1. Home
  2. Content
  3. Nachhaltiges Leben: Dorothea Strauss von der Mobiliar in Gespräch mit Peter Rothenbühler

Engagement für eine bessere Welt

Was wir alles fürs Klima machen könnten

Dorothea Strauss, Leiterin Gesellschaftsengagement bei der Mobiliar, ist im Gespräch mit dem Publizisten Peter Rothenbühler überzeugt: «Kreative schaffen den konstruktiven Perspektivenwechsel.»

Peter Rothenbühler, Dorthea Strauss, 2020

Während des zweistündigen Gesprächs tauschten sich Peter Rothen­bühler und Dorothea Strauss engagiert aus.

Flavio Leone

Dorothea Strauss leitet seit sieben Jahren die Abteilung Corporate Social Responsibility, (Unternehmerische und gesellschaftliche Verantwortung) bei der genossenschaftlichen Mobiliar. Gemeinsam mit ihrem Team befasst sie sich mit der Frage, wie das Zusammenführen von Disziplinen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit, die Gesellschaft inspiriert und die Schweiz gemeinsam vorwärtsbringt. Peter Rothenbühler, langjähriger Chefredaktor der Schweizer-Illustrierten, Publizist und Kolumnist, war einer der Gäste beim Mobiliar Experiment.

Ein Gespräch über persönliche und unternehmerische Verantwortung, Kreativität als Kompetenz und Bewegung – im Alltag und im Geist.

Dorothea Strauss, Sie sagen, das «Mobiliar Experiment“ sei ein Geschenk an die Schweiz. Was heisst das?
Strauss: Unser Unternehmen hat eine lange genossenschaftliche Tradition und uns für die Schweiz zu engagieren ist ein wichtiges Anliegen. Für Klimaforschung am Oeschger Institut an der Uni Bern setzen wir uns bereits seit 2008 ein. Am Mobiliar Forum Thun, wo wir seit sechs Jahren eine kostenlose Innovationswerkstatt für KMU und NGOs betreiben, haben wir auch das Mobiliar Experiment durchgeführt. Ziel war es, in einem mehrtägigen Workshop mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten neue Ideen für eine nachhaltige Schweiz zu entwickeln. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse stellen wir allen zur Verfügung. Gratis.

Mehr für dich

Peter Rothenbühler, sie waren Teil des Experiments. Was hat Sie daran gereizt?
Rothenbühler: Ich reagierte zuerst mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. In jeder Firma wird heutzutage Innovation und Kreativität verlangt, ergo schiessen solche sogenannten „Kreativ-Workshops“ ja wie Pilze aus dem Boden. Doch ganz ehrlich: Vieles ist Bluff! Mich reizte, wie die Mobiliar damit umgeht.

Und?
Rothenbühler: Eine Firma, an deren Hauptsitz in Bern so viel gute Kunst hängt, ist für mich per se glaubwürdig. Vielleicht ist das für einige nicht matchentscheidend, aber ich bin sensibilisiert darauf, mit welcher Kunst sich Menschen umgeben, welche Musik sie hören, was für Bücher sie lesen.

Peter Rothenbühler, 2020

Peter Rothenbühler: «Ökologie beginnt für mich zu Hause und ist kein teurer Lifestyle»

Flavio Leone

Sie kennen Dorothea Strauss auch persönlich.
Rothenbühler: Ja, das stimmt. Als Journalist beobachte ich ihren Weg seit ihren Zeiten als Museumsdirektorin. Mich beeindruckt, wie zielstrebig und innovativ sie denkt und handelt. Und dies in einer Zeit, in der viele Firmen die kulturelle Dimension, das Überflüssige, aus dem Programm kippen.

Überflüssig? 
Strauss: Merci, Peter (schmunzelt). Ja, die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur wird in vielen Unternehmen immer noch als schmückendes Beiwerk verstanden.

Dabei…
Strauss: …bietet Kunst ein Trainingsfeld für Zukunftsfragen. Ökonomische Herausforderungen lassen sich nicht nur mit ökonomischen Ansätzen lösen.


Rothenbühler: Von vielen Managern wird Kunst und Kreativität gar nicht verstanden. Es macht sich einfach gut, ein paar Verrückte mit an Bord zu haben.
Strauss: Ich nenne es lieber «konstruktiven Perspektivenwechsel». 


