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  4. Skifahren mit Kindern: Mutter geht lieber zum Après-Ski

Skeptische Mutter im Schnee

Gönnt mir doch meinen «Kafi am Pischterand»

In der Schweiz macht es Sinn, dass Kinder Skifahren lernen. Bestenfalls (und tatsächlich in neun von zehn Fällen) macht es den Stöpseln auch Spass. Hoffentlich mehr als dieser Mutter.

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Die Skier abgezogen und in die Sonne gesetzt. Jetzt fehlt nur noch das Kafi. 

Getty Images

Es war definitiv keine Liebe auf den ersten Blick. «Der Schnee und ich» wird keiner dieser romantischen Winterromane. Sondern ein Thriller à la düster-norwegisch. Das Ungemach lauert im schneeverhangenen Winterparadies potenziell hinter jeder Holzhütte. Selbstverständlich ist das jetzt komplett übertrieben. Eigentlich hatte ich riesengrosses Glück. Als Kind durfte ich in den wunderbarsten Skigebieten Europas am «Stämmbögli» (80er Jahre Slang für die Pizza, mit der zeitgenössische Kinder am Hang ihr Tempo drosseln) feilen und vor den wunderbarsten Bergpanoramen die Pisten runtersausen. Ich weiss, dass ich undankbar bin.  

Frieren ist das neue Frieren 

Doch da gab es immer dieses kleine, winzige Problem. Wäre ich irgendwo runter gesaust, hätte mir das Skifahren womöglich Spass gemacht. Ich bin aber nie gesaust. Sondern im «Stämmbögli» stecken geblieben. Skifahren? Das war nicht meins. Auch später (also jetzt) ist der Funken nicht übergesprungen. Ich mag an Skiliften nicht an die Füsse frieren, ich tauch sie lieber am Strand von Mexiko ins Meer. Am Lift ist alles leicht nass, es riecht ein wenig komisch (das sind die feuchten Funktionsklamotten, ich schwör) und ich fand das Equipment tussenmässig unbequem. Ich geniesse Bergpanoramen lieber von der Sonnenterrasse aus mit einem Buch und einem Ingwertee in der Hand.  

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Mein Albtraum. Ich habe Höhenangst. Ein weiterer Grund für meine Aversion gegen das Skfiahren.

Getty Images

Dann ist 2012 passiert. Mein Kind kam auf die Welt. Ein junger Mann, bewegungsfreudig, voller Spass und Abenteuerlust – und einem besonderen Faible für den Skisport. Als gute Mutter (die wahlweise beste, aber auch gemeinste in den Augen meines Sohnes) will ich mein Kind natürlich bei allem unterstützen. Selbst beim Skifahren. Und das ist nicht leicht. So um die 40 ist der Moment da, brachial ehrlich zu sich selbst zu sein: Logisch könnte ich mich nun auf die Piste zwingen und die Freude dran faken.  

«Wohoooo»-Mutter, leicht peinlich 

Aber eben – brachial ehrlich: Mein Weg ist ein anderer. Ich stehe 2019 meine vierte Saison (wohldosiert) am Pistenrand. Und selbst das ist übertrieben. Ich bin diese unangenehme «Wohooooo, so suuuuuper gemacht. YAY!»-Mutter mit der gänzlich verfehlten Winterausrüstung. Selbstverständlich sehe ich auch nicht ein, in korrekte und Wintersportort-akzeptierte Klamotten zu investieren. Warum auch? Ich wohne in der Stadt. Die drei Tage im Schnee krieg ich auch in den alten Schuhen (oder Sneakers) und ohne Skianzug hin. Diskrete Stimmen flüstern mir dann und wann zu: «Du, das ist jetzt schon etwas unpassend». Eventuell ist auch schon einmal das Wort «peinlich» gefallen. Zum Glück hör ich das nicht. Ich überkompensiere ja weiterhin mit Anfeuern von der Seitenlinie: «Wohooooooo, suuuuuper!»  

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Ein Bild, das mich an meine «aktive Zeit» erinnert. Kind im Stemmbogen. Nur habe ich damit nie aufgehört.

Getty Images/EyeEm

Zurück zum Kind. Es anfeuern zu können, impliziert, dass es tatsächlich was kann. Und das tut es (es gibt Talente, die eine Generation überspringen. Ich habe das hiermit glasklar bewiesen). Nun würde ich gerne lügen und behaupten, sein Können sei mein Verdienst. Weil ich die allerbeste Skischule auf der ganzen Welt gesucht und gefunden habe, weil ich mit ihm den Hügel hoch und runter bin. Leider nein. Das Kind hat Glück, dass die Grossmutter und der Grossvater – wie sie es selbst formulieren würden – richtige «Skihäsli» sind. Mit Engelsgeduld und echtem, richtigem Spass haben sie Stunden mit dem Enkel am Lift verbracht. Haben sich millionenfach auf Zauberteppichen am Mini-Hügeli hochfahren lassen, um dem eifrigen Enkel die Basics (und mehr) beizubringen. Nonno war am Abend jeweils «nudlefertig» (der Enkel, nun, nicht so sehr).  

In den Frühling ganz solo 

Inzwischen hat sich bei uns sogar eine neue Post-Weihnachtstradition eingebürgert. Der kleine Mann hat für sich (und aus freien Stücken) entschieden, dass er die Tage zwischen den Jahren lieber mit Nonna und Nonno, statt Mama und Papa verbringt. Während wir auf der Suche nach etwas Wärme im Winter etwa in Rom über Ruinen steigen, feilt der Kleine an seiner Abfahrtstechnik. Logisch hätten wir ihn gerne dabei auf unseren Entdeckungsfahrten in die Vergangenheit. Aber hier gehts um Fairness. Der Sohn kann nichts dafür, dass die Mutter zwei linke Beine hat. Es wäre gemein, ihn in den Süden zu zwingen. Er hat mehr Spass in Graubünden. Gegen das leicht schlechte Gewissen steh ich deshalb auch diesen Winter wieder in unpassenden, leicht «peinlichen» Klamotten während im Durchschnitt drei Tagen im Schnee. Mit einem «Kafi am Pistenrand» (Danke, Vreni Schneider, dass Sie meinem Mood eine Stimme geben) und feuere meinen Abfahrtsweltmeister an.  

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Peace!

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Von Bettina Bendiner am 27.12.2019
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