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SI-Stammtisch in Luzern

Jetzt braucht es Freunde

Wie hat die Pandemie Sport und Kultur verändert? Worüber muss man sich Gedanken machen, bevor man Flüchtlinge aufnimmt? Am SI-Stammtisch ist man sich einig: In der Not ist Solidarität etwas vom Wichtigsten.

Stammtisch Luzern, Mario Gyr, Mira Weingart, Sonja Dinner, Letizia Ineichen, Michael Haefliger

Gruppenbild mit Olympiasieger: Ruder-Champ Mario Gyr, Mira Weingart, Sonja Dinner, Letizia Ineichen und Michael Haefliger. «Die Schweizer Solidarität ist bemerkenswert», sagt Letizia Ineichen.

Kurt Reichenbach

Der SI-Stammtisch gastiert in der Luzerner Altstadt – direkt an der Reuss, mit fantastischem Blick auf die Kapellbrücke. Im Zunfthausrestaurant Pfistern empfängt Moderator Werner De Schepper eine illustre Runde aus Sport und Kultur: SRF-Moderatorin Mira Weingart, 25, Letizia Ineichen, 43, die Leiterin Kultur und Sport der Stadt Luzern, Sonja Dinner, 59, Gründerin der Stiftung Solidarité Suisse, Michael Haefliger, 61, Intendant des Lucerne Festival, sowie Ruder-Olympiasieger Mario Gyr, 37.

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Willkommen am SI Stammtisch

Der SI Stammtisch ist eine publizistische Initiative der Schweizer Illustrierten und Illustré in Zusammenarbeit mit DEAR Foundation-Solidarité Suisse und UBS Schweiz.

Werner De Schepper: Mario Gyr, kennen Sie Sportler, die während der Pandemie unter die Räder gekommen sind?
Mario Gyr: Ich war erstaunt, wie schwach der Sport in Politik und Gesellschaft vertreten war. Es fehlt an Lobbyisten in besten Positionen. Gewisse Sportler hätten ohne Sporthilfe nicht überlebt. Die meisten Sportler verdienen weniger als 40'000 Franken pro Jahr.

Sie auch?
Gyr: Zuletzt war es mehr – aber ich fiel lange in diese Kategorie.

Mira Weingart: Das ist ungefähr gleich wie in der Musik – vor allem im Rap. Einer meiner besten Freunde hatte während der Pandemie eine grosse Tour geplant – mit zehn Konzerten. Aber alle fielen ins Wasser. Dann sinkt das Einkommen plötzlich auf null.

Dann zog er bei Ihnen ein?
Weingart (lacht): Er wohnte schon vorher bei uns. In solchen Zeiten ist es besonders wichtig, verlässliche Partner und Freunde zu haben.

Sonja Dinner: Es waren vor allem zwei Bereiche, die eine schwache Lobby hatten: Kultur und Sport.

Letizia Ineichen: Eigentlich hatte man das Gefühl, dass die Lobby im Sport grösser und verlässlicher sein würde. Doch in der Kultur schlossen sich die Reihen schnell, und die Beteiligten formierten sich und federten sich gegenseitig gut ab – vor allem, was die Institutionen und die Vereine betraf. Schwieriger wurde es bei den freischaffenden Künstlern.

Dinner: Aber bei Einzelnen taten sich auch Chancen auf. Schwieriger war es für grössere Organisationen – mit einem umfangreichen Rahmenprogramm oder aufwendiger technischer Infrastruktur.

Stammtisch Luzern, Mario Gyr, Mira Weingart, Sonja Dinner, Letizia Ineichen, Michael Haefliger

«Wir boten beim Lokalradio quasi Lebenshilfe am offenen Herzen»: Moderatorin Mira Weingart.

Kurt Reichenbach

«Man soll ehrlich fragen: Kann ich jemanden aufnehmen? Das sind traumatisierte Menschen»

Sonja Dinner
Stammtisch Luzern, Mario Gyr, Ruderer, Unternehmer, Jurist

«Als Spitzensportler lebt man wie auf einer Achterbahn. Man muss versuchen, die Balance zu finden»: Mario Gyr.

Kurt Reichenbach

Herr Haefliger, spüren Sie beim Lucerne Festival noch Nachwirkungen der Pandemie?
Michael Haefliger: 2019 war ein Top-Jahr. Als dann die Pandemie ausbrach, stellte sich die Frage: Wie lange dauert sie? Wir haben einen Saal, der über 1800 Leuten Platz bietet – und wir empfangen bei uns Menschen aus allen Generationen und Gesellschaftsschichten. Der Kontakt zur öffentlichen Hand war sehr gut organisiert. 2021 konnten wir bereits wieder ein grosses Sommerfestival veranstalten, aber mit reduzierter Platzkapazität. In diesem Sommer wollen wir zurück zur Normalität. Ziel ist es, den Saal wieder komplett zu füllen. Wir wissen, wo wir die Entscheidungen treffen müssen und welchen Weg wir einschlagen sollen. Wir hatten im Frühlingsfestival eine tolle russische Künstlerin, die ein ukrainisches Stück spielte.

