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Voll schwul!

Xtina und ihre Balkan-Boys

Eher widerwillig hat sich SI-online-Blogger Onur Ogul in die Schlange für Christina Aguileras Konzert gestellt. Doch Hardcore-Fans aus dem Balkan konnten ihn noch beim Anstehen für die Sängerin begeistern. Ein Abend voller Gays, Britney-Hass und Erkenntnisse.

Christina Aguilera in Berlin

Christina Aguilera rockt die Mercedes-Benz Arena in Berlin.

Redferns

Christina Aguilera? Eine blonde Amerikanerin, die in jedem Lied schreit. Das war das Bild, das ich von der 38-Jährigen hatte – bis Donnerstagabend. Da lernte ich sie von einer anderen Seite kennen.

In der Berliner Mercedes-Benz Arena trat Aguilera mit ihrer Show «The X Tour» auf. Und das natürlich nicht ohne meinen guten Freund Alan. Er kennt die Dame wohl besser als sie selbst, er vergöttert sie. Nun hatte Alan ein Ticket zu viel und fragte mich, ob ich spontan mitkommen wollte.

Da ich nichts Besseres zu tun hatte, dachte ich mir: Wieso eigentlich nicht? Wieso nicht mal nachschauen, weshalb eigentlich so viele Schwule auf die Sängerin abfahren?

Die illustren Fans der Xtina

Vor dem Veranstaltungsort treffen wir ein paar Schwule aus Fan-Foren, mit denen Alan sich verabredet hatte. Dabei entpuppt sich die Gruppe als Balkan-Truppe: Ein Pärchen aus Polen, eins aus Serbien, ein Fan ist Bosnier und einer Grieche. Wie krass muss man die Frau lieben, wenn man als Pole oder Serbe den Weg nach Berlin auf sich nimmt, um sich ein teures Konzert anzusehen? Für das serbische Pärchen koste der Berlin-Trip so viel wie ein ganzes Monatsgehalt, rechnen sie mir vor.

Da ich mit Hardcore-Fans unterwegs bin, stehen wir schon um 16 Uhr Schlange. Xtina wird erst um 21 Uhr auftreten. Genügend Zeit, um mir die Meute ganz genau anzusehen.

Da steht nahe von uns eine junge Frau mit einem Céline-Dion-Shirt. Kurze Aufregung hinter uns: «Warum trägt denn die Céline Dion bei Xtina? Pfff.» Na, immerhin ists nicht Britney Spears! Man erklärt mir, die Fangruppen seien arg verfeindet. Böse Zungen nennen die Spears-Anhänger schamlos «Britards». Die Fehde scheint ernst zu sein.

Nebenan zwei sehr stylische Typen. Der Kleine ist übersät von Tattoos, Piercings und trägt ein Cap. Der Grosse sieht ihm ziemlich ähnlich. Spätestens, als der Grössere dem Kleinen liebevoll den Schnauzer zurechtrückt, weiss ich, dass das nicht nur zwei gute Freunde sind. Sie sind aber nicht das einzige Schwulenpärchen in der Schlange der Hardcore-Fans. Manche (Männer und Frauen) tragen Outfits, inspiriert von Christinas Kostümen.

Aguilera, die Gay-Ikone

Währenddessen geht in unserer Gruppe das Kräftemessen unter Fans los: «Hast du das Konzert schon auf Youtube gesehen? Was? Nicht? Krass!» Man erzählt sich, wie viele Male man schon ein Aguilera-Konzert besucht hat, welches das Lieblingslied, welche die Lieblings-Textzeile ist. Und durch welches Lied man ein «Fighter» geworden ist. So nennt Xtina ihre Anhänger.

Dabei offenbart der schwule Bosnier unserer Gruppe, das Album «Stripped» habe ihn zum Fan gemacht. Das ist kein Zufall. In diesem Album aus dem Jahr 2002 singt Aguilera ermutigende Songs, wie Alan mir erklärt. In ihrem Musikvideo zu «Beautiful» (I am beautiful, no matter what they say) etwa zeigt sie eine Transperson und zwei küssende Männer. Zu einer Zeit, in der die Mehrheit der Amis noch gegen die Homo-Ehe waren und in der Europa sich langsam um die Rechte Homosexueller kümmerte. (Zur Erinnerung: Über das Partnerschaftsgesetz in der Schweiz wurde erst 2005 abgestimmt, zwei Jahre später trat es in Kraft.)

