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  4. Donghua Li: Interview nach Tod von Sohn Janis

So verarbeitet der Vater seine Trauer

Donghua Li will Janis' Tod einen Sinn geben

Olympia-Gold machte ihn 1996 zur Schweizer Kunstturn-Ikone. Nun bewegt das Schicksal von Donghua Li erneut die ganze Nation. Der plötzliche Krebstod seines Sohnes Janis, 7, ist kaum zu verstehen. Zu Hause erinnert sich der Vater an die dramatischen Tage zwischen Leben und Tod.

Donghua Li

Olympia-Sieger Donghua Li durchlebt das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Er hat seinen Sohn Janis verloren. «Wie soll ich je lernen, mit diesem Schmerz umzugehen? Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen.»

Fabienne Bühler

Das Puzzle auf dem Tisch im Kinderzimmer ist fast fertig. Als würde Janis jeden Moment zurückkommen und die fehlenden drei Teile einsetzen. Am Schrank ein Aufkleber: «Luege, lose, laufe» steht darauf. So wollte Janis sich auf seinen Schulweg vorbereiten. Er und der Nachbarsjunge hatten verabredet, dass sie die 15 Minuten zur Schule immer gemeinsam zurücklegen wollen.

Von der Terrasse seiner Wohnung zeigt Donghua Li, 51, auf einen Feldweg, der nach Adligenswil LU zur Schule führt. «Wir haben den Weg schon ein paarmal zusammen zurückgelegt, um zu üben», sagt Donghua. Doch so weit kommt es nicht.

Mit Janis Tod hat niemand gerechnet

Am 20. August um 17.50 Uhr hat das Herz des kleinen Janis aufgehört zu schlagen. Am Tag, der eigentlich sein zweiter Schultag hätte sein sollen, ist der Siebenjährige nach einem kleinen chirurgischen Eingriff innerlich verblutet.

Es war nur eine Biopsie. Eine Gewebsentnahme eines Tumors, der kurz zuvor um die Leber des Jungen herum entdeckt worden war. «Wie soll ich je lernen, mit diesem Schmerz umzugehen? Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen», sagt der Kunstturn-Olympiasieger von 1996 in Atlanta/USA. Donghua Li spricht mit leiser Stimme, beherrscht. Nur sein Blick verrät, was gerade in ihm vorgeht. Aus den stets strahlenden Augen ist die Lebensfreude des stolzen Vaters gewichen.

Donghua Li

Als Buddhist glaubt Donghua Li an Wiedergeburt. Er ist sicher, dass Janis Seele in einer anderen Form weiterleben wird.

Fabienne Bühler

Donghua Li hat viele offene Fragen zum Tod seines Sohnes

Was ist passiert? Das ist eine von vielen offenen Fragen, die Donghua Li im Moment mit sich herumschleppt. Und auf die ihm bislang niemand eine Antwort geben konnte. «Wieso kann ein Kind nach einer so risikoarmen Operation einfach sterben? Wie konnte Janis an einer so schlimmen Krankheit leiden, ohne dass ich oder die Ärzte davon etwas merkten? Wir haben jeden Tag zusammen geturnt und Golfbälle geschlagen. Janis fühlte sich fit. Hätte ich es merken können?»

Laut Hausarzt hat Donghua Li alles richtig gemacht

Donghua Lis Hausarzt Didi Schmidle, 68, der ihn bereits als Spitzensportler betreut hat, steht auch in diesen dunklen Tagen seinem früheren Schützling bei. Der Luzerner sagt: «Donghua hat alles richtig gemacht. Janis war eben erst in der schulärztlichen Untersuchung, bei der alles normal war. Ich hoffe, dass er jetzt möglichst rasch Antworten bekommt auf seine drängenden Fragen. Er hat ein Anrecht darauf zu erfahren, wieso Janis im Spital so schnell sterben musste. Auch für mich sind diese Fragen offen.»

 

«Ich konnte ihm einen seiner letzten Wünsche erfüllen, ohne dass ich es wusste.»

Donghua Li

Schweizer Illustrierte: Donghua Li, wann haben Sie sich zum ersten Mal Sorgen gemacht um den Gesundheitszustand Ihres Sohnes?
Donghua Li: Am Donnerstag, fünf Tage vor seinem Tod. Er zeigte mir seinen Bauch, der etwas grösser war als sonst. Ich fragte ihn, ob er Schmerzen habe, er verneinte. Also beschloss ich, abzuwarten. Als ich, wie jeden Tag, mit meiner Mutter in China telefonierte, riet sie mir, trotzdem zum Arzt zu gehen.

