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Mythen im Check

Ist Crossfit wirklich so gefährlich?

Kaum eine Sportart ist mit so vielen Vorurteilen behaftet wie Crossfit. Das sagen ein Trainer und ein Physiotherapeut zum sogenannt «härtesten Workout der Welt».

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Crossfit sieht anstrengend aus und ist es auch.

Getty Images

Ultrahart, gefährlich und eigentlich gar nichts Neues: Crossfit hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Wir haben die gängigsten Mythen von zwei Experten checken lassen. Matthias Zehnder betreibt im thurgauischen Sulgen sein eigenes Crossfit-Studio «Kraftbox». Pascal Bösiger ist Physiotherapeut bei Carefit MTT in Zürich und selbst regelmässig beim Crossfit anzutreffen. Das sagen unsere zwei Experten – der eine Coach, der andere Physio – zu den gängigsten Mythen.

Crossfit ist kompetitiv

Der Coach: Crossfit kann, muss aber nicht kompetitiv sein. Es kann als ganzheitliches Kraft- und Ausdauertraining oder als Wettkampfsport betrieben werden. Die Art definieren die Trainierenden mit der individuellen Zielsetzung.

Der Physio: In einer typischen Crossfitstunde trainiert man in Gruppen und dabei ist es so, dass bei bestimmten Repetitionschemata die Situation entsteht, dass der Schnellste doppelt so schnell mit dem Workout fertig ist wie der Langsamste. Dies kann natürlich zu kompetitiven Situationen führen. Es muss eine Trainingskultur aufgebaut und gepflegt werden, bei der das Ego eines Jeden an der Eingangstür abgelegt wird.

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Beim Crossfit ist die Verletzungsgefahr hoch

Der Coach: Durch die relativ hohe Intensität im Training können durch falsch ausgeführte Übungen Verletzungen entstehen. Hier liegt es in der Verantwortung des Trainers, die Trainingsintensität, die Schwere der Gewichte, die Wiederholungen und die Geschwindigkeit der Übungsausführung an die Fähigkeiten des Trainierenden anzupassen.

Der Physio: Die Wissenschaft zeigt hier ein ganz anderes Bild. Verletzungen sind etwa so häufig wie beim Bodybuilding und Powerlifting. Alle drei Sportarten zeigen sehr wenige Verletzungsfälle und sehr milde Verletzungen. Bedenkenloser als Crossfit kann eine Sportart kaum sein, weil man die volle Kontrolle hat. Es ist keine Fremdeinwirkung – weder durch Körperkontakt noch durch Umweltfaktoren – vorhanden.

Crossfit ist nichts für Sporteinsteiger

Der Coach: Das Crossfit-Training eignet sich für alle und jeden, da sämtliche Übungen auf jedes Niveau anpassbar sind. Auch hier ist aber die Qualität des Trainers und das Ego des Trainierenden entscheidend.

Der Physio: Jeder und Jede kann aus dem Nichts mit Crossfit beginnen und viele tun genau das. Alle Bewegungen und Workouts kann man «scalen». Ein Beispiel: Wenn jemand keine Liegestütze schafft, dann macht er sie auf den Knien oder gegen eine Wand. Das Schöne daran ist, man ist konstant am lernen und verbessern.

Beim Crossfit bleibt meine Ausdauer auf der Strecke

Der Coach: Genauso wichtig wie Kraft ist ein starkes Herz-Kreislaufsystem. Crossfit legt grossen Wert auf Ausdauertraining, zum Beispiel in Form von Rudern oder Laufen.   

Der Physio: Es so, dass ein Triathlet, der eine sehr gute cardio-vaskuläre Leistung erbringt, Ausdauer opfert, wenn er nur noch Crossfit macht. Im Gegenzug erhält er aber Kraft, Explosivität und Mobilität. Normalsterbliche werden auf Ihrer Abendlaufstrecke nach einem Jahr Crossfit garantiert schneller. Studien haben klar aufgezeigt, dass Intervalltrainings (so wie Crossfit) auch und gerade die Ausdauer verbessern. 

