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  4. Ursus & Nadeschkin auf Tournee im Circus Knie mit Kindern und Kuh

Ursus & Nadeschkin im Circus Knie

Jetzt stürmt der Nachwuchs die Manege!

Besser spät als gar nie! Der Circus Knie geht nach dem Lockdown endlich auf Tournee. Und mit ihm Ursus & Nadeschkin. An ihrer Seite die eigensinnige Circe und Nadeschkins Sohn Sidney mit seinem Kumpel Raoul. Warum die Künstlerin ihrem Sohn unbedingt die Zirkuswelt zeigen will. Und wieso Ursus seine Familie nicht mit auf Tournee nimmt, erfahrt ihr im Interview.

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Nadeschkins Sohn Sidney spielt den kleinen Ursus. Sie selbst wird von dessen Freund Raoul gedoubelt.

Geri Born

Circe schlendert Richtung Garderobe. Nach der Probe ihrer Nummer in der Manege des Circus Knie sollte die Kuh eigentlich zurück ins Frei­gehege, das sie sich mit ein paar Kamelen teilt. Aber Circe denkt nicht daran. Und Nadja Sieger, 52, alias Nadeschkin, probiert gar nicht erst, sie umzustimmen. Denn wie ihre Namensgeberin, die Zauberin aus der griechischen Mythologie, ist Circe, die Zirkuskuh, ein eigenwilliges Geschöpf. Sie macht, was sie will. Und gerade möchte sie bei der Garderobe von Ursus & Nadeschkin rumstehen. Respektive der Schale mit den gluschtigen Früchten, die dort auf dem Kaffeetisch liegt.

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Seit 33 Jahren sind Ursus & Nadeschkin zusammen unterwegs. Nach 2002 auch zum zweiten Mal im Knie – mit Co-Star Kuh Circe.

Geri Born
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Eine Situation wie ein Déjà-vu: Ursus, Nadesch­kin und Circe als gut eingespieltes Trio, bereit, vor Publikum aufzutreten, das gabs schon mal, vor sechs Monaten. Dann kam der Lockdown zwei Tage vor der Premiere. «Ein Coitus interruptus war das», sagt Urs Wehrli, 51, alias Ursus. Die Tournee wurde auf Mai verschoben. Dann Juli, August. Nun feiert Knie am 4. September in Bern Premiere. Mit einer verkürzten Route durch elf Deutschschweizer Städte – und Schutzkonzept: Es werden vorläufig nur 900 von 2200 Plätzen ­vergeben. Im Publikum herrscht Maskenpflicht. Was sich je nach Bundesratsentscheid im Oktober jedoch wieder ändern kann.

«Das Publikum hat neu richtig viel Platz, um zum Klatschen auszuholen!»

Nadeschkin zum Schutzkonzept des Circus Knie

Ursus & Nadeschkin, hatten Sie noch mit ­einem Comeback dieses Jahr gerechnet?
Ursus: Wir haben es fast ein wenig befürchtet. Wäre es unsere Entscheidung gewesen, hätten wir es bei den steigenden Fallzahlen wohl nicht durch­gezogen. Wir hätten unser fixfertiges Programm, in das wir zusammen mit unserem langjährigen Regisseur Tom Ryser so viel Arbeit gesteckt haben und auf das wir uns sehr freuen, eingepackt und in einem anderen Jahr aufgeführt.
Weswegen?
Ursus: Weil wir nicht abschätzen können, wie das herauskommt. Vor halb leeren Rängen und Maskierten aufzutreten, mag für Tiernummern oder Artisten mit lauter Musik funktionieren. Für Clowns wird das wohl eine zünftige Herausforderung.
Nadeschkin: Unsere Nummern leben von der Stimmung im Zelt, von der Interaktion mit dem Publikum und vom direkten Feedback der Zuschauer. Ob das auch mit Masken und Abstand funktioniert?
Ursus: Uns bleibt die Hoffnung, dass die Zuschauenden, die trotz Pandemie den Weg in den Zirkus finden, kulturell so ausgehungert sind, dass ihre Lust aufs Spektakel umso grösser ist.
Gewinnen Sie der Pandemie eine Pointe ab?
Nadeschkin: Das Publikum hat neu richtig viel Platz, um zum Klatschen auszuholen! (Lacht.) Die naive Sicht der Clowns auf diese absurde ­Situation lassen wir natürlich einfliessen. Aber über das Coronavirus selber lachen wir nicht. Menschen haben Angst, haben gelitten oder sogar Angehörige verloren. Wir stecken mittendrin. Und etwas, das noch nicht verdaut ist, ist selten lustig.