Das taten Sie gleich am Freitag?
Ja, da sein Kinderarzt in den Ferien war, gingen wir zu einem Notfallarzt in Luzern. Dieser untersuchte Janis mittels Ultraschall. Nicht lange. Er setzte das Gerät ab und sagte zu mir: Das ist etwas Ernstes. Dann schickte er uns für weitere Abklärungen ins Kinderspital Luzern. 

Dort fuhren Sie sofort hin?
Mit einem kleinen Umweg. Es war gerade Mittag, und Janis hatte Hunger. Wir waren bereits kurz vor dem Spital, als er sagte, er habe Lust auf ein Happy Meal. Ich wollte erst nicht, liess mich dann aber überreden, zu McDonald’s zurückzufahren. Als ich das Auto wendete, jubelte er vor Freude. Nun bin ich unendlich dankbar, dass ich es getan habe. Ich konnte ihm einen seiner letzten Wünsche erfüllen, ohne dass ich es wusste.

Janis hatte im Spital Freude an den kleinen Dingen

Vom Donut, den Janis zum Dessert bestellt, mag er nur noch einen Bissen essen. Den Rest packt Donghua ein und nimmt ihn mit ins Spital. Für später. Doch Janis wird sehr lange nichts mehr essen. «Als wir nach dem Mittag im Spital ankamen, fingen sofort die Untersuchungen an. Sie dauerten bis spät am Abend.» Janis werden zwölf Fläschchen Blut abgenommen. «Das war schlimm für ihn, er hatte solche Angst vor Nadeln.»

Der Bub muss weitere Ultraschalls über sich ergehen lassen. Kaltes Gleitgel auf der nackten Haut, der Druck, mit dem die Mediziner den Schallkopf über seinen Bauch bewegen. Irgendwann beginnt Janis zu weinen.

Für Samstag wird ein MRI angesetzt. Unter Vollnarkose. Davor darf Janis gut 12 Stunden nichts mehr essen oder trinken. Den Donut, verspricht Donghua ihm, darf er essen, wenn er wieder aufwacht. Immerhin, im Einzelzimmer von Janis hat es einen TV. «Zu Hause durfte er nicht viel fernsehen. Er hat sich so gefreut, dass er im Spital seine eigene Fernbedienung hat.»

Diese Erinnerung zaubert Donghua ein Lächeln ins Gesicht.

«Die Ärzte sagten uns, die Heilungschancen seien bei krebskranken Kindern gross.»

Donghua Li

Haben Sie sich im Spital alleine um Janis gekümmert?
Seine Mutter, von der ich getrennt lebe, und ich haben uns tagsüber abgewechselt. Es war immer jemand bei ihm. In der Nacht schlief Janis alleine im Spital. Ich habe ihn jeden Abend gefragt, ob ich bleiben solle. Er sagte immer: Nein, geh nur. Ich glaube, er freute sich darauf, seine Fernbedienung in die Hand zu nehmen und noch das Kinderprogramm zu schauen.

Haben Sie da ein Auge zugedrückt?
Diese kleine Freude habe ich ihm gegönnt. Mehrere Tage still im Bett zu liegen, ist nicht einfach für einen so bewegungsfreudigen Buben. Zu Hause turnten wir jeden Tag zusammen.

Hat er sich denn krank gefühlt im Spital?
Eigentlich nicht. Aber er hatte Infusionsnadeln an den Händen und viele Schläuche um sich herum. Auch erhielt er in den vier Tagen im Spital eine halbe und drei Vollnarkosen.

Wann haben Sie realisiert, wie schlecht es Janis geht?
Wir hofften das ganze Wochenende, dass es sich bei den vielen Knoten in seinem Bauch um gutartige Tumore handelt. So, wie es auch bei meiner Mutter war, als sie vor wenigen Monaten erkrankte. Am Montagabend haben uns die Ärzte aber gesagt, dass Janis Krebs hat.

Eine niederschmetternde Nachricht.
Ja, das war sehr schlimm. Jedoch sagten uns die Mediziner auch, dass die Heilungschancen bei Kindern sehr gross seien, bei über fünfzig Prozent. Wir hofften, dass alles gut kommt. Und dafür wollten wir mit Janis kämpfen.

Janis Longlong Li Donghua Li

Von klein auf teilte Janis mit seinem Papa die Liebe zum Sport. Die beiden turnten täglich zusammen. Janis begleitete Donghua Li auf den Golfplatz und im Winter fuhren sie auf dem Titlis Ski.

