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Romina weiss Rat

«Gottesdienste arten manchmal regelrecht aus»

Artig in der Kirche sitzen, das war einmal. Kinder, die auf Bänken herumtanzen und während des Gottesdienstes Cola schlürfen, gehören vielerorts zur Tagesordnung. Das stört eine Mutter. Sie sucht Rat bei Familien-Expertin Romina Brunner.

Romina weiss Rat Kirche

Geduldig einen Gottesdienst lang still sitzen, fällt vielen Kindern schwer.

Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Letzte Woche feierten wir die Taufe meiner Nichte. Mit Befremden stellte ich fest, wie laut es in der Kirche zu und her ging. Eine Mutter verteilte ihren Söhnen gar Apfelschnitzel. Eine andere liess ihre Kinder Youtube-Filme schauen. Können wir von unseren Kindern nicht mehr erwarten, dass sie einen Gottesdienst lang stillsitzen? - Tabea (33)

Liebe Tabea

Deine Beobachtungen entsprechen leider vielerorts der Realität. Die Kirche verkommt bei gewissen Veranstaltungen zunehmend zur Spielwiese. Pfarrer erzählen von Kindern, die auf den Bänken herumtanzen, die Kanzel besteigen, schwatzen und Spielzeuge auf den Boden krachen lassen. Von Erwachsenen,die tuscheln, kichern und ein-und ausgehen.

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«Viele haben schlicht keine kirchliche Sozialisierung mehr», sagt Beat Niederberger, 57, Leiter des Pastoralraums Region Aarau. Und auch der Brüttemer Pfarrer Leonhard Jost sagt: «Manchmal arten die Gottesdienste regelrecht aus.» 

Fragt Romina!

Habt ihr auch ein Thema, das euch beschäftigt? Dann schreibt ein Mail an romina@schweizer-illustrierte.ch

Gespür für Anstand und Respekt verloren

Vielen Eltern scheint das Gespür für Anstand und Respekt völlig abhandengekommen zu sein. Und da ist ein Stück Apfel essen während des Gottesdienstes noch das vergleichbar kleinste Übel. Es gibt Besucher, die in der Kirche Sandwich und Cola auspacken. Das geht gar nicht!

«Uns blieb nichts anderes übrig, als die Kirchenmalereien zu bestaunen, die Risse in den Mauern oder das Dachgebälk.»

Sind wir ehrlich. Kirchensonntage langweilen alle Kinder. Ich mag mich noch gut an die Kirchenbesuche mit unserem Grosi erinnern. Mein Bruder und ich langweilten uns fürchterlich. Da half auch das süsse Cassis-Bonbon, das sie uns in den Mund steckte, nichts. Nach spätestens zehn Minuten hatten wir es fertig gsuggelet und die Langeweile war zurück.

Uns blieb nichts anderes übrig, als die Kirchenmalereien zu bestaunen, die Risse in den Mauern oder das Dachgebälk. Doch alles Ablenken half nichts. Wir mussten stillsitzen und ausharren. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hörten wir den Pfarrer die erlösenden Worte sagen: «Zum Schluss singen wir noch…». Wir konnten aufatmen. Nie im Leben hätten wir uns getraut, laut zu kichern, geschweige denn zu schwatzen.

Langeweile aushalten

Ja, liebe Tabea, ich finde klar, dass wir von unseren Kindern mehr erwarten können. Sie unbedingt auch sich langweilen und ausharren lassen sollen. Wer einen Gottesdienst besucht, hat sich anzupassen - schon aus Respekt gegenüber der Pfarrperson. Da gibts keine Sandwichs und kein lautes Gequatsche und Geläuf. 

Pfarrer Beat Niederberger: «Es bringt nichts, für einen einmaligen Anlass die Menschen erziehen zu wollen.»

Ein Patentrezept, wie man den Gottesdienst mit den Kindern unbeschadet übersteht, gibt es nicht. Denn die Hausordnung wechselt je nach Kirchengemeinde. Inzwischen aber haben doch die ersten Pfarrer auf die veränderten Gesellschaftsbedürfnisse reagiert. Um seine Gottesdienste kinderfreundlicher zu gestalten, richtete zum Beispiel Niederberger eine Spielecke mit einem Holzschiff und Büchern ein. «Es bringt nichts, für einen einmaligen Anlass die Menschen erziehen zu wollen, da sorge ich lieber selbst für eine angenehme Atmosphäre», sagt der Aargauer.

Und Pfarrer Leonhard Jost bietet nur noch Gemeinschaftstaufen an. Da darf es auch mal ein bisschen lauter sein. 

Herzlich, Romina

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Von Romina Brunner am 12.03.2019
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