Stammtisch Luzern, Michael Haefliger Intendant Lucerne Festival

«Künstler, die Wladimir Putin und die russische Regierung unterstützen, fallen bei uns ausser Rang und Traktanden»: Michael Haefliger.

Kurt Reichenbach

Nach welchem Kriterium nehmen Sie in der jetzigen Situation ausländische Künstler unter Vertrag?
Haefliger: Es sind Massnahmen, die sich mit Sanktionen vergleichen lassen. Künstler, die Wladimir Putin und die russische Regierung unterstützen, fallen bei uns ausser Rang und Traktanden. Handkehrum hatten wir ein sehr schönes Benefizkonzert mit der deutschen Geigerin Anne-Sophie Mutter, bei dem 200 000 Franken zugunsten der Leidtragenden und Opfer in der Ukraine gesammelt wurden.

Gyr: Bei der Stiftung der Pilatus Akademie boten wir quasi Direkthilfe an mit der Unterbringung von zwei Müttern mit ihren Kindern und in Form von Nachhilfeunterricht, den ein junger Handballer gibt, der Russisch spricht. Sprachkompetenzen sind in diesen Zeiten noch wichtiger als sonst.

Ineichen: Wir machten in den vergangenen zwei Jahren sehr gute Erfahrungen. Die Solidarität, die während der Pandemie spielte, war bemerkenswert. Wir realisierten, welche Relevanz Kultur und Sport in Krisenzeiten besitzen. Es entstanden interessante Bekanntschaften, Verbindungen und Formate – hybride Formate, digitale Formate. Im Bereich des Sports im Allgemeinen und bei der Jugendförderung im Speziellen.

Gyr: Das kann ich bestätigen. Wer hat durch die Pandemie gewonnen? Es waren oft die innovativen und flexiblen Kleinen. Die Sportler haben nun aber gelernt, dass man sich anders verkaufen kann. Die Innovationskraft wurde in dieser Krisenzeit gefördert – und das Profil geschärft.

Stammtisch Luzern, Mira Weingart, Moderatorin SRF Virus

Bleibende Spuren. Mira Weingart und Michael Haefliger verewigen sich auf dem Stammtisch-Tischtuch.

Kurt Reichenbach

Weingart: Aber grundsätzlich dauern die Prozesse zu lange. Am Anfang der Pandemie arbeitete ich bei Radio Pilatus – und wir alle spürten: Jetzt braucht es uns. Wir boten quasi Lebenshilfe am offenen Herzen an – die besten Rezepte und Tipps gegen Langeweile. Auch in der Kunst war es ähnlich: SRF hatte eine 24-Stunden-Liveshow. Wow. Am Anfang wurde ich beflügelt – ich fühlte mich gebraucht. Aber irgendwann wurde es zu lange – und auch beim Publikum trat ein Gefühl der Sättigung und Ermüdung ein.

Dinner: Am Anfang brandete eine Welle der Hilfsbereitschaft durch die Gesellschaft und sorgte für Schub. Wenn man dies international betrachtet, ist es immer das Gleiche. Zu Beginn kommt alles miteinander – und irgendwann verpufft der Effekt. Dabei wären Nachhaltigkeit und Konstanz viel wichti-ger. Ich beobachte etwas Ähnliches bei den Ukraine-Flüchtlingen. Es läuft in der Schweiz besser als in Deutschland. Aber jeder muss sich fragen: Was kann man wirklich leisten, wo und wie lange kann man helfen? Es ist wichtig, dass man solidarisch ist. Aber man soll ehrlich fragen: Kann ich jemanden aufnehmen? Das sind nicht wohlsituierte Touristen. Das sind traumatisierte Menschen, die auch psychologische Unterstützung brauchen. Wenn ich niemanden privat aufnehmen kann, besitze ich vielleicht andere Möglichkeiten. Ich spreche Russisch oder Ukrainisch – und kann so helfen. Oder ich helfe mit Geld. Wir haben mehrere Beispiele von Flüchtenden, die nun schon wieder weggeschickt werden.

Weingart: Das ist schlimm – denn die-se Hilfe ist nicht ehrlich. Auf Social Media stelle ich einen Hype fest. Am Anfang hatten alle Blau-Gelb in der Story. Mittlerweile sieht man davon weniger.

