1. Home
  2. Family
  3. Alltag
  4. Baby von Därstetten: Das passiert mit Findelkind in den ersten Tagen

Hebamme von Babyfenster in Einsiedeln

«Wir machen uns auch Sorgen um die unbekannte Mutter»

Der traurige Fall von Därstetten zeigt, wie wichtig sogenannte Babyfenster sind. Das älteste der Schweiz befindet sich in Einsiedeln. Was passiert mit einem Findelkind in den ersten Tagen und wie geht das betroffene Team damit um? Wir haben bei Sonja Erny, leitender Hebamme im Spital in Einsiedeln, nachgefragt.

Babyklappe Baby weggeben

Keine leichte Aufgabe: Der Abschied vom Findelkind fällt dem Betreuungsteam im Spital meist schwer.

Getty Images

Am vergangenen Samstag wurde ein frischgeborener Säugling in einem Werkhof in Därstetten BE in einer Kartonschachtel ausgesetzt. Das Mädchen befindet sich seither im Spital und wird medizinisch betreut. Die mutmassliche Mutter konnte von der Polizei in der Zwischenzeit ermittelt werden.

Der traurige Fall zeigt, wie wichtig und notwendig die sogenannten Babyfenster sind, wo Neugeborene anonym in die Obhut von medizinischem Personal gegeben werden können. In der Schweiz gibt es landesweit mittlerweile acht Spitäler, die das anbieten. Das älteste und bekannteste ist das Babyfenster Einsiedeln. Es wurde 2001 eröffnet und rettete bereits 14 Kindern das Leben. Sonja Erny, 46, ist leitende Hebamme im Spital in Einsiedeln und hat schon mehrere Babyfensterkinder betreut. «Bei uns ist das Baby in Sicherheit und wird sofort medizinisch betreut. Am meisten Sorge macht uns die unbekannte Mutter», sagt sie.

So funktioniert das Babyfenster

Steckt eine Frau in einer Notsituation und weiss keinen Ausweg mehr, funktioniert das Babyfenster ganz einfach. Völlig anonym kann eine Mutter in Not ihr Kind durch ein speziell dafür eingerichtetes Fenster in ein Bett legen. Das Fenster verschliesst sich unmittelbar danach automatisch, so dass niemand das Kind von Aussen entfernen könnte.

Mehr für dich

«Nach drei Minuten geht ein Alarm los, der die im Dienst stehende Hebamme über das eingetroffene Baby informiert. Zeitgleich wird bei uns auch die Pflegefachfrau auf dem Wochenbett und der Notfall informiert, falls die zuständige Hebamme zum Beispiel gerade in eine Geburt involviert wäre», erklärt Erny und ergänzt: «Es ist wichtig, dass die betreffende Person, sich dem Baby möglichst ruhig nähert, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Wir rennen also nicht zur Klappe.»

Das Babyfenster im Spital Einsiedeln, am Freitag, 4. Maerz 2011. Die Babyklappe besteht seit 10 Jahren. Das Babyfenster in Einsiedeln ist ein gemeinsames Projekt des Regionalspitals Einsiedeln und der Stiftung SHMK (Schweizerische Hilfe fuer Mutter und Kind). (KEYSTONE/Sigi Tischler)

Das älteste Babyfenster der Schweiz befindet sich in Einsiedeln und wurde 2001 eröffnet.

Keystone

Die Säuglinge sind meist unterkühlt

Bis jetzt seien die frischgeborenen Findelkindern in einem stabilen Zustand abgegeben worden. «Meistens sind sie etwas unterkühlt», sagt Erny. Die Säuglinge werden sofort in einem separaten Bereich des Spitals, wo ausser dem behandelnden Team niemand Zugang hat, behandelt. «Der Säugling wird sorgfältig untersucht, genährt und umsorgt und bleibt ungefähr eine Woche bis maximal zehn Tage bei uns im Spital.»

Die Vormundschaftsbehörde werde noch am selben Tag informiert und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb kümmere sich nach dem Spitalaufenthalt um einen Platz für das Baby in einer Pflegefamilie. «Wir sehen das Kind nie wieder und wissen auch nicht, wo es hinkommt», so Erny.

Abschied fällt dem Betreuungsteam schwer

Seit der Eröffnung des ersten Babyfensters am 9. Mai 2001 in Einsiedeln wurden in der Schweiz 24 Babys in einem Babyfenster abgegeben. «Es ist schon jedes Mal etwas Besonderes und auch sehr berührend», sagt Erny. Als Hebamme denken Erny und ihre Kolleginnen auch an das Wohl der Mutter: «Die Geburt findet ja im Verborgenen statt. Oft sind die Gebärenden völlig auf sich allein gestellt. Ohne Hebamme oder eine ärztliche Betreuung. Das Kind können wir sehen und professionell betreuen. Doch wie geht es seinem Mami? Hat sie jemanden, der sich um sie kümmert oder ist sie völlig allein? Das beschäftigt uns schon.»

Für die Hebammen und Pflegefachfrauen, die sich um den ausgesetzten Säugling kümmern, ist es auch nicht ganz einfach, sich am Ende des Spitalaufenthalts vom Baby zu verabschieden. «Den Findelkindern schenken wir schon viel Aufmerksamkeit. Halten es länger und reden länger mit ihnen. Sie haben ja sonst niemanden, der für sie da ist.» Entsprechend schwer fällt am Ende der Abschied: «Es ist auch ein bisschen unser Baby.»

Von Maria Ryser am 08.01.2020
Mehr für dich