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Einmal Augenhöhe bitte!

Was wir uns vom anderen Geschlecht zu Weihnachten wünschen

Sie fühlt sich unterschätzt, er sieht sich miss verstanden – und doch wünschen sich beide vom Gegenüber dasselbe: weniger Duelle. Mehr Miteinander. Eine Frau, ein Mann, zwei Stimmen über das, was sie sich vom anderen Geschlecht zu Weihnachten wünschen.

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Eine Frau, ein Mann, zwei Stimmen über das, was sie sich vom anderen Geschlecht zu Weihnachten wünschen.

Eine Frau, ein Mann, zwei Stimmen über das, was sie sich vom anderen Geschlecht zu Weihnachten wünschen.

Jakob Krattiger
Ihr Wunsch:

Kürzlich sass ich mit einem guten Bekannten beim Dinner. Er erzählte von seinen Geschäftsreisen – Peking, Boston, Tokio – und ich von meinem neuen Buch und den Projekten, mit denen ich die Menschheit unterhalten und mich selbst erfüllen will. Als ich fertig war, grinste ich ihn an. Er grinste zurück – und sagte: «Wieso machst du dir den ganzen Stress? Such dir doch einfach einen reichen Mann.»

Stille. Ich starrte ihn an. Er hatte das nicht böse gemeint, eher als Kompliment: Du bist doch noch gut in Schuss – nutz es aus. «Ja, danke», sagte ich. «Dann sitze ich zu Hause und zähle meine Vintage-Chanel-Couture-Sammlung, während er mir seine verheissungsvollen Foodpics aus Japan schickt? Du solltest mich lieber unterstützen, statt mich zu reduzieren.» Er lachte. Na ja, ich könnte es doch viel einfacher haben. Ich hätte fast mein Schnitzel nach ihm geworfen. Es ist jetzt über zwanzig Jahre her, da habe ich ein viel beachtetes Buch über Männer geschrieben. «Stirb, Susi!» beschreibt den idealen Mann – einen feinfühligen Macho von Welt, so wie wir Frauen ihn wollen. Das Gegenstück, die verweichlichte, domestizierte «Susi», die wir mit unserer Dominanz gezähmt haben, gefällt uns nicht mehr. «Stirb, Susi!» wurde ein Bestseller und brachte mich in die Schweiz. Zu meiner Überraschung fühlten sich auch Männer von mir gesehen und ich kam zu meinem Ruf als «Männerkennerin». Im Buch behandle ich alle Themen eines modernen Männerlebens, von A wie Alkohol bis W wie Wohnen, aber ein Punkt fehlt, merke ich jetzt: Augenhöhe.

Nach dem Vorfall kamen mir viele ähnliche Erlebnisse der letzten Jahre in den Sinn. Fragte ich einen Freund, ob ich das Mac Book Air M4 mit 32 GB kaufen soll, empfahl er die Basisvariante: «Das reicht für dich.» Will ich einen neuen Mini Cooper S mit Handschaltung, heisst es: Wozu brauchst du 204 PS – und Automatik ist doch praktischer für dich. Wozu brauchst du 300 PS, frage ich dann. Antwort: «Ha ha, ich bin auch ein Mann.» Schwierig – irgendetwas ist in den letzten Jahren aus dem Ruder gelaufen. Konnten Männer früher starke, unabhängige Frauen lieben – und fürchten sich heute davor? Liegt es am Alter? Seit der Schulzeit haben mir Männer alles beigebracht und mich zu dem gemacht, was ich heute bin: Schläuche flicken, Reifen wechseln, Snowboarden – und das Wichtigste, alles über Musik. Um es klar zu sagen: Ich liebe Männer. Ich liebe es, ihnen beim Mannsein zuzusehen. Ich liebe es, daneben das weibliche Pendant zu sein. Und ich liebe es, wenn sie mir den Teil des Lebens erklären, zu dem ich als Frau keinen natürlichen Zugang habe – Finanzen, Zahlen, Politik, Krieg, all das, was Männer so selbstverständlich verstehen. «Hab keine Angst vor Technik», flüstern sie sanft, wenn man nicht weiss, wie man das Sonos-System in der Küche einschaltet und stattdessen das Garagentor aufgeht. «Immer die Landeswährung!», wenn er beim Bezahlen in einem fremden Land auf das Kartenlesegerät tippt. Es ist sexy und männlich, wenn er Spass daran hat, mit seinem Wissen mich zu einem besseren Menschen zu machen. Frauen bringen Frauen selten etwas bei. Nennt mich sexistisch, aber es ist so.

Aber wann ist aus dem Rollenspiel ein Machtspiel geworden? Der Grund, warum wir mit einem Mann zusammen sein wollen, sollte sein, dass wir ihn mögen. Das bedeutet gemeinsame Lebensfreude. Wenn das gegeben ist – und man schon mal aufeinander steht – erwarte ich nur noch, dass er mich als einen vollwertigen Erdenbürger sieht. Und mich als Mensch unterstützt. Damit meine ich nicht, dass er mein Drehbuch an Martin Scorsese verkauft, sondern dass er an mich glaubt. Dass er es gut findet, wie und was ich mache. So, wie er das ja umgekehrt auch erwartet. Und sich nicht fürchtet, ich könnte zu gross werden und er neben mir klein aussehen. Aber vielleicht fürchten sich Männer gar nicht vor uns, sondern vor weiterer Domestizierung. Sie sagen, die Frauen würden sie ständig herumkommandieren und ihnen ihre Männlichkeit aberziehen. Sie sollen im Haushalt helfen, bei der Kindererziehung, den Klodeckel runterklappen und emotional verfügbar sein. Wenn wir Männern wieder zeigen, dass wir sie auch bewundern können für das, was wir selbst nicht so gut können, wäre das keine Unterwerfung, sondern Ergänzung. Immerhin halten sie das Patriarchat stabil – irgendetwas müssen sie ja richtig gemacht haben.

