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  4. Stillgeburt: Nadine Gerber über Arbeit als Fotoengel und ihr Buch

Autorin Nadine Gerber

«Wer eine Totgeburt erlebt, wird allein gelassen»

Nadine Gerber fotografiert Kinder, die tot auf die Welt kommen. Diese Erfahrungen haben die Autorin zu ihrem dritten Roman inspiriert. Im Gespräch mit schweizer-illustrierte.ch spricht die Zürcherin über ihren Einsatz als Fotoengel und warum es so wichtig ist, offen über Stillgeburten zu reden.

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Still- oder Fehlgeburten sind immer noch ein Tabu (Symbolbild).

Getty Images

Frau Gerber, eben ist Ihr dritter Roman «Unvergessen – Ein Bild für die Ewigkeit» erschienen. Ihre Protagonistin, Emma, arbeitet als Fotoengel – sie macht Erinnerungsbilder von Totgeburten und Kindern mit schweren Schicksalen wie Krebs. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Ich arbeite ehrenamtlich für die Organisation «herzensbilder.ch», die eben solche Bilder ermöglicht. Persönlich fotografiere ich meistens Stillgeburten, also Kinder, die tot auf die Welt kommen oder kurz nach der Geburt sterben.

Was hat Sie zu ihrem Engagement als Fotoengel bewegt?
Schon seit längerem wollte ich einen caritativen Beitrag leisten, aber nicht irgendwohin Geld verschicken. Bei dieser Arbeit engagiere ich mich persönlich, weiss, was ich mache und wem ich helfe.

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Nadine Gerber, 40, ist Autorin, Journalistin und Fotografin. Sie lebt mit ihren zwei Kindern im Zürcher Unterland.

ZVG
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Wie läuft ein solcher Einsatz ab?
Ich erhalte über die Organisation einen Aufruf mit ersten Informationen und kann dann entscheiden, ob ich den Auftrag annehmen will oder nicht.

Das heisst, Sie nehmen nicht jeden Aufruf an.
Nein, es muss zeitlich drinliegen und für mich gerade passen. Ich entscheide es jeweils aus dem Bauch heraus, also spontan. Das funktioniert bei mir am besten.

«Als Fotoengel muss ich mich klar abgrenzen können. Ich muss das  Erlebnis und den Schicksalsschlag dort lassen und nicht mit nach Hause nehmen.»

Und dann?
Ich fahre mit dem Auto los, meist zu einem Spital und höre unterwegs laut Musik – so richtig fröhliche – und singe dazu. Auf dem Parkplatz warte ich ein paar Minuten, um mich zu sammeln und auf die Situation einzustellen. Wie soll ich das ausdrücken...

... Sie versetzen sich in einen Zustand absoluter Bereitschaft, also offen und doch gefestigt.
Ja, ungefähr so. Vor Ort rede ich zunächst mit dem Pflegepersonal, die mich die ganze Zeit begleiten. Dann gehe ich in den Raum und fange mit meiner Arbeit an.

Was ist die grösste Herausforderung dabei?
Als Fotoengel muss ich mich klar abgrenzen können. Ich muss das Erlebnis und den Schicksalsschlag dort lassen und nicht mit nach Hause nehmen. Das klappt in der Regel gut.

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Nadine Gerber: «Wir sollten über alles reden können, also auch über den Tod und das Sterben.»

ZVG

Wie erleben Sie die betroffenen Eltern?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Eltern, die sich gerne mitteilen möchten und andere, die lieber schweigen. Bei Stillgeburten befinden sich viele in einer Art Schockstarre.

Ein unglaublich intimer Moment.
Sehr! Ich bin oft nicht mehr als fünf oder zehn Minuten dort und dann wieder weg. Die Eltern entscheiden, was sie verkraften. Die Dankbarkeit und Freude über das Bild ist im Nachhinein aber immer bei allen riesig.

Sind Sie schon einmal an ihre Grenzen gestossen?
Ja, einmal. Bei einem Aufruf bezüglich einer Stillgeburt habe ich erkannt, dass es sich um eine Freundin handelt.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe es meiner Freundin und ihrem Partner überlassen, ob sie mich dafür haben wollten oder nicht. Sie haben sich für mich entschieden.

Mögen Sie weitererzählen?
Als ich dann zu ihnen und ihrem toten Kind kam, lagen wir uns zunächst weinend in den Armen. Es war für mich eine besondere Ehre, dass ich diesen unglaublich berührenden und intimen Moment mit ihnen teilen durfte und ihre unendlich grosse Liebe für ihr Kind mit einem Erinnerungsbild festhalten durfte.

«Krebs oder ein Unfall werden von der Gesellschaft sofort als schwierig anerkannt und bekommen viel Aufmerksamkeit. Wer eine Totgeburt erlebt, wird allein gelassen.»

Warum ist es so wichtig, über Themen wie Still- oder Fehlgeburten zu reden?
Wir sollten über alles reden können, also auch über den Tod und das Sterben. Wir drängen das in unserer Gesellschaft immer noch an den Rand. Gleichzeitig stelle ich so etwas wie ein Empathie-Ranking fest, was schwierige Lebensumstände anbelangt.

Wie meinen Sie das?
Krebs etwa oder ein Unfall werden von der Gesellschaft sofort als schwierig anerkannt und bekommen viel Aufmerksamkeit. Wer eine Totgeburt erlebt, wird allein gelassen. Da fehlt es häufig an Verständnis und Feingefühl. Das ist für die Betroffenen unglaublich schwierig.

Und hat Sie zu ihrem dritten Buch inspiriert. Gehen Sie immer von persönlichen Erfahrungen aus?
Jein. Bei meinen ersten beiden Büchern war das so. Dort habe ich aus dem Loch einer persönlichen Krise heraus zwei Romane geschrieben. Ziemlich konzeptlos und sehr emotional.

Über das Buch

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ZVG

«Unvergessen – Dein Bild für die Ewigkeit» lautet der Titel des neuesten Buchbabys der Zürcher Unterländer Autorin Nadine Gerber.

Die Geschichte dreht sich um Emma und Lukas. Emma ist Familienfotografin und arbeitet ehrenamtlich für eine Organisation, die Erinnerungsbilder von Kindern macht, die tot geboren werden, schwer krank oder behindert sind. Bei einem Einsatz lernt sie Lukas kennen, der seine Frau verliert und mit seinem neugeborenen Baby alleine bleibt. Obwohl sich die beiden nicht kennen, sind ihre Schicksale aneinander geknüpft. Das zwingt sie, sich zu begegnen, obwohl sie sich nicht ausstehen können.

Was ist nun anders?
Bei diesem Buch greife ich zwar auf meine Erfahrungen als Fotoengel zurück, doch es handelt sich erstmals um einen Roman, bei dem ich im Vorfeld einen Plot geschrieben und die Charakteren entwickelt habe. Ich habe mein Schreiben quasi professionialisiert.

Wollten Sie schon immer Autorin werden?
Ja, schon als Kind. Jetzt mit meinem dritten Buch bin ich dort angekommen.

Von Maria Ryser am 19.04.2020
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