanden für eine feste Beziehung zu finden. Sie erachten sich und die ganze Schwulenwelt als «beziehungsunfähig» und suchen die Nadel im Heuhaufen – den einen Traummann, der gerade noch «normal» geblieben ist.

Schönheitsoperationen auf dem Vormarsch

Ein Teil versucht, seine Suche durch Schönheitseingriffe zu vereinfachen. Von Bartfärben über Fettabsaugen bis zu Botox ist da alles mit dabei – und zwar schon bei unter 30-Jährigen! Eine Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass sich Männer tatsächlich immer häufiger unters Messer legen. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die männlichen Patienten von Schönheitschirurgen verdoppelt! Studien weisen zudem darauf hin, dass Schwule eher einen Eingriff in Betracht ziehen als Heterosexuelle.

Ich jedenfalls habe keine Lust, da mitzumachen. So bisschen aus Trotz, bisschen aus Faulheit und vor allem aus Angst, ich würde mal so aussehen wie Sylvester Stallone. Bin ich deswegen naiv und werde im höheren Alter mit Einsamkeit bestraft? Ich will das einfach nicht glauben. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund, bzw. aus einer Überzeugung: Mein Lebensverlauf kann nicht einmalig sein.

Sylvester Stallone

Sylvester Stallone im Alter von 73 Jahren.

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Habe ich mit 30 keinen Bock auf eine feste Beziehung, dann haben etliche andere auch gerade keinen Bock. Werde ich mit 40 Lust auf eine feste Beziehung haben, wird es noch andere geben, die bereit sind für eine Partnerschaft. Dasselbe gilt auch für 50, 60 usw. Und in dem Alter werden wir ja alle ein wenig grauer, voller und faltiger sein. Wäre doch absurd zu glauben, dass es niemanden geben wird, der mein 50-jähriges Ich attraktiv findet.

Ich werde es darauf ankommen lassen und stürze mich nicht aus strategischen Gründen in irgendeine Beziehung. Um auf den Richtigen zu warten, bleibt noch viel Zeit. Denn ich glaube nicht daran, dass wir ein Ablaufdatum haben. Jedenfalls nicht, wenn es um die Liebe geht.

Von Onur Ogul am 18.10.2019