Macht Ihnen das Coronavirus Sorgen?
Ursus: Eher das Drum und Dran. Ich glaube, dass grundsätzlich zu viel reglementiert wird, kann das jedoch verstehen. Man weiss noch nicht genau, womit man es zu tun hat, und in dieser Situation wollen die Behörden nichts falsch machen.
Nadeschkin: Ich selber glaube irgendwie, dass ich das Virus bereits hatte, kurz bevor es offiziell in der Schweiz ankam. Ich und mein Sohn hatten in den Skiferien eine Grippe mit heftigsten Fieberschüben, Geschmacksverlust und Atemproblemen. In der Folge wochenlange Erschöpfung. Schlimmer als das Virus finde ich aber, wie die Gesellschaft gerade erkrankt ob der Distanzierung. Spontane Umarmungen und andere Ausdrücke von Freude oder Herzlichkeit sind in Verruf geraten.
Mussten Sie Ihr Programm anpassen?
Ursus: Wir geben mehrmals Gegenstände ins ­Publikum und haben lange überlegt, wie wir das umsetzen können. Nun werden wir ein Desinfektionsmittel mitgeben. Und statt Händeschütteln kommt der Ellbogen zum Einsatz.

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Desinfektionsspray tourt mit: Ursus sorgt dafür, dass die Buchstaben, die er ins Publikum geben wird, virenfrei bleiben.

Geri Born

Ihre Nummern besprechen Ursus & Nadeschkin während der Kaffeepause mithilfe dreier Plastikfiguren: Nadeschkin, Ursus und eine Kuh. Nadja Sieger lässt ihre Figur über einen Stift balancieren, der das Schlappseil darstellt. «Schau, Urs, wenn ich mich hier umdrehen muss, wirds kritisch.» In den Proben ist sie in diesem Moment vom Seil auf die Bodenmatte gerutscht. Ein harmloses Missgeschick. Gefährlicher wirds, wenn sich Nadeschkin, nur durch die eigene Muskelkraft ge­sichert, hoch über der Manege an Ursus’ Füssen festklammert. Oder wenn sie auf Circes Rücken durch das Sägemehl reitet. «So eine Kuh wiegt knapp eine Tonne. Wenn du da im Galopp runterfällst, wirds gefährlich», sagt sie und hüpft mit der Plastikkuh über den Kaffeetisch.

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Tupperware als Manege und Plastikfigürchen: So besprechen Ursus & Nadeschkin ihre Nummern.

Geri Born

Eigentlich sollten hier noch zwei weitere Figür­chen stehen. Denn das Clown-Duo gibt es neu auch in klein, gespielt von Nadjas Sohn Sidney, 9, und dessen bestem Freund Raoul, 10. Der kleinere Raoul wird zur Mini-Nadeschkin, Sid versteckt seine lange blonde Mähne unter einer Stoppel-­Perücke und wird so zu einem kleinen Ursus.

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Nadeschkin, Raoul, Sidney und Ursus.

Geri Born

Nadeschkin, bisher hielten Sie Ihren Sohn von der Bühne fern, wieso der Sinneswandel?
Das stimmt so nicht ganz. Sid mag die Bühne und trat schon als Fünfjähriger gerne ab und zu kurz mit uns auf. Im diesjährigen Knie-Programm gibt es nun zwei kurze Übergänge, die wir rein zeitlich selber nicht machen können. Dass hier die beiden Kleinen für uns einspringen, ist natürlich perfekt. Ich freue mich, meinem Sohn die Zirkuswelt zeigen zu können. Urs und ich waren ja bereits 2002 einmal mit Knie unterwegs. Für eine zweite Tournee liessen wir uns jahrelang bitten. Nun erlebt Sid sie in einem Alter, in dem er wirklich davon profitieren kann.
Was erhoffen Sie sich für ihn?
Nadeschkin: Ich denke, dass er in diesen paar ­Monaten lernt, dass wir alle fleissig für die Bühne üben, gut vorbereitet und pünktlich sein müssen.