Haefliger: Wir sind in einer Kriegssituation. Und wir müssen uns etwas Grundsätzliches eingestehen: Wir haben die Ukraine nicht richtig beachtet. Die, die gesagt haben, Putin weicht zurück, lagen falsch. Wir stehen in der Verantwortung.

Dinner: Wir müssen langfristig denken und uns anders positionieren. Jetzt sind mehr als Blitzlichter und Schnellschüsse gefragt.

Haefliger: Wir müssen alle einen Beitrag leisten.

Ineichen: Und wir müssen übergeordnet denken und integrativ agieren.

Gyr: Mit den ukrainischen Ruderern hatten wir Kontakt. Wir unterstützten sie, so gut wir konnten. Als die Russen angriffen, wollten sie ihre Boote in der U-Bahn verstecken. Wir sind verantwortlich, was in der Zukunft passiert. Wir müssten eigentlich unsere alten Boote nach Kiew verschenken.

Ineichen: In dieser Beziehung können wir in der Schweiz viel beitragen. Gleichzeitig stehen wir uns selber im Weg. Denn es darf nie etwas kosten. Städte wollen sich über Kulturprojekte oder Sportprogramme auszeichnen. Sport und Kultur haben eine extrem wichtige Bedeutung.

Dinner: Kultur und Sport haben eine gewaltige Kraft. Deshalb mein Antrag: Strukturen schaffen, langfristige Planungen angehen und umsetzen. Wir bauen etwas langfristig auf – das sind menschliche Errungenschaften, die auch für spätere Krisen nutzbar gemacht werden müssen.

«Ich habe ­geträumt, dass ich ein ­Orchester an die Front in der ­Ukraine fliege»

Michael Haefliger
Stammtisch Luzern, Michael Haefliger Intendant Lucerne Festival

«Wir müssen alle einen Beitrag leisten»: Michael Haefliger.

Kurt Reichenbach

Mario Gyr, Sie nennen sich Unternehmer, Spitzensportler und Träumer. Wovon träumen Sie?
Gyr: Als Spitzensportler lebt man wie auf einer Achterbahn. Man muss versuchen, die Balance zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu finden.

Weingart: Ich habe den grössten Rap-Event hinter mir – Cypher. Der findet auf SRF Virus statt. In einer siebenstündigen Livesendung tritt eine Künstlerin nach der anderen auf.

Dinner (lacht): Wie ist das Durchschnittsalter? Sind die schon konfirmiert?

Weingart: Die Kirche interessiert das weniger. Aber zurück zu Ihrer Frage nach den Träumen. Ich hatte keine Zeit zu träumen.

Haefliger: Ich habe geträumt, dass ich ein Orchester an die Front in der Ukraine fliege. Was würden die russischen Soldaten wohl machen, wenn sie plötzlich Tschaikowski hören würden? Würden sie aufhören zu schiessen? Könnte die Musik diesen Abgrund schliessen? Könnten wir das über irgendein kollektives Erlebnis schaffen?

Attraktives Kostenumfeld

Katharina Hofer und Claudio Saputelli UBS

 

 

ZVG

Bedeutendes Zentrum. Wachstumsstarke Branchen. Der Kanton Luzern profitiert von der Schubkraft der grössten Stadt – und von der aufstrebenden Region Sursee-Seetal.

Der grösste Zentralschweizer Kanton verfügt mit seinem namensgebenden Hauptort Luzern über ein beachtliches regionales Zentrum. Die Stadt am Vierwaldstättersee hat neben der Universität eine bedeutende Infrastruktur und zeichnet sich durch wachstumsstarke Branchen im Dienstleistungsbereich aus. Zusammen mit der aufstrebenden Region Sursee-Seetal trägt sie massgeblich zu den soliden langfristigen Wachstumsaussichten bei. Darüber hinaus bietet der Kanton Luzern ein attraktives Kostenumfeld dank einem der landesweit tiefsten Steuersätze für Unternehmen. Eine unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit sowie eine wachsende Erwerbsbevölkerung zeugen von einer dynamischen Wirtschaft.Abseits der städtischen Strukturen ist das Wachstumspotenzial begrenzter. Über alle Regionen hinweg hat der Kanton Luzern bei der Innovation noch Luft nach oben. Mit Investitionen in entsprechende Einrichtungen wie dem Switzerland Innovation Park Central könnte künftig der Abstand zu den diesbezüglich stärksten Kantonen verringert werden.

Die Ökonomen Katharina Hofer und Claudio Saputelli sind die Autoren des UBS-Wettbewerbsindikators.

Von Thomas Renggli am 9. Mai 2022 - 12:23 Uhr
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