1. Home
  2. Family
  3. Alltag
  4. Kinderfotos auf Social Media: Posten verletzt das Kindeswohl

Unterschätzte Gefahr

Eltern riskieren Klage, wenn sie Kinderfotos teilen

Die Versuchung ist gross, ein süsses Kinderfoto auf Social Media zu teilen. Xenia Schlegel, Geschäftsführerin der Stiftung Kinderschutz Schweiz erklärt, weswegen das Teilen «harmloser» Bilder problematisch sein kann. Nicht nur auf Facebook und Instagram, sondern auch in Nachrichtendiensten wie WhatsApp.

Kinderfoto

Nicht nur das Posten auf Social Media ist grenzwertig. Auch wer analoge Kinderfotos aus der Hand gibt, gefährdet das Kindeswohl.

plainpicture/HANDKE + NEU

Frau Schlegel, sind Kinderfotos in den sozialen Medien ein Thema, mit dem Sie sich häufig auseinandersetzen?
Die sozialen Medien und das Recht am eigenen Bild sind seit einiger Zeit verstärkt ein Thema bei uns. Als gemeinnützige Fachorganisation im Bereich Prävention arbeitet die Stiftung Kinderschutz Schweiz nicht mit Direktbetroffenen. Wir setzen uns wissenschaftlich fundiert mit Präventionsangeboten, politischer Arbeit und Sensibilisierungskampagnen ein, damit Kinder in der Schweiz im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention in Schutz und Würde aufwachsen können. Dafür wenden wir uns in erster Linie an Fachorganisationen und Erziehende, politische Akteurinnen und Akteure sowie an die breite Öffentlichkeit.

Haben Kinder ein Recht am eigenen Bild?
Ja, jeder Mensch, egal wie alt, hat dieses Recht. Sogar schon Embryos im Bauch ihrer Mutter. Kinder haben ein Recht am eigenen Bild und solange sie nicht selber ihr Einverständnis zu einer Veröffentlichung geben können, ist es die Aufgabe der Eltern, die Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre ihres Kindes zu schützen.

Bis zu welchem Alter?
Kinder ab ca. 12 Jahre sind urteilsfähig und dürfen ab dann mitbestimmen, ob sie ein Bild veröffentlicht haben wollen oder nicht.

«Ein Foto teilen oder nicht? Im Zweifelsfall lautet die Antwort: Nein»

Also ist es ok, wenn Eltern vorher Bilder ihrer Kinder auf Facebook oder Instagram teilen?
Diese Frage lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Veröffentlichen Sie auf keinen Fall intime oder peinliche Bilder ihres Kindes. Eltern sollten sich die Auswahl gut überlegen. Grundsätzlich gilt: Erst denken, dann posten. So wie die Überprüfung der Privatsphären-Einstellungen. Teilweise geht es ja mehr um die Selbstdarstellung der Eltern als um den Nutzen für ihre Kinder. Eltern sollten sich bewusst sein, dass sie wie in anderen Bereichen auch, in ihrem Umgang mit Medien eine Vorbildfunktion gegenüber ihren Kindern einnehmen. Allgemein gesagt, ist gute Medienkompetenz wichtig – von Eltern und von Kindern. Das heisst, im Zweifelsfall lautet die Antwort: Nein.

Bei welchen Fotos lautet die Antwort: Ja?
Ein Foto einer Gartenparty, auf dem viele Kinder relativ schwer erkennbar zu sehen sind, ist sicher weniger problematisch als ein Foto, das ein Kind in der Badewanne zeigt. Darüber herrscht auch ein gesellschaftlicher Konsens. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass das Kindeswohl und Persönlichkeitsrechte der Kinder nicht nur beim Posten von Bildern berücksichtig werden müssen, sondern bei jeglicher Form der Weiterverbreitung.

Also auch, wenn ich Bilder meiner Kinder nur über WhatsApp verschicke?
Genau. Sobald ich ein Bild weitergebe, sogar in der altmodischen Form eines entwickelten Fotos, gebe ich es aus der Hand und habe keine Kontrolle mehr darüber. In diesem Moment gefährde ich das Kindeswohl. 

«Eltern sollten sich fragen: Möchte ich, dass mein Arbeitgeber so ein Bild von mir sieht?»

Was würden Sie Eltern empfehlen, die Bilder ihrer Kinder teilen möchten?
Eltern und Erziehungsberechtigte sollten sich, bevor sie ein Bild weitergeben oder veröffentlichen, immer fragen: Respektiere ich mit der Veröffentlichung dieses Bildes die Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre meines Kindes? Oder finde nur ich das Bild lustig und geht es mir bei der Weitergabe eher darum, meine Gefühle wiederzugeben? Einmal im Netz, ist jedes Kinderbild potentiellem Missbrauch ausgesetzt.

Auch, wenn man die Privatsphären-Einstellungen streng hält?
Natürlich. Wer das Bild sieht, kann es ja auch via Screenshot sichern und unkontrolliert weiterverbreiten.

Da denkt man sofort an den Missbrauch durch Pädosexuelle. Wo liegen weitere unterschätzte Gefahren?
Denken Sie etwas in die Zukunft. Es kann sein, dass ein künftiger Arbeitgeber ihres Kindes seinen Namen googelt und dann auf komische Aufnahmen stösst und Rückschlüsse zieht. Erziehungsberechtigte können sich grundsätzlich immer fragen, ob sie möchten, dass ihr Arbeitgeber Privatbilder von ihnen sieht. Denn in der Sekunde, in der Sie ein Kinderfoto im öffentlichen Bereich hochladen, schaut die Welt diesem Kind zu. Dann beginnen Beurteilen, Verurteilen und Missbrauch. Im Grunde, beantwortet das alle Fragen zum Thema.

«Eltern müssen damit rechnen, dass sie zur Verantwortung gezogen werden»

Verurteilen Sie Eltern, die Fotos ihrer Kinder teilen?
Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass man schöne Momente teilen möchte, so wie andere auch Bilder von Wanderungen, Katzen oder schönen Blumen teilen möchten. Doch dabei geht es eigentlich immer um eigene Bedürfnisse. Welchen Nutzen hat ein Kind davon, dass ein Foto von ihm geteilt wird? Deswegen würde ich mich lieber einmal mehr gegen das Posten als für das Posten von privaten Kinderbildern entscheiden.

Machen sich Eltern, die dies nicht berücksichtigen, strafbar?
Ja. Sie müssen damit rechnen, dass sie später zur Verantwortung durch ihr Kind gezogen werden. Ob ein Kind sich blossgestellt fühlt, wenn es Schoggi-verschmiert im Netz zu sehen ist, können Eltern für das Kind nicht beurteilen. Dieses Empfinden ist subjektiv. Jeder Mensch empfindet die Grenze anders. Daher gilt es in jedem Fall, Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre des Kindes zu wahren. Deswegen ist es auch so schwer Entscheide für andere und somit auch für das eigene Kind zu fällen.

Xenia Schlegel

Xenia Schlegel, 54, ist Geschäftsführerin der Stiftung Kinderschutz Schweiz

ZVG

Zum Thema

Louie Jäger, 2, Hat bereits ein eigenes Instagram-Profil. Gegenüber SI Family hat seine Mama, Ex-Skifreestylerin Mimi Jäger erklärt, wieso sie sich dafür entschieden hat. Hier gehts zum Artikel.

Von Sylvie Kempa am 24.06.2019