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Adipositas bei Kindern

Ab wann ist Babyspeck kein Babyspeck mehr?

Wird mein Kind übergewichtig, wenn es kein Gemüse isst? Ist Zucker des Teufels? Und ab wann sind Fettpölsterchen nicht mehr herzig, sondern ein Problem? Adipositas-Expertin Bettina Isenschmid klärt die wichtigsten Fragen.

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Sobald Kinder laufen können, sollte man ihre speckigen Beinchen genau beobachten.

Getty Images

Frau Isenschmid, wie viele Kinder in der Schweiz sind von Übergewicht betroffen?
Jedes sechste Kind in der Schweiz ist von Übergewicht betroffen, jedes zwölfte ist fettleibig. Damit stehen wir leicht besser da als das umliegende Ausland. Jedoch sind die Zahlen in der Tendenz wieder eher steigend, vor allem in den städtischen Zentren und bei Kindern im Oberstufenalter. Das zeigt: Es handelt sich um ein chronisches Problem, ab dem wir dranbleiben müssen. Früher war Übergewicht vor allem in der Unterschicht und bei der ländlichen Bevölkerung stärker vertreten. Heute sind alle Bevölkerungsanteile betroffen. Häufiger betroffen sind jedoch bildungsferne Familien mit Migrationshintergrund. 

Wie lange ist Babyspeck noch normal – oder anders gefragt: Ab wann müssen Eltern handeln?
Im ersten halben Lebensjahr benötigen Babys eine ausreichende Fettschicht unter der Haut, als Isolation und Schutz. Spätestens ab dem zweiten Lebensjahr, wenn die Kinder anfangen zu laufen, sollte man genauer hinschauen. Das Gewicht in diesem Alter ist eine gute Vorhersage fürs Erwachsenenalter. Deshalb sollte man nicht einfach zuschauen und Pölsterchen als Babyspeck abtun. Wichtig ist auch, dass man die Bewegungsfreudigkeit, die Kinder in diesem Alter zeigen, nicht abklemmt und sie beispielsweise nicht ständig im Auto chauffiert. Auch die Hirnentwicklung profitiert von der Bewegung.  

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Was ist der Auslöser für Übergewicht bei Kindern?
Es ist eine Bilanzfrage: Wenn wir ständig mehr zu uns nehmen, als wir verbrauchen, dann werden wir übergewichtig. Deshalb ist es sehr wichtig auf ausreichend Bewegung und bedarfsgerechte Ernährung zu setzen. Die Genetik macht rund 50 Prozent der ursächlichen Konstellation aus. Aber das sollte nicht dazu führen, dass man sich einfach seinem Schicksal fügt – im Gegenteil! Zu einer ungünstigen Ausgangslage sollte man nicht noch ein ungünstiges Umfeld schaffen. Gerade wenn es in der Familie Probleme mit Übergewicht gibt, sollte man schon früh Wachstum und Gewicht der Kinder beobachten. 

«Hinterfragen Sie das eigene Ess- und Bewegungsverhalten und delegieren Sie diese Aufgabe nicht an die Schule oder an Fachleute.»

Bettina Isenschmid

Was sind die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht?
Je älter das Kind wird, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Zustand im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Körperliche Folgen umfassen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechsel-Störungen, Diabetes Typ II, gewisse Krebsarten, Gicht, Fruchtbarkeitsstörungen. Adipöse Kinder entwickeln Fehlstellungen des Skeletts, die später zu Gelenkbeschwerden führen können. Nicht vergessen darf man die psychischen und sozialen Auswirkungen. Übergewicht führt zu Verunsicherung und Ängsten, die bis zu Depression und Suizidalität führen können. Auch Mobbing und Ausgrenzung setzen den Kindern stark zu. Im Erwachsenenalter sind Übergewichtige bei der Stellen- und Partnersuche benachteiligt. 

Müssen sich Eltern Vorwürfe machen, wenn ihr Kind übergewichtig ist?
Vorwürfe bringen nichts, sie verhindern eher, dass Eltern frühzeitig Hilfe suchen und dann mit ihren Sorgen allein bleiben. Aber es ist schon so: Je kleiner das Kind, desto grösser der Einfluss der Eltern. Es braucht eine klare Linie, Widerstandskraft und vor allem ein gutes Beispiel. Kinder sind gute Beobachter. Ihnen fällt es auf, wenn am Esstisch zuerst über das Gemüse gestritten wird und die Eltern danach vor dem Fernseher Praliné essen. Das wirkt unglaubwürdig. Also legen Sie das Handy weg und widmen sie sich der Mahlzeit. Essen Sie als Familie – kurz: hinterfragen Sie das eigene Ess- und Bewegungsverhalten und delegieren Sie diese Aufgabe nicht an die Schule oder an Fachleute. 

Wie setzt man ein Kind auf Diät?
Gar nicht. Ein Kind, das noch im Wachstum ist, sollte man ausser in ganz extremen Adipositas-Fällen keiner Diät unterziehen. Denn wenn es weniger Nährstoffe als nötig bekommt, können sich ein Wachstumsstopp und eine Unterversorgung von wichtigen Organen einstellen. Vielmehr sollte die ganze Familie mitziehen und als Erstes das weglassen, was keines der Familienmitglieder wirklich braucht: ein tägliches Dessert, ungesunde Zwischenmahlzeiten oder Süssgetränke zum Beispiel. Dann ist schon vieles geschafft. 

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Bettina Isenschmid ist Chefärztin am Kompetenzzentrum für Adipositas, Essverhalten und Psyche KEA des Spital Zofingen. Sie hat selber zwei erwachsene Kinder und ein Grosskind. 