Dass die Botschaften Aguileras den Bosnier berührten, macht Sinn. Er kommt aus einer Kultur, in der es heute noch besonders schwierig ist, als Schwuler ein unbeschwertes Leben zu führen. In seine Heimat würde er nie zurückkehren. Er geniesst es, Einwohner einer österreichischen Stadt zu sein. «Da hat mans als Schwuler gut», erklärt er.

Den Polen und Serben unserer Gruppe sei es ähnlich ergangen. An einem Punkt konnte Aguilera sie mit ihren Botschaften abholen. Die Pop-Ikone sang jedoch nicht nur früh für LGBTIQ+, sie veröffentlichte auch feministische Songs («Can't Hold Us Down»), bevor die #metoo- und neue Feminismus-Debatte losbrach.

Geheimwaffe Justin Timberlake

Zehnte Reihe, Stehplätze. Das Gedränge ist massiv. Die Security muss sogar zwei Streithähne beruhigen, weil sie um denselben (Steh!)Platz kämpfen. Endlich die Vorband! Drax Project aus Neuseeland versucht, die Masse für sich zu gewinnen.

Obwohl die Band wirklich alles gibt, Live-Saxophon und Eunuchenschreie des Sängers inklusive, hält nicht ein Einziger das Handy hoch, um zu filmen. Nix. Es sparen alle ihren Akku für Christina auf. Das wissen Drax Project aber und holen einen Trumpf aus dem Ärmel: Sie covern Justin Timberlakes «Cry Me A River». Alle gehen plötzlich ab und jubeln. Was ist passiert? «Dafür hat sich der Justin ja von der gescheiterten Beziehung zu Britney inspirieren lassen», erklären mir meine Begleiter. Damit haben die Neuseeländer die «Fighter» natürlich auf ihrer Seite.

Als die Band die Bühne räumt, erscheint eine Projektion von Xtinas Tour-Plakat auf einer riesengrossen Leinwand. Nur ein Plakat, das jeder längst gesehen hat. Und trotzdem zückt jeder das Handy und fotografiert drauflos. Faszinierend, dieses Fantum.

Christina Aguilera in Berlin

Die bewegt sich nicht. Weil sie ein Plakat ist.

Onur Ogul

«Live Life In Love»

Dann endlich betritt die starke Stimme des Abends die Bühne. Die sieht ungelogen wieder aus wie damals bei «Genie In A Bottle». Und das ist 20 Jahre und zwei Geburten her. Aguilera ist Mama von zwei Kindern (4 und 11). Die aktuelle Tour macht sie, um nach ihrer Familienzeit zurück auf die Weltbühne zu gelangen. In Berlin hat sie die Arena jedenfalls fast ganz gefüllt. Doch die Zahl der vor dem Gebäude wartenden Hardcore-Fans war bescheidener als in Aguileras Blütezeit. Einige Sitzplätze sind auch leer geblieben.

Mein Trüppchen um mich herum kratzt das wenig. Christinas Balkan-Boys geniessen jedes einzelne Lied und singen jede Zeile mit. Bei «Beautiful» gibt es ganz viele glänzende Augen. Aguilera singt selbst fast nichts und überlässt das ihren Fans. Zur Belohnung gibts später einen regenbogenfarbenen Glitterregen und die Botschaft: «Live Life In Love».

Christina Aguilera in Berlin

Die Gay-Ikone beginnt ihr Konzert auf einem Thron.

Redferns

Das LGBTQ+-Magnet hat noch bei einer weiteren Person funktioniert: Ein schwuler Israeli, schätzungsweise 30 Jahre alt, der erstmals ein Christina-Konzert besucht – und sich zum allerersten Mal in eine Gruppe Schwuler traut. Für ihn ist das Konzert in Berlin also in vielerlei Hinsicht ein Highlight. Die positive Energie von Xtina durchdringt ihn so sehr, dass er sogar noch an die Afterparty in eine Gaybar mitkommt. Sein ebenfalls erster Besuch einer solchen.

Höllisch schmerzende Beine, ein kaputter Rücken und ziemlich beanspruchte Trommelfelle später glaube ich, Christina Aguileras Zauber auf Gays verstanden zu haben. Ein Schreihals bleibt sie trotzdem.

Aus Diskretionsgründen habe ich darauf verzichtet, die Namen der Balkan-Boys zu nennen sowie sie zu fotografieren.

Von Onur Ogul am 12. Juli 2019