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Voll schwul!

Wir sollten wegen jedem «Seich» zur Polizei

Seit SI-online-Blogger Onur Ogul nach Berlin gezogen ist, fühlt er sich nicht mehr so sicher wie früher in der Schweiz. Schuld sind regelmässige Polizeimeldungen über homophobe Gewalt. Er erklärt, warum er trotzdem froh um sie ist.

Silhouette of a man wearing a hooded shirt standing in an underpass.

SI-Blogger Onur Ogul plädiert dafür, wirklich jeden homophoben Übergriff anzuzeigen.

Getty Images/iStockphoto

Samstagabend 19.30 Uhr in Berlin, das Wochenende nähert sich dem Höhepunkt. Direkt ums Eck bei mir, im U-Bahnhof Frankfurter Allee, betritt ein 24-Jähriger den Zug. Da beginnt ein Unbekannter, den jungen Mann anzupöbeln – mit homophoben Ausdrücken. Als wäre das nicht genug, droht er mit dem Ziehen eines Messers!

Halten wir mal kurz inne. Überlegt euch einen Moment lang, was ihr an der Stelle des Opfers jetzt tun würdet.

Ich, so wie ich mich kenne, hätte die Hosen voll. Ich schätze mal, ich hätte den Zug wieder verlassen und hätte auf den nächsten gewartet. Den Zwischenfall hätte ich versucht zu vergessen – was mir wohl kaum gelingen würde. Und wahrscheinlich hätte ich für eine lange Zeit Schweissausbrüche, wenn ich den U-Bahnhof betrete.

Der 24-Jährige aus meiner Geschichte ist eine reale Person. Der Vorfall hat sich laut seiner Aussage am 19. Oktober 2019 ereignet. Weshalb ich das weiss? Das Opfer hatte den Zug nach der Drohung verlassen und bei der Polizei Anzeige erstattet. Dass der Unbekannte mutmasslich aus homophoben Motiven handelte, steht in der öffentlichen Polizeimeldung.

Gewalt ist Alltag

Ich muss sagen, in Zürich habe ich mir nie Gedanken um meine Sicherheit gemacht. Seit ich in Berlin wohne, hat sich das geändert. Ich bin nachts viel aufmerksamer, wechsle die Strassenseite  häufiger als in der Schweiz, und ich halte mich wenn möglich von Gruppen junger Männer fern.

Vielleicht hilft ein Auszug aus Berliner Polizeimeldungen, um das nachzuvollziehen:

  • Ein 43-Jähriger wird in einem Lokal unvermittelt ins Gesicht geschlagen. Der Angreifer habe geschrien, er stehe nicht auf Männer.
  • Ein 23- und 41-Jähriger werden homophob beleidigt und mit Schlägen sowie Tritten angegriffen. Beide Opfer mussten ins Spital.
  • Frauen bleiben nicht verschont. Eine 24- und 25-Jährige laufen Arm in Arm und werden von drei Jugendlichen lesbenfeindlich beleidigt und verfolgt.
  • Am hellichten Mittag ist ein 25-Jähriger mit seinem 28-Jährigen Partner unterwegs, bis ein Fremder an den Jüngeren herantritt, ihn homophob beleidigt und ins Gesicht schlägt.
  • Mehrere Jugendliche fragen eine Gruppe Schwuler, ob sie Zigaretten hätten. Nach Verneinen fragen sie, ob die Männer schwul seien. Als diese bejahen, schlagen die Jugendlichen zu.

Alles Meldungen vom Oktober 2019.

Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo hat vergangenes Jahr in Berlin 382 Übergriffe in einer eigenen Statistik registriert. Das ist mehr als ein Angriff pro Tag! Die Polizei beziffert die Zahl der Anzeigen im selben Zeitraum auf 225. Wie viele Fälle von Beleidigungen, Körperverletzungen oder Schlimmeres in gar keine Statistik einflossen, bleibt ungewiss.

Ohne Zahlen läuft nix

In der Schweiz ist die Unkenntnis über das Ausmass an homophober Gewalt noch viel grösser. Denn die Polizei ist nicht dazu verpflichtet, Statistiken darüber zu führen. Der Ständerat muss einen Vorstoss, der dies ändern will, noch behandeln. Der Bundesrat spricht sich derweil dagegen aus, weil die statistische Erfassung von Hate Crimes in die Zuständigkeit der Kantone falle. Und weil diese die Tatmotive auf freiwilliger Basis angeben, seien die Daten qualitativ zu schlecht für eine aussagekräftige Statistik. Zudem sei die Erfassung heikel, weil es sich bei sexueller Orientierung oder Identität um besonders schützenswerte Daten handle.

Ohne Zahlen kein Handlungsbedarf. Ohne Handlungsbedarf keine Mittel. Darauf beruft sich etwa der Regierungsrat des Kantons Zürich. Im August teilte die Kantonsregierung mit, man erstelle zwar keine Statistik, aber nach dem durchschauen der Polizeirapporte 2019 habe man erst fünf Fälle vorgefunden.

Als Angehöriger der betroffenen Minderheit verstehe ich das nur als Hohn. Dass viel mehr Delikte aus Homophobie begangen werden, ist doch klar! Beleg dafür sind Zahlen der LGBT-Organisationen: In einem Bericht hielten mehrere Verbände fest, dass ihnen schweizweit von November 2016 bis Dezember 2017 insgesamt 95 Vorfälle gemeldet wurden. Das sind etwa zwei pro Woche. Doch nur 19 Prozent davon gingen zur Polizei.

Genau hier schliesst sich der Teufelskreis. Die Opfer zeigen nicht an, die Polizei erstellt keine Statistiken, die Politik will keinen Handlungsbedarf sehen. Dabei wäre eine Anzeige nicht einmal nur für Statistiken wichtig. Homophobe Pöbler müssen spüren, dass ihr Verhalten nicht geduldet wird. Tun wir kleinere Pöbeleien oder Angriffe nach wie vor als «Seich» ab, mit dem wir die Polizei nicht «belästigen» wollen, werden die Angreifer nur weiter in ihrem Verhalten bestätigt. Diskriminierung ist aber kein «Seich», Diskriminierung ist ein Verbrechen.

Gewalt erlebt? Melde dich bei der LGBT+-Helpline: https://www.lgbt-helpline.ch/

Von Onur Ogul am 08.11.2019