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  4. Weibliche Fruchtbarkeit und Kinderwunsch: Der Einfluss von Drogen, Nikotin und Alkohol

Gynäkologin spricht Klartext

Wie viel Partyleben verträgt der Kinderwunsch?

Bevor Frauen den Wunsch nach einem Baby verspüren, liegen oftmals viele Jahre ausschweifenden Partylebens hinter ihnen. Zigaretten, Alkohol und Drogen inklusive. Im Interview erklärt uns die Berner Gynäkologin Dr. Anja Wüest, welchen Einfluss Suchtmittel auf die weibliche Fruchtbarkeit haben können und welcher Lebensstil für die Familiengründung förderlich ist.

partyleben frauen

Kann man als Frau mit Kinderwunsch auch zu viel Party machen?

Getty Images

Dr. Wüest, hat ein ausschweifendes Nachtleben einen negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit?
Das ist eine schwierige Frage, da es dazu keine Studien gibt. Nur Tanzen gehen und soziale Kontakte pflegen ohne exzessiven Alkohol-, Nikotin- und/oder Drogenkonsum hat sicher keine signifikanten negativen Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit. Es ist sogar eher positiv, da es die Person glücklich macht und das Sozialleben positiv beeinflussen kann.

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Und wie ist es denn, wenn man Nikotin und illegale Drogen wie Cannabis, Kokain oder MDMA konsumiert?
Was viele bei Nikotin nicht wissen, ist, dass im Tabakrauch nicht nur das Nikotin schädlich ist. Es werden noch mehrere Hundert andere gesundheitsschädigende Chemikalien inhaliert. Ein Konsum von mehr als zehn Zigaretten am Tag über mehr als ein Jahr geht mit einer deutlichen Einschränkung der Fruchtbarkeit einher und führt auf ganz verschiedenen Ebenen des Reproduktionsvorgangs zu Schwierigkeiten.

Welche Schwierigkeiten meine Sie?
Es werden zum Beispiel Eileiterschädigungen beschrieben, die zu einem Verlust der Transportfähigkeit der Eizelle in die Gebärmutter und somit zu einem höheren Risiko einer Eileiterschwangerschaft führen können. Des Weiteren haben Nikotin und die anderen Chemikalien einen direkten negativen Einfluss auf die Eizelle. Dazu gehören mögliche Schädigungen des Erbgutes und eine Störung der Eizellreifung während des Menstruationszyklus. Dies kann wiederum zu einer schlechteren Befruchtungs- und somit Schwangerschaftsrate pro Zyklus führen. Man weiss auch, dass Raucherinnen im Vergleich zu Nichtraucherinnen ein bis vier Jahre früher in die Wechseljahre kommen, weil das Rauchen die Eierstockreserve angreift, also die Eizellen vorzeitig absterben lässt. Insgesamt wird geschätzt, dass etwa zehn Prozent der Fälle ungewollter Kinderlosigkeit auf das Rauchen von Zigaretten zurückzuführen sind. Wird demzufolge dann eine Kinderwunsch-Therapie initiiert, sind die Erfolgschancen auf eine Schwangerschaft auch wiederum um etwa die Hälfte reduziert.

Und wie ist es mit anderen Suchtmitteln?
Zum Einfluss illegaler Substanzen auf die Fertilität existieren nur wenige Studien. Frauen mit erheblichem Substanzkonsum weisen meist eine Vielzahl von Kofaktoren für eine reduzierte Fruchtbarkeit auf, wie Mangelernährung und/oder den gleichzeitigen Konsum von verschiedenen abhängigkeitserzeugenden Substanzen. Deshalb ist es schwierig, den Einfluss einzelner Substanzen exakt zu bestimmen. Ecstasy scheint eine Eizellreifestörung und damit eine schlechtere Befruchtungsrate der Eizellen hervorzurufen – dies wurde bei künstlichen Befruchtungen im Labor beobachtet.

«Absturztrinkerinnen mit häufigem Hangover scheinen mehr Fertilitäts-Störungen zu haben als solche mit regelmässigem, aber nicht exzessivem Alkoholkonsum»

Dr. Anja Wüest, Oberärztin für Gynäkologie am Inselspital Bern

Bringt Cannabiskonsum auch den Hormonhaushalt durcheinander? 
Man weiss, dass der Konsum von Cannabis, also Marihuana oder Haschisch, den Menstruationszyklus stören kann. Bei Frauen, die oft Cannabis konsumieren, treten beispielsweise häufiger Zyklen ohne Eisprung auf. Durch das Rauchen eines Joints wird die Wirksubstanz THC freigesetzt, welche direkt auf das Gehirn wirkt und so die Ausschüttung der Geschlechtshormone hemmt. Infolgedessen werden die Eierstöcke weniger stimuliert, was zu einer Eizellreifestörung und zu fehlenden oder verspäteten Eisprüngen führen kann. In der zweiten Zyklushälfte wird durch die fehlenden Eisprünge kein oder zu wenig Progesteron gebildet. Progesteron ist notwendig, damit die Gebärmutterschleimhaut für eine befruchtete Eizelle bereit ist. Der Konsum von Cannabis kann also dafür verantwortlich sein, dass sich eine befruchtete Eizelle, also ein Embryo, nicht einnisten kann. Man nimmt zudem an, dass Cannabis auch die Eileiterfunktion stört, indem die Beweglichkeit des Eileiters, welche für den Transport der befruchteten Eizelle wichtig ist, gehemmt wird.

