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  4. Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm gibt Tipps für Eltern von Jungs

Bewusst und ganzheitlich erziehen

Fünf Tipps für Jungs-Eltern

Wir müssten keine neutralen Wesen schaffen aus Buben und Mädchen, sondern sie möglichst ganzheitlich erziehen, sagt Margrit Stamm. Was das speziell für Eltern von Jungs heisst, haben wir von der Erziehungswissenschafterin in einem ausführlichen Interview erfahren. Hier präsentieren wir euch die fünf wichtigsten Punkte daraus.

Fröhliche Eltern mit zwei kleinen Söhnen

Eltern sollten ihren Söhnen die Möglichkeit geben, ihr Verhaltensrepertoire möglichst vielfältig zu erweitern.

Getty Images/STOCK4B-RF
  • Akzeptieren, dass Buben anders sind: «Sehr viele Buben haben schon als Einjährige ‹männliche› Interessen, wollen bei jeder Baustelle stehen bleiben, ‹Auto› und ‹Bagger› gehören oft zu ihre ersten Wörtern. Wir wissen nicht, wie viel biologisch angelegt ist, aber es ist eine so vielfach berichtete Erkenntnis. Erfahrungsgemäss lösen Buben später Konflikte eher über ‹Kämpfli› oder Rangeleien. Warum sollte das so viel schlechter sein als das Vorgehen von Mädchen, Konflikte über Gespräche, manchmal aber auch mit verbaler Gewalt wie Mobbing zu lösen? Nehmen wir doch den Blick weg vom Hype um die weiblichen, hin zu den positiven Eigenschaften der Buben. Wir sollten das Ideal des weiblichen Geschlechts überdenken. Und einen bewussten Umgang mit den Differenzen lernen. Es gibt nicht das richtige Mädchen und den richtigen Buben. Es entlastet Eltern, wenn sie solche Differenzen akzeptieren.»
     
  • Eigene Vorstellungen und Vorurteile entlarven: «Will der Sohn wirklich Fussball spielen, oder war der Gedanke einfach für uns Eltern naheliegend? Vielleicht würde er ja lieber ein Musikinstrument erlernen. Es tut gut, als Eltern von den eigenen Vorstellungen zurückzutreten, den Sohn – wie auch die Tochter – anders zu erfassen. Auch in der Pubertät können sich nochmals ganz neue Seiten zeigen: Da zeigen die Buben häufig männliches Verhalten, setzen sich durch, werden zu ‹coolen› Typen – und dann kommt zum Beispiel eine Pandemie wie aktuell mit dem Coronavirus, und die pubertären Buben entdecken ihre neu entwickelte Empathie und Fürsorge und engagieren sich in der Nachbarschaft. Auch wildere Buben haben eine fürsorgliche Seite. Wir Erwachsene haben immer unbewusste Erwartungen, unser Blick fokussiert aber darauf, was wir denken.»
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Bub mit Puppenwagen

«Unsere Aufgabe ist es, unsere Söhne fit zu machen für die Zukunft», sagt Margrit Stamm. «Sie sollen sogenannt ‹neue Männer› und fürsorgliche Väter werden.» Da kann es nicht schaden, wenn sie auch mal einen Puppenwagen durchs Spielzimmer schieben.

Getty Images/Johner RF
  • Den Sohn genau beobachten: «Ein Kind ganzheitlich zu erziehen, fängt damit an, es genau zu beobachten und zu schauen, wo es seine wilden und sensiblen Seiten hat. Und dort ansetzen und unterstützen. Manche Buben können feinfühlig mit kleineren Kindern umgehen. Ich beobachte zum Beispiel einen Jugendlichen in meiner Nachbarschaft, der ein toller Fussballer ist, und die Technik einem kleinen Mädchen jeweils ganz vorsichtig beibringt. Andere kümmern sich vielleicht rührend um die Grossmutter. Alles Dinge, die sich gut fördern lassen. Zum Beispiel nur schon dadurch, indem man solches Verhalten lobt.»
     
  • Dem Sohn helfen, sein Verhaltensrepertoire zu erweitern: «Wir müssen keine neutralen Wesen schaffen aus Buben und Mädchen, sondern ihnen eine ganzheitliche Erziehung angedeihen lassen und ihr Verhaltensrepertoire erweitern. Unsere Aufgabe ist es, sie fit zu machen für die Zukunft. In 20 Jahren werden unsere Söhne eher androgyne Verpflichtungen haben. Wir sollten sie also nicht nur unterstützen in ihren Anlagen, sondern ihnen helfen, ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern. Dem scheuen Buben Zugang zu einer Sportart ermöglichen. Und umgekehrt eben einem wilden Buben fürsorgliches Verhalten ermöglichen. Etwa, indem wir ihnen ein weiteres Feld an Verhaltensmöglichkeiten aufzeigen, sei es als Vorbilder, durch den Kontakt mit unterschiedlichen Mitmenschen oder eine bestimmte Auswahl an Freizeitbeschäftigungen. Damit sie sogenannt ‹neue Männer› und fürsorgliche Väter werden.»
     
  • Die Geschlechterdifferenzen nicht überbewerten: «Wir wissen nicht genau, wie stark biologische männliche und weibliche Eigenschaften angelegt sind. Klar ist: Die Unterschiede zwischen Mädchen und Buben sind kleiner als jene innerhalb der Geschlechtergruppen. Es gibt viele sehr erfolgreiche Buben, zum Beispiel solche aus wohlhabenden Familien, die eine gute, besorgte Erziehung geniessen und sich konform verhalten. Hingegen wird ein Mädchen aus einer Familie mit wenig Geld und vielleicht aus einer anderen Kultur einen Schulabschluss unter seinen Fähigkeiten erreichen. Wenn man die Geschlechterdifferenzen überbewertet, übersieht man andere wichtige Faktoren. Ich bin gegen eine Ausspielung der Geschlechter. Wir wollen ja nicht einfach nur die Siegerinnen sein auf Kosten des männlichen Geschlechts. Die unterschiedlichen Geschlechter machen den Gehalt und die Spannung unserer Gesellschaft aus.»

Das ausführliche Interview mit Margrit Stamm könnt ihr hier lesen.

Von Christa Hürlimann am 15. Januar 2021 - 07:09 Uhr
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