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«Elternschule» für Grimme-Preis nominiert

Dieser Film bricht Müttern und Vätern das Herz

Die Nominierung des Dokumentarfilms «Elternschule» für den Grimme-Preis sorgt derzeit in den Sozialen Medien für Empörung. Gezeigt werden überforderte Eltern und ihre Kinder, die Hilfe in einer Klinik suchen. Die Behandlungsmethoden kann man – gelinde ausgedrückt – als fragwürdig bezeichnen. Oder aber als gewalttätig.

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Was seht ihr? Ein Kind in der Trotzphase oder ein egoistisches, kleines Monster? (Symbolbild)

Getty Images

Seit Tagen werden die Hashtags #keinepreisefürgewalt und #keinpreisfürgewalt in den Sozialen Medien rege genutzt. Grund ist die Grimme-Nominierung für den Dokumentarfilm «Elternschule», der 2018 in den Kinos lief. Darin begleiten die beiden deutschen Regisseure Ralf Bücheler und Jörg Adolph verzweifelte, überforderte Eltern und ihre Kinder durch eine dreiwöchige stationäre Therapie in der psychosomatischen Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen. Dabei verzichten die Filmemacher konsequent auf einen neutralen Sprecher, der das Gezeigte in irgendeiner Weise einordnet.

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Die Erschöpfung ist den Familien anzusehen. Viele von ihnen haben bereits einen langen Weg hinter sich. Sie haben unzählige Ärzte, Pädagogen und anderes Fachpersonal zu Rate gezogen – geholfen hat es ihnen im Alltag mit ihren chronisch gestressten Kindern nicht.

Da ist zum Beispiel die Mutter, die den Klinikaufenthalt als letzte Chance sieht, bevor sie ihre Tochter, die nicht Essen möchte, in ein Heim gibt. Oder die ratlose Mutter des Jungen mit Neurodermitis, der schreit und sich blutig kratzt, wann immer er sich unter Druck gesetzt fühlt. Und da sind Kinder, die nicht alleine ein- oder durchschlafen können und teilweise 14 Stunden am Stück schreien. Zweifellos, diese Familien sind in grosser Not und brauchen Unterstützung. Die Frage ist nur, mit welchen Methoden ein harmonisches Miteinander erreicht werden kann.

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Das Klinik-Therapiezimmer «Mäuseburg» soll aus Teufelchen Engelchen machen.

Screenshot Film «Elternschule»

Keine Macht den Kindern

Dietmar Langer, Psychologe, Psychotherapeut, Abteilungsleiter der Klinikstation und Entwickler der Programme, die die Familien in Gelsenkirchen durchlaufen, hat eine klare Message: Eltern müssen lernen, wieder Chef zu sein. Denn: «Kinder sind die grössten Egoisten der Welt. Wie es uns geht, ist ihnen scheissegal.» Das Bild, welches hier von Kindern gezeichnet wird, ist eines, das vom Schlechten ausgeht. Die Rede ist von «Manipulatoren», die ihren Eltern absichtlich das Leben schwer machen. Es sei jetzt an der Zeit, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen und die «Macht» nicht den Kindern zu überlassen.

Es ist wenig verwunderlich, dass auch der Umgang des Klinikpersonals mit den Kindern vor allem eines ist: hart. Vergeblich sucht man lächelnde und empathische Gesichter. Mit strengen Mienen und heruntergezogenen Mundwinkeln wird den Kindern begegnet. Wollen sie nicht laufen, werden sie an den Armen hochgerissen und hinterhergezerrt. Wollen sie nicht ohne Mama einschlafen, so schiebt man sie allein ins dunkle Zimmer und zieht die Bettgitter hoch.

Und wenn sie nicht essen wollen, werden sie eben zwangsgefüttert. Eingeklemmt und an die Körper der Krankenschwestern gepresst, werden den Babys und Kleinkindern Fläschchen und Löffel in die Münder gesteckt. Ein Junge habe «im Kampf noch fünf Löffel gegessen», anschliessend habe sie allerdings «45 Minuten mit ihm sitzen müssen», bis er sich beruhigt habe, sagt eine der Mitarbeiterinnen.

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Wer nicht essen will, wird zwangsgefüttert, auch wenn er sich nach Leibeskräften wehrt.

Screenshot Film «Elternschule»

Deutscher Kinderschutzbund bezieht Stellung

Kurz nach Erscheinen des Trailers zum Film im Jahr 2018 hat der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) Stellung bezogen. So seien zahlreiche Szenen zu sehen, «in denen Kinder psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind». Die gezeigten Behandlungsmethoden können «keinesfalls Vorbild für die Erziehung von Kindern» sein, sagte Prof. Dr. Sabine Andresen, Vizepräsidentin des DKSB sowie Kindheits- und Familienforscherin. Die im Film gezeigten Praktiken in der Erziehung und Betreuung von Kindern würden «gegen geltendes Recht verstossen».

Nach der heftigen Kritik sah sich das Grimme-Institut gezwungen, eine Erklärung abzugeben. «Wir verfolgen die engagierte Diskussion zur Nominierung des Dokumentarfilms «Elternschule», schreiben sie auf Instagram. Diskurse im Kontext der Nominierungen des Grimme-Preises seien richtig und wichtig, «weil sie dazu dienen, Qualität und Anspruch in den Medien zu bewerten». Selbstverständlich würden sie «die Debatte in die Beratung und den Diskurs mit der Jury nehmen». Ob es tatsächlich zur Verleihung des Preises kommt, wird sich am 27. März zeigen.

Als Zuschauerin hatte ich von Minute eins an Mitleid mit den Kindern, die diese Therapiemassnahmen über sich ergehen lassen müssen. Ich frage mich, ob der viele Zwang, dem sie in der Klinik ausgesetzt sind, zu Traumata oder anderweitig ungesundem Verhalten führen wird. Natürlich, Erziehung ist etwas sehr individuelles. Alle Eltern haben ihre eigenen Methoden. Meiner Meinung nach muss sie aber primär von Liebe und Schutz geprägt sein, statt von machtvollem Durchsetzen der Eltern gegenüber ihren Kindern.

Da besänftigen mich auch die Schlussszenen des Films nicht: Der Junge, der nicht essen wollte, isst endlich wieder und seine Mutter ist erleichtert. Ich bin überzeugt, dass dies auch gewaltfrei hätte erreicht werden können.

Von Edita Dizdar am 30.01.2020
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