Wie ist es bei Alkohol?
Absturztrinkerinnen mit häufigem Hangover scheinen mehr Fertilitätsstörungen zu haben als solche mit regelmässigem, aber nicht exzessivem Alkoholkonsum. Ein Konsum von zwei Drinks pro Tag schränkt die Fruchtbarkeit wahrscheinlich nicht oder nur minimal ein. Alkoholkonsum führt zu hormonellen Schwankungen, unter anderem durch Erhöhung des Östrogenspiegels, was wiederum eine Unterdrückung der Eierstockstimulation und eine gestörte Eizellreifung mit fehlendem Eisprung zur Folge haben kann. Gemäss Studien erhöht sich bei Frauen mit moderatem Alkoholkonsum, also drei bis 13 Drinks pro Woche, die Zeit bis zum Schwangerschaftseintritt und auch das Risiko einer Fehlgeburt.

Es ist bekannt, dass Raucherinnen, welche die Antibaby-Pille nehmen, ein erhöhtes Thromboserisiko haben. Gilt dies auch bei Alkohol- und Drogenkonsum?
Genau. Bei Raucherinnen, welche die kombinierte Pille (also nicht die Mini-Pille) einnehmen, verdoppelt sich das Thromboserisiko verglichen mit gleichaltrigen Pillenanwenderinnen, die nicht rauchen. Wenn man raucht und über 35 Jahre alt ist, darf eine kombinierte Pille nicht verschrieben werden. Aber auch jüngeren Frauen wird empfohlen mit dem Rauchen aufzuhören, wenn sie die Pille einnehmen. Alkohol hingegen hat keine direkte Wirkung auf die Pille, ausser, dass man unter Alkoholeinfluss mal vergisst, die Pille einzunehmen oder sie verspätet einnimmt. Dies gefährdet die Wirksamkeit der Verhütung. Dasselbe gilt für den Drogenrausch.

podcast anja wüest
ZVG

Dr. med. Anja Wüest (vorne im Bild) ist Oberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Inselspital Bern. Seit kurzem ist sie auch Podcasterin. Zusammen mit zwei Apothekerinnen (hinten) widmet sie sich in «Villa Margarita» den Themen Medizin, Gesundheit und Beauty.

Das hört sich alles ziemlich düster an. Ausnahmen bestätigen die Regeln. Haben denn Frauen, welche trotz Partyleben schwanger werden konnten, einfach Glück gehabt?
Es kommt wie immer auf das Ausmass an. Natürlich soll man Spass haben am Leben und sicher darf man auch mal über die Stränge schlagen. Und wir haben ja zum Glück auch ein funktionierendes Reparatur- und Entgiftungssystem in unseren Zellen und Organen, welche helfen, für uns nicht gesunde Substanzen wieder aus dem Körper zu schleusen.

Kann man denn einen exzessiven Lebenswandel wieder aufholen und sich wieder regenerieren oder sind allfällige Schäden irreparabel?
Ein Stopp des Nikotin- oder Alkoholkonsums wirkt sich immer positiv auf die Fruchtbarkeit aus. Einige ungünstige Effekte des Rauchens scheinen bereits unmittelbar nach Absetzen des Konsums rückläufig zu sein, während zur Wiederherstellung der «Ausgangsfertilität» wahrscheinlich etwa fünf Jahre Abstinenz bei starken Raucherinnen, welche ein Päckli pro Tag über eine längere Zeitdauer konsumierten, erforderlich sind. Ob sich die Einnahme von Cannabis oder anderen Drogen vorübergehend oder dauerhaft negativ auf die Fruchtbarkeit auswirkt, muss noch im Detail untersucht werden. 

Führt erhöhter Drogenkonsum später zu Geburtsfehlern oder Schädigungen beim Kind?
Ein früherer Konsum wirkt sich später nicht negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Konsum während der Schwangerschaft hingegen kann für das Ungeborene schlimme Folgen haben.

Was empfehlen Sie Frauen, um zeugungsfähig zu bleiben?
Vor allem einen gesunden Lebensstil zu pflegen. Das bedeutet, sich sportlich zu betätigen, eine gesunde Ernährung mit Ziel Normgewicht zu pflegen, sich Auszeiten vom Alltagsstress zu nehmen, kein Nikotin oder illegale Substanzen zu konsumieren, nur gelegentlich und nicht täglich Alkohol zu trinken und sich nicht erst knapp vor 40 mit dem Thema Kinderwunsch auseinandersetzen. Dies gilt übrigens auch für Männer. Diese Lifestyle-Faktoren spielen eine gravierende Rolle in der reproduktiven Gesundheit, denn es gibt verschiedene Ursachen der Unfruchtbarkeit und die eben genannten kann man selber beeinflussen.

Wer noch mehr über dieses Thema erfahren möchte und Podcasts mag, hört am besten bei «Villa Margarita» rein. In der Folge «Die wilde Klothilde» sprechen Dr. Anja Wüest und zwei Apothekerinnen über alles rund um Kinderwunsch und Nachtleben. Zu hören überall, wo es Podcasts gibt, oder auf der Website.

Von Edita Dizdar am 22.08.2021
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