Crossfit ist eigentlich nichts anderes als Zirkeltraining

Coach: Crossfit ist ein umfassendes Kraft- und Ausdauertraining in einer Kleingruppe. Trainiert wird unter Aufsicht eines Trainers. Dabei stehen funktionelle Übungen im Mittelpunkt, die helfen, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit zu verbessern. Dabei wird nicht an Geräten, sondern mit dem eigenen Körpergewicht sowie Medizinbällen, Kettlebells, Kurz- und Langhanteln trainiert. Entsprechend kann CrossFit ein Zirkeltraining beinhalten. 

Physio: Das eigentliche Workout of the day könnte man entfernt mit dem Zirkeltraining vergleichen. Allerdings sind die Repetitionsschemata beim Crossfit anders gestaltet und die Intensität viel höher. Darüber hinaus werden beim Crossfit auch Kraft und Gymnastik trainiert. 

Mit Knie- oder Rückenschmerzen kann ich kein Crossfit machen

Der Coach: Dass Bewegung bei Schmerzen helfen kann, ist unumstritten. Unter Umständen kann trotz Knie- und Rückenschmerzen trainiert werden. Dies ist jedoch nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt zu empfehlen.

Der Physio: Man muss natürlich wissen, was der Grund für die Schmerzen ist. Liegt eine Pathologie vor, dann muss der Arzt ran. Liegen unspezifische Rückenschmerzen vor, dann können Physiotherapeuten und Sportärzte als Berater herangezogen werden. Grundsätzlich ist ein gesunder Rücken ein starker Rücken. Ich lasse in die physiotherapeutische Behandlung fast immer Crossfit-Bewegungen einfliessen.

Crossfit ist hart und tut weh – ohne Muskelkater geht es nicht

Der Coach: Stimmt – das gilt jedoch für jede Trainingsform, die Resultate erzielen soll. Generell braucht der Körper einen trainingswirksamen Reiz, um sich anzupassen. Er muss aus seiner Komfortzone gebracht werden, damit er Anpassungsprozesse in Gang bringt. Die entsprechende Belastung muss aber auf das Trainingsniveau angepasst werden. Dann macht Crossfit richtig Spass.

Der Physio: Ja, ja und ja. Intensität ist der Schlüssel zum Erfolg, egal welche Trainingsform man wählt. Mit der Zeit liebt man das Gefühl des Muskelbrennens sogar und wenn mal ein Workout kommt, das nicht schmerzt, ist man sogar etwas enttäuscht.

Beim reinen Krafttraining baue ich mehr Muskeln auf als beim Crossfit

Der Coach: Nein, denn Krafttraining ist ein Bestandteil von Crossfit.

Der Physio: Klassisches Bodybuilding führt zu deutlich mehr Muskelmasse. Wenn Sie also einen Body wie Arnold Schwarzenegger wollen, aber den 3. Stock dafür nur keuchend erreichen: Dann ab ins Bodybuilding!

Crossfit ist ein Männersport

Der Coach: Das ist falsch. Crossfit ist weder ein Frauen- noch ein Männersport. Er ist für alle, die ihre Fitness in allen Bereichen aufbauen beziehungsweise verbessern wollen und die wissen, dass für Resultate hart gearbeitet werden muss. Bei KraftBox CrossFit haben wir einen Frauenanteil von über 65 Prozent.

Der Physio: Oh nein. Das Verhältnis ist meiner Einschätzung nach etwa 50/50. Den typischen, ärmellosen Muskelberg sucht ihr in einer Crossfit-Box vergebens. Der Akademikeranteil ist zudem sehr hoch. Das liegt wohl daran, dass Crossfit über ein wissenschaftliches Fundament verfügt.

Aufwärmen und Ausdehnen kommen beim Crossfit zu kurz

Der Coach: Falsch beziehungsweise kommt es auf die Trainingsgestaltung an. Grundsätzlich besteht eine Crossfit-Stunde aus Aufwärmen (sowohl allgemein als auch spezifisch für die Übungen am entsprechenden Tag), Kraftteil oder Üben von neuen Bewegungen, Workout of the day und Auslaufen.

Der Physio: Das Warmup ist integraler Bestandteil jeder Stunde. Für das Stretching ist allerdings jeder selbst verantwortlich und ehrlich gesagt kommt dies zu kurz – auch wenn die Coaches immer wieder darauf hinweisen.

Von Marlies Seifert am 29.04.2019
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