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Alan Roura segelte alleine um die Welt

«Ohne meine Tochter hätte ich aufgegeben»

In 95 Tagen segelte Alan Roura einmal um die ganze Welt. Allein. Die sieben Weltmeere hinterliessen nicht nur Spuren auf seinem Köper. «Es ist wie eine Droge.»

Alan Roura, Weltumsegler, Vendee Globe, Tochter Billy, Zuerich, 2021

Als er lossegelte, war seine Tochter Billie vier Monate alt. «Jetzt ist sie wie ein anderes Baby für mich!»

Geri Born

Es ist Weihnachten. Alan Roura sitzt allein auf seinem Segelschiff – die Küste Neuseelands Hunderte Kilometer entfernt. Statt das erste Mal mit seiner kleinen Tochter die Feiertage zu verbringen, starrt er auf die Weiten des Pazifiks hinaus. «Ich überlegte, alles hinzuschmeissen, an Land zu gehen und nach Hause zu fliegen.» Doch stattdessen wartet er. Drei Tage lang, bis die Wellen ihn zu weit weggetragen haben, um zurückzukehren. «Das Meer hat für mich entschieden», sagt er heute, zwei Monate später. «Ich musste es zu Ende bringen.»

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Spuren der Reise

Das Gesicht des 28-Jährigen ist braun gebrannt, die Falten um die Augen sind tiefer als bei den meisten Altersgenossen. «Ich habe die letzten hundert Tage nicht wirklich gut geschlafen, ich bin ziemlich müde», sagt er und lacht laut. 

Alan Roura, Weltumsegler, Vendee Globe, Tochter Billy, Zuerich, SI 08/2021

Der Westschweizer verbrachte sein halbes Leben auf dem Wasser. Jahrelang segelte er mit seiner Familie um die Welt. 

Geri Born

Der Genfer ist zurück vom grössten Abenteuer seines Lebens. Er ist nicht nur der einzige Schweizer, sondern auch der jüngste Teilnehmer an der Vendée Globe, der härtesten Segelregatta der Welt. 45 000 Kilometer segelte er ohne Stopp und ohne Hilfe – einmal um die ganze Welt. Allein. Es ist ein Rennen, bei dem die Hälfte der Teilnehmer nicht weiss, ob sie nach Hause zurückkehrt. Fast 8000 Menschen bezwangen den Mount Everest, etwa 600 flogen ins All, aber nur rund 100 segelten allein und ohne Halt um die Welt. «Die Vendée Globe ist wie das letzte Abenteuer dieser Erde», sagt Alan Roura.

Ein Leben auf dem Wasser

Der Westschweizer verbrachte mehr als sein halbes Leben auf dem Wasser. Er wächst mit seinen Eltern und Geschwistern auf einem Boot in Genf auf. Als er dreizehn Jahre alt ist, segelt die Familie um die Welt, elf Jahre lang. Als Erwachsener feiert Roura schnell Erfolge im Segelsport. 2016 startet er bereits an der Vendée Globe und kehrt nach 106 Tagen zurück. Diesmal will der Extremsportler es in 80 Tagen schaffen. Doch vieles geht schief: Zweimal erleidet sein Boot einen Ölschaden. «Überall war Öl. Ich hatte nicht einmal mehr Lust zu weinen. Es war nicht das Rennen, von dem ich geträumt hatte.» Nach 95 Tagen ist er am Ziel, auf dem 17. Platz bei 33 Klassierten. 

Alan Roura, Weltumsegler, Vendee Globe, Tochter Billy, Zuerich, SI 08/2021

Die Meerjungfrau liess er sich als Teenie in der Karibik stechen. «Ich wollte ein Piercing. Mein Vater sagte, ein Tattoo ist cooler.» 

Geri Born

Der junge Mann reibt sich die Hände. Eine millimeterdicke Hornhaut ist auf den Innenflächen gewachsen. «Auf dem Boot trug ich nie Handschuhe. Mit Handschuhen fühle ich Tau und Leinen nicht. Und ich muss mein Boot spüren, um gut zu segeln. Darum sind meine Hände jetzt wie Füsse.»

