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Spanien hat es schon getan

Sollen wir genderspezifische Werbung verbieten?

Jungs tragen blau, Mädchen rosa. Buben spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen. Mit genau diesen Klischees spielt die Werbeindustrie weltweit, wenn es um das Vermarkten von Kinder-Sachen geht. In Spanien ist damit bald Schluss. Das Land hat genderspezifische Werbung verboten. Top oder flop? Die Redaktorinnen und Mütter Sandra und Maja sind sich uneinig.

Genderspezifische Werbung

Die Mädchen-Welt ist rosa, die Buben-Welt blau. Alles Humbug oder nicht?

Getty Images/Westend61

Rosa und Pink für «herzige» Mädchen, Blau für «wilde» Buben: Mit diesen und anderen Stereotypen ist in Spanien per Ende Jahr fertig lustig. Der Dachverband der spanischen Spielzeughersteller hat sich gegenüber der Regierung zu Regeln gegen geschlechtsspezifische Spielzeugwerbung verpflichtet.

Konkret heisst das, dass sich Werbung für Spielzeug, das sich auf Pflege, Hausarbeit oder Schönheit bezieht, künftig nicht mehr exklusiv an Mädchen richten darf. Spielzeugwerbung soll damit «egalitärer, ehrlicher und förderlicher» werden, erklärt der Verbraucherschutzminister Alberto Garzón. Dies sei wichtig für Schutz und Entwicklung der Kinder. 

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Ein fortschrittlicher Schritt Richtung Zukunft? Oder doch übers Ziel hinaus geschossen? Die SI-Online-Redaktorinnen Sandra und Maja debattieren.

Pro Verbot: Sandra Casalini

Ich gestehe, dass ich als junge Mama meiner Kinder total auf jedes Geschlechter-Klischee setzte. Ich konnte es kaum erwarten, meiner Tochter Spängeli in die Haare zu klemmen, kleidete sie gern in Rosa und in Röckli, meinen Sohn in Blau. Er besass ferngesteuerte Autos, sie Barbie-Häuser. Da sie allerdings bis zur Mittelstufe ein Zimmer teilten, hatten sie immer Zugang zu allen Spielzeugen. Und ich hatte nie ein Problem damit, wenn sich geschlechteruntypische Vorlieben abzeichneten.

So verkleidete sich mein Sohn im Kleindkindalter gerne als Prinzessin, meine Tochter interessierte sich irgendwann mehr für Fussball als für Puppen. Heute, als Teenager, würde ich beide als recht «typische» Vertreter, bzw Vertreterin ihres Geschlechts bezeichnen. Ob das anders wäre, wenn ihre Kindheit nicht ganz so klischiert gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Trotzdem würde ich das heute anders handhaben. Vielleicht hätte mein Sohn dann nicht sofort abwehrend die Hände verworfen, als ich ihm ein Praktikum in einer Kita vorschlug. Und vielleicht hätte meine Tochter dann auch nicht ihre ganze Schulzeit lang Panik vor Mathe gehabt (Studien sagen nämlich, dass Mädchen überhaupt nicht per se schlechter mit Zahlen können als Jungs, sondern dass sie in unseren Breitengraden einen entsprechenden Glaubenssatz einfach schon ganz früh verinnerlichen).

Vielleicht nerven mich klischiert dargestellte Rollen in der Werbung gerade deshalb so, weil ich als Mutter selbst jahrelang in diese Falle getappt bin. Ich finde es nicht schlimm, wenn Buben mit Autos und Mädchen mit Puppen spielen - aber sie müssen wissen, dass auch das Umgekehrte nicht nur in Ordnung, sondern «normal» ist. Und solange nicht nur Kinder, sondern vor allem auch wir Eltern, tagtäglich eine vermeintliche Geschlechter-Norm vermittelt bekommen - unter anderem in der Werbung - wird das nicht der Fall sein.

Boy or Girl

In unseren Köpfen ist es verankert: Buben sind blau, Mädchen rosa.

Getty Images/Westend61
Contra Verbot: Maja Zivadinovic

Mein Sohn feiert in ein paar Wochen seinen zweiten Geburtstag. Von seinem Vater und mir bekommt er eine Spielküche. Sie ist mintgrün und hat eine rosa-gelbe Rückwand. Die Pfannen sind hellblau, altrosa und violett. Die Industrie bewirbt die Küche natürlich mit Mädchen. Mir könnte das nicht egaler sein. Weder mein Freund noch ich haben uns eine halbe Sekunde überlegt, ob es daneben ist, dieses Modell für einen Jungen zu besorgen. Rosa, mintgrün, hellblau: Alles egal. Hauptsache bunt. So sieht es unser Sohn, so sieht es wohl jedes Kind.

Was ich sagen will: Kinder, zumindest so lange sie klein sind, geben nichts auf genderspezifische Farben oder Spielsachen. In der Spielzeugkiste unseres Sohnes hat es Betonmischer, Feuerwehrautos, Puppen, ein Xylophon, Bäbi-Windeln- und Bäbi-Schoppen. Sein Spielverhalten ist bunt durchmischt: An manchen Tagen interessiert er sich ausschliesslich für «Mädchenspielsachen». An anderen für «Bubenspielsachen». Wir machen aus all dem absolut kein Thema und schon gar kein Gedöns. Wir geben uns aber auch nicht besonders grosse Mühe, das Kind unbedingt jenseits der gängischen Gender-Klischees grosszuziehen. 

Ähnlich sehe ich es mit dem genderspezifischen Werbeverbot: Ich finde es nicht per se schlecht. Aber sind wir ehrlich: Die Werbe-Industrie ist da, um uns zu beeinflussen. Das wird auch ein Verbot nicht ändern. Es wird das nächste Irgendwas kommen, das wir nicht gut finden. Meiner Meinung nach liegt es in der Verantwortung der Eltern, Babys zu selbstbewussten Kindern zu erziehen, die so gar nichts auf Gender-Rollenbilder geben und genug frei sind, jenseits von Pink und Blau zu existieren, zu spielen und sich zu kleiden. 

Weil spätestens als Erwachsene wird es ja wieder so sein: SPA und Wellness wird mit glücklichen und nur schönen Freundinnen beworben, Bier-Werbung zeigt derweil vor allem harte Kerle, die zusammen Fussball schauen. Manche Dinge lassen sich nicht verhindern. Schauen wir also lieber, dass unsere Kids einen easy Umgang damit haben.

Von Sandra Casalini und Maja Zivadinovic am 8. Mai 2022 - 18:01 Uhr
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