ZVG

Reicht das denn?
In einem nächsten Schritt schaut man sich an, wie die Mahlzeiten zusammengesetzt sind. Besteht zum Beispiel ein Überangebot an Fett? Viele Menschen können das gar nicht mehr richtig einschätzen. Aufschnitt zum Beispiel besteht zur Hälfte aus Fett. Beim Cervelat ist es auch nicht besser. Auch Käse ist vor allem ein Fettlieferant, auch wenn er auch fürs Wachstum wichtige Proteine liefert. Grundsätzlich ist die Schweizer Kost sehr kohlenhydratlastig. In einem Teller Spaghetti mit Pesto ist kaum Eiweiss. Je autonomer ein Kind wird, desto eher wird es sich Dinge selbst dazukaufen. Und spätestens dort sind wir dann bei der Rolle der Nahrungsmittelindustrie, die unseren Präventionsmassnahmen mit ihren Werbebotschaften entgegenwirkt.  

Muss ich mir Sorgen machen, dass mein Kind übergewichtig wird, wenn es partout kein Gemüse essen will?
Nicht zwingend. Es ist so, dass ich der kindliche Körper das holt, was er braucht und ihr Kind nicht sofort einen Vitaminmangel bekommt, wenn er sich eine Zeit lang nur von Kartoffeln und Fleisch ernährt. Das sogenannt natürliche Essen geht heute jedoch immer schneller vergessen, weil Kinder immer früher äusseren Einflüssen ausgesetzt sind. Überlegen Sie sich, wie Sie das Gemüse lustvoller präsentieren können und bestehen Sie nicht auf den Brokkoli, wenn das Kind lieber Rüebli knabbert. Besonders anfangs mögen Kinder keine Bitterstoffe. Da gibt man halt süsslichere Gemüsesorten. Aber geben Sie nicht auf: Der kindliche Gaumen muss sich an neue Geschmäcker gewöhnen. Manche Dinge müssen Kinder bis zu 21 Mal probieren. 

Was tue ich denn, wenn mein Kind übergewichtig ist, aber ständig Hunger hat?
Unser Nährstoffbedarf ist in der Regel mit drei Hauptmahlzeiten am Tag gedeckt. Danach hat man nur noch Gluscht. Überlegen Sie sich also, ob ihr Kind wirklich Hunger hat und warten Sie mal zwanzig Minuten ab, bevor sie reagieren. Es gibt viele psychosoziale Faktoren, die ihrem Kind den Eindruck vermitteln können, es sei hungrig. Ist ihm vielleicht langweilig? Hat es gerade eine Werbung gesehen? Oder haben Sie selbst gerade etwas geknabbert? Essen stimuliert das Belohnungssystem und hat deshalb oft emotionale Gründe, Kummer in der Schule zum Beispiel.  

«Wichtig ist es, die Grösse der Portionen kindgerecht zu gestalten, die Mahlzeit klar zu begrenzen und allfällige Reste und Naschereien stets wegzuräumen.»

Bettina Isenschmid

Kann ich denn einfach nein sagen, wenn mein Kind mehr essen möchte?
Kinder müssen sicher mit der Zeit lernen, ihre Sättigung selbst zu spüren. Weil Essen einfach auch schmeckt und häufig zur Gefühlsbewältigung gegessen wird, kommen die Eltern nicht darum herum, Grenzen zu setzen, manchmal auch durch ein striktes Nein. Voraussetzung ist natürlich, dass auch die Eltern selber diese Grenzen einhalten. Wichtig ist es, die Grösse der Portionen kindgerecht zu gestalten, die Mahlzeit klar zu begrenzen und allfällige Reste und Naschereien stets wegzuräumen. Wenn das Kind dann doch weiter Essen verlangt, hilft die Ablenkung durch andere Aktivitäten und vor allem auch gemeinsame Zeit zu verbringen, das ist Seelennahrung!

Wie geht man mit unterschiedlichen Bedürfnissen in der Familie um? Zum Beispiel: Der Sohn isst wie ein Mähdrescher und bleibt schlank, die Tochter setzt schnell Pfunde an?
Bereiten Sie ein gesundes, ausgewogenes Menü für alle zu, möglichst ohne Süssgetränke und Zusatzzucker in Form von Süssigkeiten. Wählen Sie zudem Produkte mit geringerer Fettstufe. Kochen Sie nach Möglichkeit selber und lassen Sie die Kinder mithelfen, damit sie einen guten Bezug zum Essen und seinen Inhaltsstoffen entwickeln. Grundsätzlich entscheiden die Eltern, was auf den Tisch kommt, und die Kinder wählen, wie viel sie davon essen. Mit dieser einfachen Regel kann man auch die unterschiedlichen Bedürfnisse bezüglich Alter, Wachstum, körperlicher Aktivität und individuellem Appetit auffangen. 

Wie wird sich die Corona-Krise auf unser Gewicht auswirken?
Darauf bin ich auch gespannt! Mein Eindruck ist, dass der Lockdown eher schädlich war. Es wurde häufiger gegessen und öfter ins Auto als in den Zug gestiegen. In Krisensituation akzentuiert sich eine Ausgangssituation. Will heissen: Wer vorher schon sportlich war, hat wohl vermehrt Sport getrieben. Wer sich vorher schon eher träge war, hat sich jetzt noch weniger bewegt. Wir reagieren in Krisen nicht gänzlich neu, sondern behalten unsere üblichen Strategien meist bei. 

Hilfreiche Tipps und Unterstützung zum Thema Übergewicht bei Kindern finden Sie auf der Homepage des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AKJ)

Von Marlies Seifert am 01.06.2020
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