Wie eine Droge

Vier Monate vor seinem Start in Frankreich wird der Romands zum ersten Mal Vater. Zu Hause bleiben ist aber keine Option. «Ich weiss, das ist egoistisch. Und klar fühlte ich mich schlecht, meine Frau allein zu lassen. Aber ich kann nicht anders. Das Rennen ist wie eine Droge.» Unterwegs schreibt er fast täglich mit seiner Frau Aurélia Mouraud, 32, über Whatsapp. Sie telefonieren aber nur dreimal. «Wenn ich auf dem Meer bin, brauche ich diese Nähe nicht.» Dass ihr Mann anders ist, war Aurélia Mouraud schon klar, als sie sich vor neun Jahren kennenlernten. Sie begleitete ihn als Journalistin bei einer Atlantik-Überquerung. 

Alan Roura, Weltumsegler, Vendee Globe, Tochter Billy, Zuerich, SI 08/2021

Der Genfer Alan Roura nahm an der härtesten Segelregatta der Welt teil – bereits zum zweiten Mal.

Geri Born

An der Vendée Globe schläft Alan Roura nicht dann, wen die Sonne untergegangen ist, sondern wenn er kann. Er versucht, jeden Tag mindestens sechs Stunden zu schlafen. Egal, ob mehrere Stunden am Stück oder nur einige Minuten. «Einmal war ich zwei oder drei Tage wach. Ich verlor das Zeitgefühl.» Manchmal, wenn die Einsamkeit zu gross ist, fängt er an, mit dem Meer zu reden. «Ich bat es, netter zu mir zu sein. Es waren kurze Momente. Oder ich bedankte mich, dass es so sanft zu mir war.» Im Südatlantik begleitet ein riesiger Albatros ihn zwei Tage lang. «Ich schaute dem Vogel stundenlang zu. Er blieb in der Luft und bewegte die Flügel kaum. Es war wunderschön.»

Haut und Knochen

An Bord ernährt sich Roura von gefriergetrocknetem Essen. Fondue, Kartoffelstock, manchmal Schweizer Trockenfleisch. «Irgendwann schmeckt alles gleich.» Die Schokolade geht ihm schon bei der Hälfte des Rennens aus. Nach einigen Wochen wird das Essen knapp. «Ich fing an, nur noch zweimal statt dreimal am Tag zu essen.» Die letzten Tage muss er ohne Kaffee auskommen. «Das war besonders hart.» Weil er sich kaum bewegt, verliert er Muskelmasse in den Beinen. «Ich habe zwar nur drei Kilo verloren, aber ich habe das Gefühl, meine Beine sind nur noch Haut und Knochen.» 

Alan Roura, Weltumsegler, Vendee Globe, Tochter Billy, Zuerich, SI 08/2021

Er wollte unter den Top Ten sein – landete aber auf dem 17. Platz. «In vier Jahren wieder!» 

Geri Born

Es ist Weihnachten. Eine Leitung im Hydrauliksystem des Kiels bricht. Roura kann den Kiel nicht mehr schwenken – was wichtig ist, um das Boot im besten Segelwinkel zu halten. «Mein Traum, unter den ersten zehn zu sein, war vorbei. Die ganzen letzten vier Jahre, die Vorbereitungen, das Training, alles war futsch.» Er segelt weiter, schafft es nach Hause. «Weil ich wahrscheinlich der einzige Mensch bin, der dumm genug ist, mit einem kaputten Kiel um die halbe Welt zu segeln. Aber ich tat das alles für meine Tochter. Ich wollte, dass sie stolz auf mich ist. Ohne Billie hätte ich aufgegeben.» Und in vier Jahren will Alan Roura trotz allem wieder an den Start der Vendée Globe gehen. «Ich kann nicht anders.» 

Von Silvana Degonda am 28. Februar 2021 - 17:09 Uhr
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