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  4. Mobbing an Schule: Experte erklärt, wie man vorbeugen kann

Experte räumt mit Missverständnissen auf

«Mobbing lebt davon, dass alle schweigen»

Mobbing an der Schule ist ein Thema, das viele Eltern beschäftigt und direkt betrifft. Wir müssen vom simplen Täter-Opfer-Muster wegkommen, sagt Thomas Brunner. Der Sozialpädagoge bei Pro Juventute räumt mit einigen Missverständnissen auf und zeigt, wie sich die Mobbingdynamik durchbrechen lässt.

England, Hertfordshire, Hitchin, York Road

«Mobbing ist immer ein Gruppenphänomen», sagt Experte Thomas Brunner.

Getty Images

Mobbing an der Schule kommt öfter vor, als man denkt: Mehr als 60 Prozent der «SI online»-Leserinnen und Leser haben bei unserer Umfrage angegeben, dass ihr Kind schon einmal gemobbt wurde. Eine Frage, die in der Diskussion auf Social Media viele beschäftigte: Warum liegt der Fokus vor allem auf dem Opfer und weniger auf dem Täter? 

«Wir müssen vom simplen Täter-Opfer-Muster wegkommen. Mobbing ist immer ein Gruppenphänomen», sagt Thomas Brunner, 47, Sozialpädagoge bei Pro Juventute. 

Jedes Kind kann gemobbt werden

Ob gross oder klein, dick oder dünn, mehr oder weniger intelligent: «Jedes Kind kann gemobbt werden», erklärt Brunner. Dabei gehe es nicht darum, dass gewisse Kinder eher im Mittelpunkt stünden und andere eher Aussenseiter seien. Erst die entsprechende Gruppendynamik setzt Mobbing in Gang.

Zur klassischen Mobbing-Konstellation zählen daher ein Aggressor, ein Opfer und das, was Mobbing erst ausmacht: die Mitläufer, welche den Aggressor in seinem Verhalten bestätigen. Das Mobbing-Opfer wird dabei über längere Zeit gezielt von dieser Gruppe schikaniert und herabgesetzt.

Die Frage: Wie kann ich mein Kind vor Mobbing schützen oder was kann man gegen den Täter tun, ist daher der falsche Ansatz. «Mobbing lebt davon, dass alle schweigen; Täter, Opfer und Mitläufer. Diese Schweigespirale gilt es zu durchbrechen. Wo Mobbing nicht geduldet wird, sondern man aufeinander achtet, hat niemand die Möglichkeit, einen anderen fertig zu machen und das ist die Voraussetzung, dass Mobbing erst gar nicht entstehen kann», so Brunner.

Darum werden Kinder zu Mitläufern

Der Ablauf ist immer derselbe: Ein Aggressor geht auf ein Kind los. Zwei, drei oder mehrere Mitläufer finden das lustig und steigen ein. «Das kann passiv oder aktiv sein. Passiv, wenn niemand sich für das Opfer einsetzt und das Geschehen schweigend akzeptiert wird. Aktiv, in dem man den Aggressor imitiert und das Opfer auf ähnliche Weise plagt», erklärt Brunner.

Das Problem an dieser Gruppendynamik: «Die Mitläufer erkennen meist sehr genau, dass das Opfer ohne wirklichen Grund geplagt wird. Also kann es jeden treffen – und was, wenn es als nächstes mich trifft? Da steht man lieber auf der Seite des Aggressors und gehört beispielsweise zu jenen, die auslachen und nicht jenem, der ausgelacht wird», so der Sozialpädagoge. Und weiter: «Würde ein Kind sagen: Hey spinnt ihr eigentlich, was läuft da?›  wäre diese Dynamik durchbrochen. Doch das braucht Mut.»

Opfer können ein Leben lang an den Folgen leiden

Wird ein Kind also tatsächlich gemobbt, ist der Schaden bereits gross. «Opfer können ein Leben lang an den Folgen von Mobbing leiden. Es kann die ganze Biografie verändern. Man kann Mühe haben, sich in eine Gruppe zu integrieren oder entwickelt Beziehungsängste», sagt Brunner.

«Unser Umgangston ist generell ruppiger geworden»

Besser wäre daher, Mobbing erst gar nicht entstehen zu lassen. «Mobbing müsste in der Schule standardmässig besprochen werden. Das findet vielerorts bereits in Form des Klassenrats oder durch die Arbeit von Schulsozialarbeitenden statt. Gelegenheiten, wo man im Idealfall offen über alles reden kann, was die Klasse beschäftig.» Im Hinblick auf Mobbing wären folgende Abmachungen hilfreich: Bei uns wird nicht geschwiegen, wir reden darüber, wenn wir Unrecht sehen, empfiehlt der Experte.

Der Sozialpädagoge blickt auch über den Tellerrand der Schule hinaus und sagt: «Mobbing ist ein gesellschaftliches Phänomen. Unser Umgangston ist generell ruppiger, Pauschalverurteilungen und despektierliche Angriffe sind salonfähig geworden. Wer disst, ist cool, gilt nicht nur bei den Kindern. Darüber müssten wir mal nachdenken.»

Von Maria Ryser am 12.10.2019