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  4. Pro-Aging statt Anti-Aging: Altersgemäss anziehen

Jugendstil – dress your age

Ist Age-Shaming das neue Body-Shaming?

Den Kleiderschrank ausmisten – etwas, was sich während der #staythefuckhome-Zeit anbietet. Und dabei kommt Redaktorin Rahel auch ihre Latzhose in die Finger. Was tun damit? Ist sie mit über Dreissig dafür zu alt? Gedanken zu «dress your age!»

Thora Valdimars in Berlin im September 2019

Nicht ich, aber offensichtlich auch ein Fan: Thora Valdimars in Latzhose.

Getty Images

«Siehst halt aus wie zehn.» Kein Satz, den man mit über Dreissig in Bezug auf seinen Look hören möchte. Genauso wenig wie «lustig!» (Menschen! So charmant). Heisst nicht, dass ich ihnen nicht Recht gebe. Ausgewachsene Latzhosenträger*innen sieht man nicht an jeder Ecke. Ich tendiere dazu, mich eher jugendlich zu kleiden. Kindisch vielleicht sogar. Aber ich mag es unkonventionell und habe mich noch nie rundum wohlgefühlt in einem super seriösen Hemd.

Eigentlich wollen doch alle immer jung aussehen. Falten werden weggespritzt, das erste graue Haar ist ein Schamhaar und wird überfärbt. Aber alles hat Grenzen. Beim jugendlichen Aussehen liegt die offensichtlich bei der Latzhose. Ab einem gewissen Alter ist die nicht mehr angemessen. Ungeschriebenes Gesetz. 

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Latzhosen ohne Grenzen

Jeans mit Trägern gab es seit jeher, der Latz mit den aufgenähten Taschen wurde erstmals 1911 entwickelt und bot ab da die Möglichkeit, Werkzeug darin zu verstauen. Die ideale Arbeitshose. Für Männer versteht sich. In den siebziger Jahren entdeckte dann die Emanzipationsbewegung die Latzhose für sich – als das ideale Kleidungsstück, um das Kernziel der Frauenbewegung zu verdeutlichen.

In den neunziger Jahren trug dann Aaron Carter Latzhose. So viel zu ihrer Geschichte. Das Kleidungsstück hat also Geschlechtergrenzen überwunden, hat sich von Workwear zum immer mal wieder aufpoppenden Freizeitmode-Trend entwickelt. Warum sollte sie denn nicht auch endlich die – ziemlich diffusen – Altersgrenzen überwinden dürfen? Latzhosen für alle und jedes Alter!

Was heisst schon altersgemäss?

Es ist schwierig. Frauen dürfen sich nicht jugendlicher anziehen, als sie eigentlich sind, aber auch umgekehrt gibt es einiges zu beachten. Wenn wir über vierzig Jahre alt sind, sollten wir unser Haar auf keinen Fall zu einem Bob schneiden, sagt eine britische Moderedakteurin von The Telegraph. Denn das, und auch das Tragen eines Maxirockes könnte uns zehn Jahre älter aussehen lassen. Mit anderen Worten: Mit kinnlangen Haaren und dem falschen Kleid läuft man Gefahr als 40-Jährige wie 50 auszusehen. Was auch immer das bedeutet. Aussehen wie 50.

Glücklicherweise gibt es eine Reihe von Frauen jenseits der 50, die ihren persönlichen Stil über gesellschaftliche Normen stellen.

Erwachsen werden – zumindest äusserlich

Ich bin für Alters-Anarchie im Kleiderschrank. Trotzdem sitze ich nun davor und überlege, ob sie weg soll oder bleiben darf. Die Latzhose. Dabei ist sie so bequem. Sie ist Unisex. An ihr kann nie ein Hosenschlitz offen stehen. Aber besonders kompetent und erwachsen komme ich vermutlich nicht daher (was auch immer das heissen mag), wenn ich sie trage.

Doch zum Glück gibt es reife Frauen, die ihren persönlichen Stil und Geschmack über gesellschaftliche Normen stellen. Linda Rodin zum Beispiel. Die ehemalige Stylistin trägt Latzhose, trotz ihrer 72 Jahre. 

Meine Latzhose bleibt. Bald – hoffentlich bald – werde ich sie wieder mit Stolz draussen an mir herumtragen. Bis dahin arbeite ich noch an der Altersbarriere in meinem Kopf, die mich beinahe davon abgehalten hätte. Wir sollten nämlich mittlerweile darüber hinaus sein, Leute nach ihrem Outfit zu beurteilen. Es gibt keine universell gültigen Regeln des Geschmacks. Wäre eine reife Leistung, das zu verinnerlichen.

Von Rahel Zingg am 19.03.2020
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