«Mein Sohn ist mit 14 für ein Zirkusjahr schon fast zu alt»

Urs Wehrli alias Ursus

Ursus, Sie sind ebenfalls Vater eines Sohnes. Wieso reist Ihre Familie nicht mit?
Einerseits, weil meine Frau Brigitta in ihrem Job als Tänzerin, Hochschuldozentin und Choreo­grafin sehr engagiert ist und sich schlecht als ­Artisten-Anhängsel eignet. Andererseits ist mein Sohn Jodok mit 14 Jahren schon fast zu alt für ein Zirkusjahr. Er schnuppert gerade Hochbauzeichner und hat anderes im Kopf, als weit weg von seinen Freunden zu sein.
Die ursprünglich geplante Tournee wäre jetzt schon fast vorbei. Was hatten Sie vor?
Nadeschkin: Ich wollte eine Stimmschulung machen in Tibet oder in der Mongolei. Einfach drei Wochen Zeit für mich haben. Zum ersten Mal, seit ich Mutter bin – das hätte mir extrem gutgetan.
War der Lockdown nicht Auszeit genug?
Nadeschkin: Also ich hatte anfangs gar keine freie Zeit im Lockdown. Ich musste mich gleich nach der Absage der Tournee mit viel Homeschooling herumschlagen, anstatt mich von meiner Grippe erholen zu dürfen. Auch Circe habe ich jede Woche auf dem Islikerhof bei Winterthur besucht, um den Draht zu ihr nicht zu verlieren.
Ursus: Wie viele haben wir den Lockdown auch genutzt, um mal wieder alles, was liegen geblieben ist, zu erledigen. Den Austausch mit Artistenkollegen wie Gardi Hutter oder Karl’s Kühne Gassenschau haben wir auf gemeinsamen Wanderungen gepflegt. Und auch an unseren Nummern feilten wir weiter. Jetzt sind unsere Nummern nicht nur fertig, sondern noch fertiger. Es kommt schon Freude auf, das endlich mal zeigen zu dürfen!

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Sieht auch im Sprint umwerfend aus: Circe, ­die Zirkuskuh, ist eigentlich ein Migros-Model.

Geri Born

Circe ist mittlerweile doch noch abgezottelt. Dafür sind die Buben Sidney und Raoul dazugestossen. Mit Zug und Tram sind sie aus Zürich angereist, im Schlepptau die Kleidung für vier eher kühle Monate im Zirkuswagen und zwei dick gefüllte Schulranzen. Denn die zwei Freunde werden nicht nur jeden Tag in der Manege stehen, sondern auch die Zirkusschule besuchen.

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Klassenfoto: Chanel Knie, Sidney und Raoul bilden zu dritt die vierte Klasse der Zirkusschule.

Geri Born

Viel Programm für Neunjährige. «Das macht nichts. Es ist mein Traum, Clown zu werden», sagt Raoul, der sich als pantomimisches Naturtalent entpuppt. Auch Sidney hat sich ganz bewusst für dieses Abenteuer entschieden. «Ich freue mich mega, dass ich das machen darf. Eigentlich wäre ich gerne Nadeschkin gewesen, aber dann wurde mir klar, dass es mehr Sinn macht, wenn ich Ursus spiele. Raoul ist so lustig wie Mami, aber ich bin grösser und sehr geschickt. Ich werde mit einem Töff durch die Manege brettern!»

Das hat ihm sein Götti, der ­Regisseur Tom Ryser, beigebracht. Er ist es auch, der die Kids auf die Manege vorbereitet. «Auf die eigenen Eltern hören Kinder ja nicht so gern», sagt Nadja Sieger. Und betont, dass die Entscheidung, aufzutreten, ganz bei den Buben liege. «Sie müssen gar nichts. Wirds ihnen zu viel, können sie jederzeit aufhören. So handhabt das ja auch die Familie Knie mit ihren Kindern.»

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Da kommt das Kind in Nadeschkin zum Vorschein. Die Clownin dreht auf dem Töff der Kinder ein paar Runden, während Ursus und Regisseur Tom Ryser das Programm besprechen. Ryser ist seit 31 Jahren mit dabei: «Wir sind eigentlich zu dritt ein Duo.»

Geri Born

Die Bühne hinter sich zu lassen, das ist auch bei Ursus & Nadeschkin immer wieder ein Thema. Seit sie sich vor 33 Jahren an einem Clown-Workshop begegnet sind, stehen die zwei gemeinsam vor Publikum. «Wir denken immer mal wieder ans Aufhören, weil man sich so auch fürs Weitermachen entscheiden kann.» Nun könnte ein kleines Virus ihnen diesen Gedanken vorwegnehmen.

«Wir Clowns sterben nie aus»

Nadja Sieger alias Nadeschkin

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft?
Ursus: Nicht um die Kultur als Ganzes. Ich frage mich aber, wie es mit Grossveranstaltungen weiter­geht. Wird es in fünf Jahren noch Festivals geben? Ich fürchte, eher nicht. Aber um unseren Beruf mache ich mir weniger Sorgen.
Nadeschkin: Clowns hat es schon immer gebraucht. Wir sterben nicht aus. In einer Epidemie erst recht nicht.

Von Sylvie Kempa am 04.09.2020
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