Wäis Kiani ist Stil-Kolumnistin, Journalistin und Autorin. Sie schreibt seit Jahren über Themen, die Gesellschaft und Geschlechter bewegen.

Sein Wunsch:

Bald ist Weihnachten. Die Lichterketten hängen, der Glühwein dampft, und alle reden von Wünschen. Auch ich habe einen – und der richtet sich an die Frauenwelt. Wobei: Darf ich überhaupt einen Wunsch an Frauen richten? Oder lande ich damit direkt am Pranger wegen «mansplaining» und «toxischer Maskulinität»? Wahrscheinlich schon. Ehrlich gesagt: Ich habe leicht schwitzige Hände, während ich diese Zeilen schreibe. Und ja, ich glaube, den meisten Männern würde es genauso ergehen. Kaum ein Thema ist heute heikler als der Versuch, sich als Cis-Mann an Cis-Frauen zu wenden. Wieso? Aus lauter Angst, missverstanden zu werden! Dies ist wohl auch der Grund, weshalb viele lieber nichts sagen, als sich auf dieses Minenfeld zu begeben. Aber Schweigen hilft auch nicht weiter. Deshalb von mir keine Wünsche, sondern Denkanstösse.

Ich hatte dieses Jahr einige Dates, und eine Episode geht mir nicht mehr aus dem Kopf: In guter Manier, wie ich es gelernt habe, halte ich ihr die Türe auf – und ernte einen Rüffel: «Ich brauche keinen Mann, der mir Vortritt gewährt!» Ich verstumme. Bin perplex. Es war doch nur Anstand. Eine nette Geste. Im Übrigen hätte ich dies auch bei einem Mann gemacht. Ich will doch nicht, dass denen hinter mir die Türe ins Gesicht knallt. Um es klarzustellen: Es war kein geplanter Angriff auf die Gleichberechtigung. Es war schlicht ein Reflex.

Diese Situation steht sinnbildlich dafür, auf welch dünnem Eis wir Männer unterwegs sind und wie aus einer simplen Handlung ein gesellschaftliches Drama entstehen kann. Um gleich beim Thema zu bleiben: Ein klassisches Problem ist auch das Bezahlen beim ersten Date. Ich verstehe den Aspekt der Unabhängigkeit, aber manchmal will ein Mann einfach die Rechnung über-nehmen, weil es schön ist, grosszügig zu sein. Kein Besitzanspruch, keine Hierarchie, bloss eine Aufmerksamkeit. Wenn sie darauf besteht, zu teilen, perfekt, kein Problem. Aber die misstrauische Stirnfalte, als hätte man gerade das Patriarchat hochleben lassen, ist ein bisschen viel. Und ja, auch der Satz «Alle Männer sind die gleichen toxischen Arschlöcher» macht mich wahnsinnig. Ich verstehe, woher er kommt. Aber hey, die meisten haben negative Situationen erlebt. Pauschalurteile helfen niemandem. Viel eher sorgen sie für Misstrauen. Apropos toxisch: Es ist inzwischen das neue «Hallo» des Dating-Alltags. Alles ist toxisch – Beziehungen, Expartner, Kommunikation. Aber toxisch ist es auch, ständig von Toxizität zu sprechen. Schon mal probiert, einfach zu fragen, warum jemand gerade so reagiert, wie er reagiert? Was für Gedanken hinter einer Aussage stecken? Oder auch selbst zu artikulieren, was die Situation mit einem macht? Wäre doch viel sinnvoller, anstatt gleich ein psychologisches Etikett draufzukleben? Ich glaube, genau da liegt die Krux. Wir reden alle von Empathie und emotionaler Offenheit, aber leben sie selten aus. Allesamt! Ich höre oft, dass sich Frauen einen emotional zugänglichen Mann wünschen – völlig zu Recht, ist ja auch schön, wenn man Gefühle miteinander teilen kann. Aber Verletzlichkeit braucht ein sicheres Umfeld. Wenn jedes Wort seziert wird, bevor es überhaupt ausgesprochen ist, dann ziehen sich viele wieder zurück. Frauen wie Männer.

Vielleicht sollten wir alle einen Gang runterschalten. Weniger werten, mehr zuhören. Weniger analysieren, mehr zulassen. Es ist doch paradox: Wir haben so viele Begriffe und Labels für alles, aber oft kein echtes Gefühl und Verständnis mehr füreinander. Ich erhoffe mir deshalb ein bisschen mehr Menschlichkeit im Miteinander. Dass wir wieder lachen können, ohne jedes Kompliment zu hinterfragen. Dass wir Fehler machen dürfen, ohne dass daraus Grundsatzdiskussionen entstehen. Dass Männer freundlich sein dürfen, ohne verdächtigt zu werden – und Frauen stark, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Denn am Ende wollen wir doch alle dasselbe: Nähe, Vertrauen, Wärme – gerade jetzt, wo draussen der Winterwind pfeift. Vielleicht braucht es weniger Schlagworte und mehr Schulterzucken. Also, liebe Frauen, kein Vorwurf, kein Manifest, nur ein Gedanke für unter den Christbaum. Wenn wir aufhören, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, und stattdessen wieder ein bisschen mehr Menschlichkeit walten lassen, könnten wir vielleicht endlich ankommen – beim anderen und bei uns selbst.

Toni Rajic ist Co-Unterhaltungschef der «Schweizer Illustrierten», jongliert zwischen Klatsch, Kultur – und dem eigenen Liebeschaos.

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Von Toni Rajic und Wäis Kiani am 8. Dezember 2025 - 09:00 Uhr