Rothenbühler: In den Firmen fehlen Freiräume, sich mit Fragen zur Gesellschaft auseinander zu setzen – ausserhalb des operativen Geschäfts

Ausser- oder innerhalb des operativen Geschäfts, Dorothea Strauss
Strauss: Für mich eindeutig: innerhalb. Unser Engagement für die Umwelt, für Forschung, Kunst und Nachhaltigkeit erachte ich nicht als Parallelwelt.

Im Rahmen dieser Initiativen steht auch die Kollaboration mit der Schweizer-Illustrierten.
Strauss: Richtig. Wir wollen Verantwortung übernehmen und gemeinsam für dieses Thema Öffentlichkeit schaffen.

Stichwort Verantwortung.
Rothenbühler: Wenn man dieses Wort ausspricht, dann assoziieren die meisten gleich etwas Anstrengendes, eine Verpflichtung.

Ist sie das denn nicht?
Strauss: Doch, aber eben auch die Lust, dass man etwas tun kann. Dass man sich selbst ermächtigen kann, aktiv zu werden.


Rothenbühler: Entscheidend ist, wo man die Hebel der Veränderung ansetzt. Und dass man es vernünftig tut.


Strauss: Stimmt. Zum Beispiel Fliegen: Einerseits ist es sehr wichtig, CO2 einzusparen, andererseits wollen wir uns mit anderen Kulturen austauschen, voneinander lernen. Nachhaltigkeit bedeutet auch, verschiedene und gegensätzliche Wertvorstellungen miteinander zu verbinden und mutig in Szenarien zu denken.

Dorthea Strauss, 2020

Dorothea Strauss: «Wir brauchen das Mammut, das uns aufschreckt»

 

Flavio Leone

Peter Rothenbühler, wurden denn beim Experiment auch genügend kritische Fragen gestellt?
Rothenbühler: Ganz ehrlich, es überraschte mich, wie brav und diszipliniert alle waren. Ich dachte immer, Kreative wie wir, sind Leute, die stören. (lacht) Doch Spass beiseite. Auch wenn ich die informellen Gespräche fast am spannendsten fand, mich hat die Dynamik während des offiziellen Experiment-Teils begeistert, auch wenn da Überzeugte zu Überzeugten sprachen..
Strauss: Das bringt uns wieder zum Thema mutig in Szenarien zu denken.


Rothenbühler: Die Taten zählen. Bemerkenswert mutig fand ich die demonstrierende Klima-Jugend vor dem Bundeshaus. Ich staunte, wie seriös diese Aktivisten organisiert sind. Auch wenn viele Politiker und Medien solche Aktionen gerne in der Luft zerreissen, weil sie Verbote überschreiten, die wesentlichste Botschaft ist bei den Bundespolitikern rübergekommen: macht vorwärts. Damit zeigten die Demonstranten zu meiner Überraschung auch grosses Vertrauen in die Institutionen. Mit der Demo direkt vor dem Bundeshaus signalisierten sie, dass sie der Regierung etwas zutrauen. Im Sinne von: Macht ein bisschen schneller mit eurer Klimapolitik! Das war eigentlich ein Miteinander, kein Gegeneinander. Das haben viele Kommentatoren und Politiker schnell übersehen.

Reden wir über Nachhaltigkeit im Alltag. Wo setzen sie die Hebel an, Peter  Rothenbühler? 
Rothenbühler: Mit meiner Familie lebe ich seit Jahren quasi vollwertig auf dem Land. Ich esse ausschliesslich Bioprodukte und kaufe Gemüse und Fleisch bei den Bauern unserer Region. Alles, was wir an Abfall vermeiden können, vermeiden wir. Daneben bin ich am liebsten zu Fuss unterwegs. Schritt für Schritt, und mit eingeschalteten Sinnen. Ökologie beginnt für mich vor der Haustüre, denn die Menschen sollten sich dort bewegen, wo sie leben. Ein nachhaltiges Leben zu führen, ist kein teurer Lifestyle.

Wie meinen Sie das?
Rothenbühler: Gerade während des Lockdowns litten die meisten Menschen unter akutem Bewegungsmangel. Was haben sie gemacht? Sie haben sich bewegt wie verrückt, haben E-Bikes gekauft - also voll trendy und ökologisch! Meinten sie. Im Sommer rasten diese meist älteren Ehepaare wie die Wilden durch die Landschaft… Der Streckenabschnitt direkt vor unserem Haus im Vallée de Joux glich zuweilen einer Formel 1-Strecke für generationenübergreifende Elektromobilität. Diese Herumhetzerei war beängstigend. Wann haben die denn eine Blume am Wegrand betrachtet?

