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Es muss nicht der biologische Vater sein

Diese brisanten Themen stecken in Weihnachten drin

In einem Stall in Bethlehem werden Maria und Josef zum ersten Mal Eltern. Was vor über 2000 Jahren geschah, berührt Familien-Themen, die aktueller sind denn je, schreibt Family-Redaktorin Maria Ryser.

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Die Weihnachtsgeschichte bietet viel mehr als nur Jö-Faktor (wobei, habt ihr die Füsse des Kamels gesehen? Superjö...).

Getty Images
Maria Ryser
Maria Ryser

Journalistin und Mutter einer erwachsenen Tochter und zweier Söhne.

Es ist kurz vor Weihnachten. Die letzten Törli im Adventskalender warten auf freudige Kinderaugen. Wir haben Guetsli gebacken, waren Kerzen ziehen und haben unseren Kindern gerührt beim Krippenspiel zugeschaut. Die Geschichte von der Geburt Jesu geht allerdings weit über den Jö-Faktor hinaus und zeigt: Da stecken ein paar Denkanstösse von familienpolitischer Brisanz drin. Wir haben für euch sechs Aspekte herausgepflückt. Und starten dabei hübsch der Reihe nach - mit Marias Schwangerschaft.

1. Mehr Schonzeit für schwangere Frauen

Frauen in der Schweiz gebären ihre Kinder immer später. Das Durchschnittsalter von Erstgebärenden liegt laut Bundesamt für Statistik 2018 bei 30,9. Jede dritte Frau ist über 35 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringt. Um schwanger zu werden sind immer mehr Frauen bereit, den oftmals beschwerlichen Weg über die künstliche Befruchtung zu gehen. Maria symbolisiert diesen steinigen Weg, indem sie hochschwanger auf einem Esel nach Nazareth reitet. Nicht gerade bequem, oder? Und doch ist das Bild voller Hoffnung: Am Ende bringt Maria einen gesunden Buben zur Welt.

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Und noch etwas gibt dieses Bild zu bedenken: Maria ist nicht freiwillig unterwegs nach Nazareth. Sie muss zur Volkszählung dort hin. Eine Form von Zwang, die auch berufstätige Mütter nur allzu gut kennen. Weshalb müssen wir in der Schweiz laut Gesetz bis zur Geburt arbeiten? Also quasi direkt vom Sitzungszimmer in den Gebärsaal springen? Warum schenken wir einer hochschwangeren Frau nicht den ihr gebührenden Raum, um sich in Ruhe auf die Geburt vorzubereiten? Mindestens einen Monat vor dem Termin sollten Frauen in den Mutterschaftsurlaub gehen können. Ganz offiziell.

2. Läuft alles rund, könnten wir auch allein im Stall gebären

Eine schwangere Frau hat heute die Qual der Wahl: Soll sie im Spital, im Geburtshaus oder zu Hause gebären? Egal wofür sie sich entscheidet: Es steht ihr in der Regel ein riesiges Equipment hochspezialisierter Technik und Spitzenmedizin zur Verfügung.

Selbstverständlich sind wir froh über diesen Fortschritt und alle Errungenschaften, die das Überleben von Mutter und Kind sichern. Die steigende Anzahl an Kaiserschnitten und die Tendenz, Frauen, die an sich problemlos gebären könnten, wie ein Hochsicherheitsrisiko zu behandeln, machen allerdings stutzig. Läuft alles rund, könnten Frauen ohne weiteres allein gebären. Sogar in einem Stall. So wie Maria.

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Christa Rigozzi und Giovanni Marchese nach der Geburt ihrer Zwillinge an Silvester 2016.

