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«Was machst du an Silvester?»

Warum der 31. Dezember so sehr nervt

Immer braucht man Pläne. Schon Wochen und Monate vorher soll man sich dazu äussern. Und was ganz Besonderes vorhaben. Und wenn nicht? Warum einen das neue Jahr noch nicht unglücklich machen sollte, bevor es überhaupt angefangen hat.

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silvester

Der Abend aller Abende rückt näher. Was aber, wenn man nichts vor hat? 

Getty Images

Schon im März trudeln mahnende Nachrichten ein: «Wenn wir dieses Jahr Silvester wirklich in den Bergen feiern wollen, müssen wir jetzt echt buchen! Bist du dabei?» Und dann: «Puh, ich würd eigentlich lieber ein bisschen spontaner entscheiden… » Das grausamste aller Feste wird so weit von einem weggeschoben, wie es noch hin ist. Die einen möchten sich alles offen halten, die anderen möchten sich mit dem leidigen Thema schlichtweg gar nicht befassen. Wie mans dreht und wendet: Man hat nichts vor. Jetzt ist Dezember. Jetzt wirds eng. Hilfe. Jedes Jahr dieselbe schlechte Laune.

«Ja, keine Ahnung, was ich mache – Silvester wird eh immer scheisse»

Hartnäckig hat sich in unseren Köpfen der nagende Gedanke eingenistet, dass der letzte Abend des Jahres die Krönung des diesjährigen Partylebens sein muss. Ein rauschendes Fest, bei dem sich um Mitternacht alle selig in die Arme fallen. Leider hat schon viel zu oft jemand vor zwölf gekotzt oder um zehn war längst die Luft raus. Die Party, ein lähmendes Dahinwarten in grossen Schlucken. Desillusioniert verging die Lust am Planen, schliesslich krachte man wie eine verglühte Rakete auf den eisigen Boden der Tatsachen: der 31. Dezember ist nur ein ganz normaler Abend. Das redet man sich ein, seit man einigermassen erwachsen ist. Bloss keine Erwartungen! Und dennoch: Rückt die Nacht der Nächte dann näher, umweht selbst die Kaltschnäuzigsten eine latente Beklemmung. Irgendwas muss man doch machen.

Kann man die innere Unruhe an der Silvesterpanik ablesen?

Wie wärs mit was Gemütlichem? Vielleicht sogar allein zu Hause bleiben? Die, die an Silvester keine FOMO verspüren, sind zufrieden. Mit sich und dem Jahr, das langsam endet. Ist da was dran? Je unzufriedener man mit 2022 war, umso unbedingter muss mans dann doch noch mit Pauken und Trompeten entlassen? Wenn auch leise? Nun ja, die Tage vor und nach Silvester sind eine Zeit der grossen Gefühle. Da rappelts nochmal so richtig im Gefühlskarton. Los gehts schon mit Weihnachten und dem Zusammenkommen der Familie. So nah ist man sich selten. Da hockt man aufeinander und spürt oft ganz deutlich diese unterschiedlichen Vorstellungen und aufgebauschten Hoffnungen, die an die besinnliche Zeit (oder das gesamte Leben) geknüpft sind. Nicht selten führt das zu Enttäuschungen, Streit und Stress. Gedrückte Stimmung schon vor Silvester. Ein explosiver Cocktail, der lauter knallt als jeder Böller.

Zudem ist das Jahresende für viele Menschen die Zeit, zurückzublicken. Hat es sich wirklich gelohnt, den Job zu kündigen? Habe ich es wieder nicht geschafft, etwas zu verändern? Warum war ich so oft krank? Bin ich in meiner Beziehung nicht immer noch genauso unglücklich wie vor rund 350 Tagen? Warum bin ich noch immer Single? Und werde ich es immer bleiben? Da wird abgerechnet. Mit der Seele. Ganz und gar gnadenlos. Wie zur Hölle soll man sich da sicher sein, ob es sich überhaupt lohnt, sich aufs neue Jahr und seine Möglichkeiten zu freuen? Oft verfällt man in tiefe Trauer: weint verpassten Gelegenheiten und nicht erreichten Vorsätzen hinterher.

Die gute Nachricht: Ein bisschen Neujahrsblues gehört dazu


Zumindest dann, wenn sich Wünsche oder Träume nicht erfüllt haben. Traurig sein ist ok, das ständige «Good vibes only» darf man auch mal ausblenden – und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Ein kurzes Eisbad im Selbstmitleid schadet nicht. Schlechte Gefühle zulassen, bitte. Denn es ist schliesslich so: Der Mensch neigt dazu, sich zuerst an das Negative zu erinnern. Das ist eine vollkommen normale Reaktion. Das, was schlecht gelaufen ist, frisst sich ins viel tiefer ins Gedächtnis, als das, was echt cool war. In der Liebe lief es nur beschissen? Sicher? Wars nicht fantastisch vor dem grossen Crash? Der Job nervt? Aber da sind doch die netten Kolleg*innen, die inzwischen zu Freund*innen geworden sind. Also: nicht zu lange grübeln, sondern Lösungsansätze suchen. Und sich dennoch auf den potentiellen Erfolg in 2023 freuen. Oder es zumindest versuchen. Kann schliesslich nicht immer alles sofort klappen. Ähnlich ist es mit der Silvesterparty. Die Endzeitstimmung schwingt bei jeder Frage nach den Plänen mit. Ihr grummelt schon wieder, ihr habt keine Lust, euch damit auseinanderzusetzen? Nix da! Dinge akzeptieren, sie als neue Chance sehen. Und nicht schon vorher motzen. Das Jahr ist noch nicht um. Vielleicht wird Silvester ja doch ganz gut. Und anfängliche Skepsis macht Parties schliesslich meist legendär.

Von Style am 28. Dezember 2022 - 11:00 Uhr