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  4. Mamalicious: Frauen fühlen sich als Rabenmütter

Im Gespräch bei Mamalicious

Bin ich wirklich eine Rabenmutter?

Das Kind übernachtet regelmässig bei den Grosseltern. Schon fühlt sich die Mama als Rabenmutter. Zu unrecht, findet die Mamalicious Community. Doch wo kommt dieser Ausdruck überhaupt her und weshalb funktioniert er heute noch?

Bin ich wirklich eine Rabenmutter  Grossmutter Kind
Fort mit dem schlechten Gewissen: Eine regelmässige Kinderbetreuung durch die Grosseltern entlastet Mama und Papa. Copyright - Leonardo Patrizi

Unbeholfen torkelt das Rabenjunge auf dem Boden herum. Es hat soeben sein Nest verlassen. Aus eigenem Antrieb. Der Jungvogel ist so programmiert. Mama und Papa Rabe haben es fürsorglich gefüttert und grossgezogen – und nichts falsch gemacht! Und doch wurde das unbeholfene Rabenjunge zum Sinnbild für vernachlässigte Kinder.

Nachgewiesen ist der deutsche Begriff ‹Rabenmutter› erstmals 1350 in der Verwendung durch Konrad von Megenberg. Der leidige Ausdruck hockt also seit dem Mittelalter in unseren Köpfen fest! Und plagt Mütter auch heute noch. Voller Gewissensbisse fragt eine Mutter die Mamalicious Community: «Bin ich wirklich eine Rabenmutter?» Auslöser dafür ist, dass ihr Baby einmal im Monat bei den Grosseltern übernachtet.

Glückspilz statt Rabenmutter

Mehr als 230 Kommentare hagelt es bei Mamalicious auf diese Frage. Und der Tenor ist klar. «Du bist keine Rabenmutter, sondern ein Glückspilz!» Viele wären froh, wenn sie die Grosseltern in der Nähe hätten und eine solche Entlastung möglich wäre. «Ich würde das Angebot mit Handkuss nehmen», schreibt eine Mutter. Andere Mütter, die dieses Privileg haben, schicken ihre Kinder zwei- bis dreimal pro Woche zu den Grosseltern – ohne schlechtes Gewissen.

Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Die Mutter kann endlich mal durchschnaufen. Wer sagt denn, dass sie allein für das Wohl der Kinder verantwortlich ist? Und was kann schöner sein, als eine innige und vertraute Beziehung zu den Grosseltern?

Zudem ist es erst noch effizient: Die meisten Dinge lassen sich ohne Kinder doppelt so schnell erledigen. Sprich, wir sparen Zeit und unsere Nerven. Eine Mutter bringt es so auf den Punkt: «Nur wer Energie hat, kann Energie geben.»

Kostbare Pärlizeit

Das allerwichtigste ist in den Augen der Mamalicious Community jedoch die gemeinsame Pärlizeit. «Geniesst die Zeit als Mann und Frau. Sie ist so kostbar!», schreibt eine Mutter und ergänzt: «Sind die Eltern glücklich, tut das auch den Kindern gut.»

Rührend ist auch die Geschichte einer weiteren Mutter. Seit 19 Jahren ist sie mit ihrem Mann zusammen. Nach der Geburt des ersten Kindes vergingen neun Jahre, bis sie zum ersten Mal nur zu zweit verreisten. «Es war so toll! Wir hatten den ganzen Tag nicht den kleinsten Anflug eines Streites.»

Mit einem Seufzer der Erleichterung hält sie fest: «Es tat so gut, zu merken, dass es zwischen uns stimmt und Reibereien primär im Alltag mit Kindern stattfinden. Wir dachten schon, es läge an uns.»

Neid als Antrieb

Die Bezeichnung Rabenmutter ist ganz klar ein Schmähwort. «Du bist eine Rabenmutter!» zielt darauf hin, eine Mutter herabzuwürdigen. Ihr mangelnde Mutterliebe vorzuwerfen und dass sie ihre Kinder vernachlässigt. Dahinter steckt reiner Neid, ist sich die Mamlicious Community einig.

Und auch der moralische Hoheitsanspruch darüber, was eine gute Mutter denn überhaupt ausmacht. Höchste Zeit also, die Rabenmutter aus dem kollektiven Gedächtnis zu schmeissen oder sie inhaltlich neu zu besetzen: Als Mutter, die in erster Linie Mensch ist und dies – ohne schlechtes Gewissen – lebt.

Von Maria Ryser am 18. April 2019