ZVG

3. Jedes neue Kind ist ein Wunder, das uns im Jetzt verankert

Jesus ist ein besonderes Kind. Für Christen ist Gott in Jesus Mensch geworden. Doch ist nicht jedes Kind ein Wunder? Ein Wunder des Lebens und ein vielversprechender Neuanfang? Ein Wunder, das frischgebackene Eltern in den ersten Tagen mit Demut und Dankbarkeit erfüllt und sie für eine Weile aus dem geschäftigen Hamsterrad des Alltags austreten lässt.

Läuft alles ohne Komplikationen, sind wir selten so stark im Jetzt verankert, wie in den ersten Tagen mit einem Neugeborenen. An dieses Innehalten und Staunen sollten wir uns auch danach so oft wie möglich erinnern und es ausüben. Das Leben findet im Jetzt statt. Nirgendwo sonst.

4. Benötigt ein Baby wirklich so viele Anschaffungen?

Jesus lag in einer Krippe und trug eine Windel. Das wars. Kein Luxus-Babyzimmer mit Top-Design vom Teppich bis zur Lampe. Kein Nuggi, Nuscheli, Lätzli, Babyfell, Musikdose oder Plüschtier. Nicht dutzende Bodys, Kleidlis und Mützlis, weder Wickeltisch, -tuch noch -tasche. Es gab keine Sälbelis, Öle und Duftsäckli, Wärmekissen und -flasche, Rassel, Ketteli, Kinderwagen und schon gar keinen Autositz (wäre zwar lustig). Und davor gab es keine Babyshower mit - ach weiss der Geier, was allem.

Unsere Babys brauchen all das nicht wirklich. Sie brauchen unsere Liebe, ganz viel Körpernähe, eine Brust oder einen Schoppen, der ihren Hunger stillt und einen Tagesablauf, bei dem sie nicht von A nach B nach C gehetzt werden. Klar benötigen sie auch etwas zum Anziehen. Doch ihr versteht, was ich meine, oder?

 

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An der Babyshower wird die angehende Mutter von ihren Freundinnen mit Geschenken überhäuft (Symbolbild).

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5. Für ein Kind braucht es ein ganzes Dorf

Mutter, Vater und Kinder. Als Familie auf sich allein gestellt. Das Ideal der kleinbürgerlichen Familie gibt es noch nicht allzu lange. Und es macht auch wenig Sinn. «Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf», betont Kinderarzt Remo Largo immer wieder. Das zeigt auch die Weihnachtsgeschichte. Die Hirten stehen für die Gemeinschaft, die Tiere für Nahrung und die drei Könige ernennen wir zu (durchaus grosszügigen) Paten.

6. Ein guter Vater muss nicht der biologische sein

Jesus wurde vom Heiligen Geist gezeugt. Und nicht von Josef. So steht es in der Bibel. Der Zimmermann akzeptiert diesen Umstand, steht zu seiner Verlobten und dem zukünftigen Sohn. Der Gute hilft seiner Frau vermutlich auch während der Geburt. Später führt Josef seinen Sohn in den Beruf des Zimmermanns ein und hat so wohl weit mehr als den üblichen Papitag mit ihm verbracht. Ein guter Vater muss also nicht zwingend der biologische sein.

Die Weihnachtsgeschichte öffnet mit einer solchen Sichtweise eine Türe für den unerfüllten Kinderwunsch heterosexueller und gleichgeschlechtlicher Paare. Na, wenn diese Aussage den Christbaum nicht demnächst in Brand versetzt...

Liebe Leserinnen und Leser, die ihr bis hierher durchgehalten habt, erstmals danke für euer Interesse und eure Ausdauer. Das Family-Team wünscht euch anregende Weihnachtsdiskussionen, möglichst entspannte Weihnachtstage und ein zündendes 2020!

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In der Schweiz sind wir noch weit entfernt davon: Sänger Ricky Martin, 47, (rechts) mit Ehemann Jwan Yosef und den beiden Söhnen Valentino und Matteo. 2018 wurden Martin und Yosef nochmals Eltern von Tochter Lucia.

Instagram/ricky_martin
Von Maria Ryser am 22.12.2019
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