Was raten Sie diesen E-Gestressten? 
Rothenbühler: Besteigt zu Fuss wieder mal einen Berg! Von mir aus auch einen Hügel. Und setzt euch zwischendurch irgendwo hin, ohne Handy und ohne Plan, und beobachtet, wie alles um euch herum in Bewegung ist.

Welche Hebel interessieren Sie, Dorothea Strauss?
Strauss: Es muss uns gelingen, auch die Skeptiker zu erreichen und diejenigen, die dem Wandel kritisch gegenüberstehen Und es ist entscheidend, dass Nachhaltigkeit kein Thema von Reichtum werden darf. Wir brauchen machbare Ansätze für alle.

Das heisst?
Strauss: Im Gespräch bleiben finde ich sehr wichtig. Gräben vermeiden und gemeinsam lernen, sich zu verändern. Auf lieb gewonnene Gewohnheiten verzichten und Neues entwickeln. Ich war zum Beispiel immer eine leidenschaftliche Autofahrerin. Heute fahre ich fast nur noch mit dem Zug. Früher bin ich mehr geflogen, heute geht vieles auch via Skype. Ich kaufe lokal ein, vermeide Foodwaste und stelle meine Garderobe auf nachhaltig um. Ein umfangreiches Unterfangen (lacht).


Rothenbühler: Man darf nicht übertreiben: Wenn jetzt unbedingt die Nachtzüge wieder eingeführt werden sollen, damit die Leute weniger fliegen, dann lache ich: ein Nachtzug transportiert einmal pro Tag sechzig Leute von Zürich nach Wien, mit einem enormen Personal- und Energieaufwand. Die gleiche Strecke bewältigt ein Flugzeug viermal für 250 Leute. Die Energiebilanz spricht für das Fliegen. Ich lasse mir jetzt nicht alle Errungenschaften der modernen Mobilität von Gläubigen kleinreden.

Hat der Lockdown auf das nachhaltige Verhalten der Menschen gewirkt? 
Strauss: Der Lockdown hat schon auch gezeigt, dass wir wahrscheinlich immer noch alle das Mammut brauchen, das uns aufschreckt. Der Mensch braucht Druck, bis er reagiert und sich bewegt.  Ich empfinde grosse Demut, wie gut wir bislang in der Schweiz Covid-19 verkraften, verglichen mit vielen anderen Ländern. Trotzdem schleicht sich auch immer mehr die Sorge in unser Leben. Und gleichzeitig hoffe ich sehr, dass diese Zeit wie ein weltweiter Weckruf wirkt – wie wir nämlich mit Themen wie Nachhaltigkeit, Wirtschaftswachstum oder auch Solidarität in Zukunft umgehen.

Wie gehen Sie persönlich damit um?
Strauss: Am meisten Klarheit und Einsicht fand ich bei uns vor der Haustüre, in den Wäldern, zusammen mit meinem Mann. Wir haben unsere langen Spaziergänge als neues Ritual etabliert.  Meine Liebe zur Natur, mit ihrer Grosszügigkeit und Intensität, ist noch viel stärker gewachsen.


Rothenbühler: Das spüre ich auch ganz stark. Jedes Mal, wenn ich durch die riesigen Wälder des Vallée de Joux gehe, wird mir wieder bewusst: Die Natur hat eine enorme Kraft, sie ist eine Überlebenskünstler, sie würde auch alles überwuchern, wenn wir als Menschen sie nicht bewirtschaften, eindämmen und – ja – beherrschen würden, dort wo wir Lebensraum für Menschen schaffen und erhalten wollen. Nur müssen wir das mit einem grossen Sinn für Verantwortung machen, mit Weitsicht und mit Respekt für das Leben, die Tiere und die Pflanzen.
Strauss: Die Natur gibt uns auch in unsicheren Zeiten das Gefühl des Aufgehobenseins.


Rothenbühler:  Und damit schliesst sich hier auch wieder der Kreis zum Experiment und den Ideen – wie man ein sinnvolles Leben in der Natur, der Umwelt, für die Gemeinschaft, für die Zukunft führen kann.

Zeit zu handeln

Das ist eine Initiative für nachhaltiges Leben der Schweizer Illustrierten und der Mobiliar.

Von Martina Bortolani am 22.10.2020
Mehr für dich