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Oh Schweiz, du Familienschreck

Mütter werden in die Hausfrauen-Rolle gezwungen

Family-Redaktorin Maria Ryser wurde mit 23 Jahren Mama. Bei keinem ihrer insgesamt drei Kindern hatte sie einen Mutterschaftsurlaub. Ihr Mann bekam jeweils fünf Tage frei. Durch die fehlende Elternzeit sind beide in klassischen Geschlechterrollen gelandet.

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Es könnte alles so einfach sein: Vätern und Müttern sollte die gesetzliche Grundlage zur Verfügung stehen, um sich gemeinsam um ihre Kinder zu kümmern.

plainpicture/Blend Images/Mike Kemp

Der Mutterschaftsurlaub ist ein Mythos, um den sich viele Legenden ranken. Wie erleben Eltern die Zeit nach der Geburt wirklich? Weswegen würde kaum eine Mutter sie als «Urlaub» bezeichnen? Und wieso wäre eine Vaterschaftszeit so wünschenswert für werdende Familien?

SI Family beleuchtet den gesetzlichen Mutterschaftsurlaub in der Schweiz, der läppische 14 Wochen beträgt, aus Sicht derer, die ihn erlebt haben. Keine Zahlen, keine Vermutungen, kein Schönreden. Mamas enthüllen, was sich hinter dem fröhlich klingenden Wörtchen wirklich verbirgt. Und wieso das mit Ferien nichts zu tun hat.

Family-Redaktorin Maria Ryser erzählt ihre Geschichte mit vielen Ausrufezeichen. Die sind auch nötig. Denn vielleicht wäre mit gesetzlich geregelter Elternzeit alles ganz anders herausgekommen.

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Family-Redaktorin Maria Ryser ist Mama von zwei Teenagern und einem Primarschüler.

Paul Seewer
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Erfahrungsbericht von Maria Ryser

Du meine Güte, was für ein dummer Fehler! Heute kann ich nur kopfschüttelnd sagen: Ich war jung und naiv. Mit 22 Jahren wurde ich ungeplant schwanger - das war nicht der Fehler und wenn, dann der beste meines Lebens!

«Mit dir sofort«, sagte mein Mann ohne zu zögern. Er war 23 Jahre jung. Wir waren seit zwei Monaten zusammen. Dieser Satz hat mich tief beeindruckt und legte den Grundstein für unsere Familie. Das war vor 19 Jahren.

Wir arbeiteten in diesem Sommer beide als Call Center Agents. Er wechselte dann in die Werbebranche und ich fing im Herbst ein Germanistk-Studium an, war aber immer noch in einem Teilzeitpensum in jenem Call Center tätig. Gegen Ende der Schwangerschaft wurde mir studieren plus arbeiten zu viel. Und jetzt kommt der Fehlentscheid: Ich reichte im achten Monat die Kündigung ein.

«Auch beim zweiten und dritten Kind verbrachte ich die Babypause unbezahlt zu Hause.»

«Bist du dir sicher? Ich an deiner Stelle würde das nicht tun», sagte mein Chef noch. Doch ich wollte mich aufs Studium konzentrieren, niemandem zur Last fallen und kündigte. Total doof! Auch beim zweiten und dritten Kind verbrachte ich die Babypause unbezahlt zu Hause. Erst als Studentin, dann als selbständige Redaktorin.

Der Start in diesen sogenannten Urlaub war hart. Ohne die Unterstützung meiner Mutter und meiner Schwiegermutter hätte ich den ersten Monat mit einer Spitex verbracht. Nach dem Milcheinschuss bekam ich bei jedem Kind eine Mastritis, eine sehr schmerzhafte Brustentzündung. Die Geburt war im Vergleich dazu ein Spaziergang. Fiebrig dämmerte ich im Bett vor mich hin, Tag und Nacht nur damit beschäftigt das Stillen in den Griff zu bekommen. Von Urlaub keine Rede. 

«Hätten wir jeweils ein halbes Jahr Elternzeit gehabt, stünden wir heute an einem ganz anderen Punkt.»

Wenn ich heute lese, dass Volvo Schweiz seinen Mitarbeitenden ein halbes Jahr Elternzeit ermöglicht, könnte ich gleichzeitig lachen und heulen. Das ist so toll! Das wäre so nötig!

Mein Mann bekam jeweils fünf Tage frei – drei davon geschenkt vom Arbeitgeber. Fünf Tage! Das reicht gerade mal für Geburt und Wochenbett. Weit entfernt von der Möglichkeit, sich als Familie zu finden und als Eltern eine faire Arbeitsteilung einzurichten.

Das Resultat dieser Nicht-Elternzeit: Mein Mann schlüpfte in die klassische Rolle des Haupternährers mit einem hundertprozentigen Pensum und ich in die der Mutter und Hausfrau, die nebenbei ein Studium absolvierte und Teilzeit arbeitet. 

Seit zwei Jahren versuchen wir unsere Rucksäcke etwas ausgeglichener zu beladen. Ich bin überzeugt: Hätten wir jeweils ein halbes Jahr Elternzeit gehabt, stünden wir heute an einem ganz anderen Punkt. 

Lest weitere Erfahrungsberichte in unserer Serie zum Mutterschaftsurlaub

Mütter aus der SI-Family-Redaktion erzählen, wie sie den Mutterschaftsurlaub wahrgenommen haben. Familienbloggerin Sandra Casalini erinnert sich an eine Zeit, in der sich «ultimativer Stress und ultimative Langeweile» paarten.

Family-Redaktorin Edita Dizdar weiss nicht, wie sie die ersten Wochen nach der Geburt überstanden hätte, wenn ihr Partner in dieser Zeit keine Ferien bezogen hätte.

SI-Redaktorin Aurelia Forrer findet, aus Sicht einer Haupternährerin, dass ein Vaterschaftsurlaub vonnöten ist.

Und die stellvertretende Chefredaktorin der Schweizer Illustrierten, Nina Siegrist, musste als Zwillings-Mama auf Erspartes zurückgreifen, um im Familienalltag Fuss zu fassen.

Auch ein Papa kommt zu Wort: Co-Chefredaktor Werner De Schepper hat sich nach jeder Geburt seiner drei Kinder vier Wochen Ferien gegönnt. Viel zu wenig, wie er heute weiss.

Von Sylvie Kempa und Maria Ryser am 03.06.2019
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