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Ferienspass trotz Coronakrise

Statt in den Zoo gehen wir auf die Pirsch

Die Frühlingsferien haben angefangen, aber die Freizeitparks und Zoos sind zu – macht nix! Auch in freier Wildbahn lassen sich spannende Tiere beobachten. Wir haben bei Wildhüter Urs Büchler Tipps für die Pirsch gesammelt.

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Wer etwas Geduld hat, darf mit mehr als «nur» einem Vogel rechnen: Zwei Buben harren mit einem Feldstecher auf einem Baum aus.

Getty Images

Wo und wann haben Familien jetzt die besten Chancen, Wildtiere zu beobachten?
Wenn die Kinder nicht grad auf Hirsch und Steinbock aus sind, muss man jetzt gar nicht weit gehen, um Neues zu entdecken – da reicht es schon, morgens die Fenster zu öffnen und aufmerksam zu schauen und zuzuhören. Der Frühling ist die Zeit, in der man am meisten Vögel singen hören kann.

Das ist wohl etwas für Frühaufsteher.
Nicht nur! Aktuell ist ein reichhaltiges Konzert an Vogelstimmen bis morgens um sieben oder acht Uhr zu hören. Neben Kohlmeise, Amsel und Buchfink, die viele von uns kennen, sind auch seltenere Exemplare wie Heckenbraunelle, Distelfink oder Zaunkönig zu erleben. Auf einer grossen Linde oder Eiche singen oft mehrere Arten gleichzeitig, auch wenn vielleicht nur eine oder zwei zu sehen sind. Eine tolle Gelegenheit, mit Kindern das Gehör zu schulen: Welcher Vogel singt wie? Um die Vögel anhand ihres Gesangs zu bestimmen, gibt es praktische Apps fürs Smartphone. Übrigens bestimmen auch Ornithologen die Arten übers Gehör.

Und wenn man keinen grossen Baum neben dem Haus hat?
Manchen Vögeln reichen schon ein paar Büsche und Sträucher zum Leben, aber es gibt schon auch anspruchsvollere Arten wie Goldammern, Braunkehlchen, Feldlerchen, Gartenrotschwanz oder Neuntöter, die auf sehr naturnahe Lebensräume angewiesen sind, zum Beispiel Wiesen, die nicht so stark bewirtschaftet werden. Vögel sind gute und wichtige Indikatoren für die Landschaft. Jene Arten, die in den Siedlungen leben, kommen besser mit den Veränderungen ihres Lebensraums zurecht.

Was empfehlen sie Eltern, deren Kinder eben doch lieber ein grösseres und «flauschigeres» Tier beobachten möchten?
Sie müssen je nach Zielobjekt einen längeren Weg unter die Füsse nehmen, gerade jetzt, wo aufgrund der Coronakrise die Bergbahnen geschlossen sind, – oder früher aufstehen. Hirsch und Reh wurden durch ihre veränderten Lebensräume dämmerungs- und nachtaktiv gemacht, ebenso die Wildsau. Rehe kommen überall häufig vor, ebenso Füchse und Hasen. Mitte April spielen die jungen Füchse vor dem Bau. Auch diese lassen sich gut beobachten, wenn man darauf bedacht ist, auf Distanz zu bleiben und die Tiere nicht zu stören.

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Steinböcke lassen sich im Frühling einfacher beobachten, weil sie das frische Gras in tiefere Lagen lockt.

Getty Images/Westend61
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Wo findet man einen Fuchsbau?
Am meisten hat es im Wald, doch es gibt zunehmend auch Stadt- und Dorffüchse, sie erstellen ihren Bau zum Beispiel in stillgelegten Liegenschaften, unter leerstehenden Wohnwagen oder unterhöhlten Ställen. Man erkennt sie zuerst daran, dass frisch gebuddelte Erde herumliegt.

Und wo lassen sich Hirsche beobachten?
Die gibts nicht gleich vor der Haustür. Um Hirsche zu sehen, muss man sich gut auskennen oder – das ist erst nach der Coronakrise wieder möglich – einen Jäger fragen, ob man ihn begleiten darf, am besten ausgestattet mit Feldstecher oder Fernrohr. Ideal ist es zum Beispiel, von einem Punkt mit guter Übersicht den Gegenhang abzusuchen. Um Hirsche zu sichten, muss man wie gesagt frühmorgens losziehen. Gämse und Steinböcke hingegen sind auch unter Tags zu sehen, gerade jetzt, im Frühling.

Wie erhöhen wir die Chancen, den «König der Berge» zu Gesicht zu bekommen?
Indem wir mit wachem Blick unterwegs sind. Steinböcke wie auch Gämse sind immer wieder zu sehen, bloss nehmen viele Leute sie nicht wahr. Nehmt einen Feldstecher mit, seid mucksmäuschenstill, sucht euch einen Platz in der Nähe einer Wiese mit frischem Gras. Bei Gülle oder Vieh auf der Weide halten sich keine Wildtiere auf, aber jetzt, im Frühling, wenn der Schnee schmilzt, lockt sie das frische Gras in tiefere Lagen, die Steinböcke kommen in einigen Gebieten herunter bis unter die Waldgrenze. Die weiblichen Tiere sind hoch trächtig und haben Bedarf nach Futter, zudem findet noch keine Jagd statt. Steinböcke halten sich im Frühling mehrheitlich auf der Südseite der Berge auf, wo das erste Gras wächst. Auf die Nordseite ziehen sie erst ab Juni. Haltet die Augen offen, lasst den Blick schweifen über Grate und Grasbänder, dorthin, wo die Tiere zu fressen finden. Und wie immer bei Wildbeobachtungen gilt: «Hast du nicht eine halbe Stunde geschaut, hast du nicht geschaut.» Die Natur und das Wild zu beobachten, bedeutet immer auch, einen anderen Rhythmus anzunehmen.

Und wenn die Kinder zu wenig Geduld haben?
Das erlebe ich selber auf Touren mit Schulkindern: Manche sind richtig interessiert und warten geduldig. Andere mögen keine fünf Minuten ruhig sitzen. Mit letzteren bietet sich das Beobachten von Vögeln an, die vertragen mehr Lärm. Vögel sind vielleicht mal zehn Minuten ruhig, singen dann aber wieder weiter. Und: Man braucht für sie nicht allzu weit zu wandern.

Weitere Tipps zum Beobachten von Vögeln mit Kindern gibts auf der Website der Vogelwarte Sempach. Ein toller Begleiter zum Kennenlernen verschiedener Tiere ist das Ravensburger tiptoi®Buch Komm mit in den Wald.

Urs Büchler ist Wildhüter im Gebiet Oberes Toggenburg–Neckertal im Kanton St. Gallen sowie Präsident des Schweizerischen Wildhüterverbands.

Von Christa Hürlimann am 11.04.2020
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