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  4. Klimaangst bei Jugendlichen: Welche Rolle spielt Greta Thunberg?

Welche Rolle spielt Greta dabei?

«Krankhafte Klimaangst ist mit anderen Ängsten verbunden»

Immer mehr Jugendliche fürchten sich vor dem Klimawandel. Im Gespräch mit schweizer-illustrierte.ch erklärt Psychologie Professor Christoph Flückiger, worum es bei der Klimaangst konkret geht, was Greta Thunberg damit zu tun hat und wie Eltern von betroffenen Jugendlichen am besten reagieren.

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Klimaaktivistin Greta Thunberg, 17, ist für Christoph Flückiger eine positive Figur: «Sie dröhnt sich nicht mit Drogen zu und sagt, das Leben ist nur Scheisse.»

Getty Images

Herr Flückiger, die Klimaangst soll unter Jugendlichen stark zugenommen haben. Was sagen Sie zu diesem Phänomen?
Angst ist zunächst einmal etwas völlig Normales und für uns Menschen extrem wichtig.

Warum ist Angst wichtig?
Sie sorgt dafür, dass wir uns selbst und anderen Menschen Sorge tragen – unseren Eltern, Geschwistern, Freunden, Nachbarn. Angst hat eine starke soziale Komponente und macht unsere Welt erst lebenswert. Mit vollkommener Angstfreiheit hätten wir schnell eine Gesellschaft lauter asozialer Egoisten. 

Angst kann uns auch anspornen. Zum Beispiel Prüfungsangst.
Genau. In diesem Fall motiviert uns die Angst zum Lernen und schärft unsere Konzentration während der Prüfung.

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Wann wird Angst denn zum Problem?
Von einer psychischen Störung reden wir erst, wenn die Angst übermässig wird.

Was heisst das konkret?
Betroffene können ihre Ängste über Monate nicht mehr stoppen. Der Leidensdruck ist dabei extrem hoch. Menschen mit einer Angststörung tendieren zu sogenanntem Vermeidungsverhalten. Also Dinge, die sie vorher gern und mühelos getan haben, tun sie plötzlich nicht mehr.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Oft trauen sie sich nicht mehr aus dem Haus und isolieren sich dadurch immer mehr.

«Die Klimaangst zeigt die wachsende Sensibilisierung der Jugendlichen für Umweltthemen.»

Existiert eine pathologische, also krankhafte Klimaangst überhaupt?
Eine explizit pathologische Klimaangst an sich gibt es nicht. Meist ist eine solche Angst mit anderen Ängsten verbunden. Diese Ängste hüpfen gern hin und her. Also zum Beispiel von der Angst einer Finanzkrise, zur Angst vor Seuchen oder eben wie aktuell vor dem Klimawandel.

Laut der jüngsten Shell-Studie geben 65 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland an, Angst vor dem Klimawandel zu haben. Wie interpretieren Sie diese Zahl?
Es zeigt in erster Linie die wachsende Sensibilisierung der Jugendlichen für Umweltthemen. Die Zahl der Angstpatienten mit einer psychischen Angststörung ist bei Jugendlichen in der Schweiz seit Jahren stabil und bewegt sich um 10 Prozent. Rechnet man die Mischformen dazu, also Angst in Kombination etwa mit einer Depression, sind wir bei rund 30 Prozent.

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Christoph Flückiger, 46, ist Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich.

ZVG

Wie zeigt sich eine pathologische Angststörung bei Jugendlichen?
Sie wollen zum Beispiel nicht mehr in die Schule, schwänzen immer häufiger. Gehen nicht mehr an Prüfungen. Oft ziehen sie sich komplett aus ihrem sozialen Leben zurück und isolieren sich immer mehr. Viele wirken sehr abwesend. Der eigene Körper kann ein grosses Thema werden.

Was können Eltern in einem solchen Fall tun?
Zu Beginn sicher das Gespräch suchen und ihrer Tochter oder ihrem Sohn Raum geben. Verbessert sich der Zustand nicht, sollen sie sich professionelle Hilfe holen.

Wie gut können Angststörungen bei Jugendlichen behandelt werden?
In einer professionellen und fokussierten Psychotherapie kann man es relativ schnell in den Griff bekommen. Also bei 70 bis 80 Prozent der Jugendlichen normalisiert sich ihr Zustand.

«Greta sucht den Dialog. Auch mit der Erwachsenenwelt. Sie wird so zu einer Brücke zwischen Teenagern und Erwachsenen.»

Ist Greta Thunberg mit ein Grund für die wachsende Klimaangst unter Jugendlichen?
Im positiven Sinne, also jenem einer Umwelt-Sensibilisierung, denke ich schon.

Sie sehen Sie nicht als angstschürende Schreckensbotschafterin, die Jugendliche verunsichert?
(lacht) Im Gegenteil! Greta ist für mich eine durch und durch positive Figur. Sie dröhnt sich nicht mit Drogen zu und sagt, das Leben ist nur Scheisse und alle sind doof. 

Greta nimmt auch am WEF teil...
... und boykottiert es nicht. Sie zeigt Jugendlichen damit, dass es gut ist, den Dialog zu suchen. Auch mit der Erwachsenenwelt. Greta wird so zu einer Brücke zwischen Teenagern und Erwachsenen.

Von Maria Ryser am 23.01.2020
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