Wer braucht einen Dresscode?

Es ist wie früher, als Mama morgens die Kleidung bereit legte, die wir anzuziehen hatten. Warum unterwerfen wir uns 30 Jahre später immer noch Kleidervorschriften?

Ich war lange nicht mehr an einer Veranstaltung. Sie wissen schon: Diese Klassentreffen mit Smalltalk-Wettbewerb, an denen man sich Nettigkeiten zuflötet, danach das schlechte Gewissen wegtrinkt und sich beim Nachhausegehen fragt, warum man nicht lieber mit Kuschelsocken auf dem Sofa gesessen und weitergelesen hat, wie es Doug nach dem Tod seiner grossen Liebe ergeht ("Mein fast perfektes Leben" von Jonathan Tropper).

Die Einladung für letzten Donnerstag an den Prix de Beauté war aber Pflicht. Kurze Erklärung zur Kür davor: Während mehrerer Wochen testete eine Jury die neuesten Kosmetikprodukte, strich sich ölige, nicht-ölige, parfümierte, nicht-parfümierte Pasten, Cremes und Gels ins Gesicht und beurteilte die Produkte. Ich war eines dieser Jurymitglieder, also gehörte es sich da hinzugehen.

So sandte ich ein digitales Nicken als Antwort auf die Frage, ob ich der Preisverleihung beiwohnen würde und bekam mailwendend die Einladung.

"Als Garderobe empfehlen wir Tenue de ville."

Das klingt ja - zugegebenermassen - toll. Nur: Was bedeutet Tenue de ville?!

Google fragen! 1'370'000'000 Einträge:

Alles, was man in der Stadt trägt (hilft nicht weiter).
Business-Dress: Kostüm oder Hosenanzug (und wenn man sowas nicht tragen möchte?).
Boots und flache Pumps eignen sich besser als Highheels (der erste nützliche Hinweis).
Legere und sportlich (Trainer? Turnschuhe? Jeans und Blazer?).
Was ganz Normales (was soll das denn heissen, bitte?).

Zu gross die Auswahl, verwirrend. Dabei sollten Dresscodes ja gewissermassen das Rauslegen der richtigen Kleider durch Mama simulieren.

Aber sowieso: Wichtiger als der Dresscode selbst wurde plötzlich das, was es im Internet darüber zu lesen gab. Besonders ausführlich mit Kleidervorschriften beschäftigt sich zum Beispiel eine Zürcher Event-Agentur (eventio.ch). Da gibt es sogar eine Checkliste für die Dame, wie sie ganz grundsätzlich aus dem Haus zu gehen hat - oder eben nicht:

Keine wuchernden Augenbrauen, keinen Lippenstift an den Zähnen, keine wuchernden Nackenhaare. Keine "aufspringenden" Blusenknöpfe.

Und weiter:

Diese Checkliste gilt immer, sofern Sie das Haus nicht zum Sport oder einer privaten Freizeitbeschäftigung verlassen (wie einen Spaziergang o.ä.). Achtung: Shoppen ist keine eigentliche private Freizeitbeschäftigung - sobald Sie sich in der Öffentlichkeit bewegen mit geringer bis hoher Bevölkerungsdichte (Dorfladen, Einkaufszentrum, City, Geschäft usw.) nehmen Sie mit einem korrekten Erscheinen Rücksicht auf Ihre Mitmenschen!

Dass ich dann doch nicht zur Preisverleihung ging, hatte andere Gründe.