Donghua Li

Donghua Li konnte sich nicht von seinem Sohn verabschieden

Als am Montag der erste Schultag ansteht, bringt Donghua Li ein Arztzeugnis vorbei. Janis wird bis auf Weiteres nicht am Unterricht teilnehmen können. «Noch nicht klar, wie lange», steht da. Doch Janis wird den Schulthek, den seine grosse Schwester Jasmin, 21, – Donghua Lis Tochter aus erster Ehe – ihm am Samstagabend ins Spital bringt, nie über den Feldweg Richtung Dorf tragen. Er wird keine Hefte einpacken und keine Znüniböxli drin verstauen.

Am Dienstag wird Janis operiert. In seine Brust soll ein Medikamentenspender implantiert werden für die bevorstehende Chemotherapie. Und am Bauch setzen die Ärzte zwei kleine Schnitte, um Gewebeproben für weitere Untersuchungen zu entnehmen. Um 14 Uhr informieren die Ärzte die Familie, dass alles wie erwartet gut gegangen sei. Etwa um 15 Uhr ist Janis aus der Vollnarkose erwacht und bittet um Essen und Trinken. Die Ärzte informieren die Familie, dass alles gut läuft.

Um 17 Uhr beklagt Janis plötzliches Unwohlsein. Sein Blutdruck fiel ab, und er wurde auf die Intensivstation gebracht. «Wir hatten keine Ahnung, was los ist. Eine kleine Komplikation, dachte ich.» Zu diesem Zeitpunkt ist Janis schon nicht mehr ansprechbar. 

«Als Buddhist glaube ich an die Wiedergeburt.»

Donghua Li

Wann durften Sie zu Ihrem Sohn?
Um 17.45 Uhr liess man uns in den OP. Als wir ins Zimmer traten, war dort ein ganzes Ärzteteam. Ein Arzt führte gerade eine Herzmassage durch. Dann wandte er sich zu uns und sagte, er könne nichts mehr für Janis tun. In diesem Augenblick realisierte ich, dass ich meinen Sohn verloren habe. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen.

Sie konnten sich nicht verabschieden?
Janis war nicht mehr bei Bewusstsein. Aber ich war bei ihm, als das Leben für immer seinen Körper verliess. Und ich spürte seinen Geist, der noch anwesend war.

Durften Sie bei ihm bleiben?
Die meiste Zeit blieb ich allein an seinem Bett sitzen, bis sein Körper durch die Rechtsmedizin abgeholt wurde. Sieben Stunden lang. Ich streichelte sein Gesicht, schloss seine Augen und küsste ihn immer wieder. Seine Haut wurde immer kühler. Das war sehr hart für mich, aber auch wichtig. Ich habe mich bewusst entschieden, dem Schmerz nicht aus dem Weg zu gehen, sondern diese Stunden zu nutzen, um mich zu verabschieden. Als er abgeholt wurde, habe ich Janis im Leichensack gesehen. Das war brutal. Aber ich wollte als Vater in diesem Moment bei ihm sein. Danach, das wusste ich, wird Janis’ Körper für immer weg sein.

Sie sprechen von Körper und Geist getrennt.
Als Buddhist glaube ich an die Wiedergeburt. Ich bin sicher, dass Janis’ Geist in einer anderen Form weiterleben wird. Er hat sieben Jahre bei mir gelebt, da seine Mutter bereits ein älteres Kind hatte und sich nicht durchgehend um beide kümmern konnte. Das hat unsere Vater-Sohn-Bindung gestärkt. Wir sind uns sehr nahe. Ich habe das Gefühl, ständig in meinen Gedanken mit ihm zu reden.

Was sagen Sie zu ihm?
Wenn ich bete, versichere ich Janis immer wieder, dass wir ihn lieben. Sage ihm, dass ich unendlich traurig bin. Und wünsche ihm, dass er in einem neuen Leben Glück erfahren wird.

Donghua Li

Auf der Terrasse seiner Dachwohnung in Adligenswil LU trauert der Donghua Li um seinen Sohn. Er betet oft und führt stille Dialoge mit seinem Kind. «Ich wünsche Janis, dass er in einem neuen Leben Glück erfahren wird.»

Fabienne Bühler

Donghua Li will dem Tod seines Sohnes einen Sinn geben

Da Janis so unerwartet gestorben ist, wird sein Körper vor der Einäscherung durch die Rechtsmedizin untersucht. Die Ergebnisse werden auf Ende September erwartet. «Ich hoffe so sehr, dass dadurch einige meiner Fragen beantwortet werden. Dass diese Ungewissheit erträglicher wird.»

Seinem Sohn erweist Donghua Li diesen Freitag um 15 Uhr an der Abschiedsfeier in der Pfarrkirche St. Martin mit anschliessender Urnenbeisetzung in Adligenswil die letzte Ehre. «Wir haben für ihn einen Platz neben der Kirche gefunden. Und werden seiner mit einem chinesischen Lied gedenken, das wir stets gemeinsam gesungen haben.»

Vor der Einäscherung am 26. August steigen Donghua und Tochter Jasmin hoch auf den Titlis. Hier ist er im März mit Janis und Jasmin  Ski gefahren. Er kommt oft hierher, da die Felsen eine natürliche Buddha-Statue geformt haben. Donghua und Jasmin beten. Und weinen.

Und er fasst einen Entschluss. Janis’ Tod, der sich so sinnlos und ungerecht anfühlt, soll eine Bedeutung erhalten. «Trauer ist auch eine Form der Energie», sagt Donghua. «Negative Energie. Aber Energie. Ich will nicht darin versinken. Sondern sie nutzen, um damit etwas Gutes zu schaffen.»

«Ich wünsche, dass man durch bessere Früherkennung aus Janis’ Tod lernen kann.»

Donghua Li

Wie verarbeiten Sie Janis’ Tod?
Ich werde in seinem Namen die Swiss Longlong Kinderstiftung ins Leben rufen.

Was bedeutet das?
Longlong war Janis’ Spitzname. Sein zweiter Name ist Ruilong. Das Rui steht für Schweiz, Long heisst Drache. Ich nannte ihn oft bei seinem chinesischen Namen.

Welche Ziele hat die Stiftung?
Ich wünsche, dass man durch bessere Früherkennung aus Janis’ Tod lernen kann. Seine Freude am Sport darf so in anderen Kindern weiterleben.

Janis Longlong Li Donghua Li
Donghua Li

Swiss Longlong Kinderstiftung

In memoriam Janis Li, der den Sport liebte und oft mit seinem Papi Donghua Li turnte oder Golf spielte.

Dank besserer Früherkennung soll Janis' Freude am Sport in anderen Kindern und Menschen weiterleben.

Spenden werden dankbar entgegengenommen:
CH41 0024 8248 7099 1781 0

Donghua Lis neue Partnerin steht ihm in diesen schweren Stunden bei

Die Hoffnung, etwas Gutes zu tun, ist für Donghua Li wie der Lichtstreifen am Horizont, der sich gegen Ende des Interviews unter den schwarzen Regenwolken bildet. Auf der Terrasse weht eine Fahne im Wind, sie zeigt einen Jungen, der auf einem Drachen reitet – ein Geschenk von Simone Erni, der Tochter des Jahrhundertkünstlers Hans Erni.

Janis ist 2012 im chinesischen Jahr des Drachens geboren. Drachen-Geborene sind zu Grossem bestimmt. Sie fühlen sich ihren Mitmenschen verpflichtet, haben ein grosses Herz und kämpfen um das Wohl anderer. «Ich hoffe, ich kann mit der Stiftung  Janis’  Tod einen Sinn geben und den Schmerz verarbeiten», sagt Li. Seine neue Partnerin, die auch aus China stammt, sich jedoch aus der Öffentlichkeit zurückhält, gibt ihm Kraft, das alles durchzustehen und in Angriff zu nehmen.

Donghua Li ist dankbar für die grosse Anteilnahme

Auch die Anteilnahme und vielen lieben Nachrichten durch alle Kanäle stärken Donghua Li. Die 1. Klasse, zu der Janis nie gehören durfte, hat ein Herz voller Kinderzeichnungen geschickt. Und alt Bundesrat Adolf Ogi, 77, der Li seit dem Olympiasieg 1996 kennt, schreibt: «Aus eigener Erfahrung weiss ich, was es bedeutet, den geliebten Sohn durch Krebs zu verlieren. In diesen schweren Stunden der Trauer möchte ich dir mein tief empfundenes Beileid aussprechen. Möge der Allmächtige dir beistehen und die Kraft schenken.»

Die Briefe liegen auf dem Wohnzimmertisch im Schein einer Kerze, die Janis letzte Weihnachten aus gelbem, violettem und orangefarbenem Wachs gezogen hat. «Diese Nachrichten geben mir viel Halt. Ich werde es nicht schaffen, sie alle zu beantworten. Aber ich verspüre eine tiefe Dankbarkeit für die enorme Anteilnahme.»

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Von Sylvie Kempa und André Häfliger am 6. September 2019