1. Home
  2. Family
  3. Schubladen-Denken: Wie Eltern die Rechte ihrer Kinder verteidigen

Romina weiss Rat

Warum Schubladen-Denken unseren Kindern schadet

Wenn Buben plötzlich Haarspangen tragen oder rosa Kleider bevorzugen, reagiert ihr Umfeld häufig irritiert. Dabei sollte es in einer aufgeklärten Gesellschaft total egal sein, wie sich andere kleiden und welche Spangen sie sich in die Haare stecken, sagt Familienexpertin Romina Brunner. Und zeigt auf, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können, sich losgelöst von Vorurteilen zu entwickeln.

Placeholder

Wer sagt, dass es keine Feeriche gibt, hat einfach zu wenig Fantasie!

Getty Images/Maskot
Romina Brunner
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Unser Nachbarsjunge, der bereits zur Schule geht, trägt seit mehreren Wochen drei rosafarbene Haarspangen in seinem halblangen Haar. Ist das gerade in der Mode? Oder kann es sein, dass der Junge sich in seiner Haut unwohl fühlt und gerne ein Mädchen wäre? Ich traue mich nicht, zu fragen. Irgendwie irritiert mich das. — Vreni

Liebe Vreni

Das tönt bei halblangem Haar doch ziemlich praktisch, oder? So stören die Strähnen nicht, wenn er sich in der Schule über sein Pult beugt. Und kommen ihm nicht in die Augen, wenn er auf seinem Trottinett durch die Nachbarschaft flitzt.

Ich würde dir gerne ebenfalls mit ein paar Fragen antworten: Spielt es tatsächlich eine Rolle, ob Spangen im Haar gerade modisch sind oder nicht? Würde es für dich einen Unterschied machen, wenn auf den Spangen schwarzweisse Fussbälle zu sehen wären?

Mehr für dich

Die Schubladen im eigenen Kopf hinterfragen

Es muss keine Identitätskrise vorliegen, wenn ein Junge Haarspangen trägt. Es gibt ganz viele Gründe, warum ein Kind sich die Haare zurückbindet oder -steckt. Oder warum seine Eltern das tun. Sei es bei einem Jungen oder bei einem Mädchen. Daher mein Rat: Versuche doch, das Kind einfach als Kind zu sehen und nicht in eine Schublade einzuordnen.

Einen Knaben danach zu fragen, warum er eine rosa Haarspange trägt, sagt ja mehr über die Schubladen im eigenen Kopf aus als über den Jungen. Denn ohne fixe Vorstellungen von Geschlechterstereotypen erübrigt sich ganz einfach deine Frage.

Anders sieht es aus, wenn du den Eindruck hast, das Kind sei unglücklich. Dann würde ich das Gespräch mit seinen Eltern suchen. In diesem Fall geht es um das Wohlbefinden des Kindes – und nicht darum, ob es sich in deinen Augen geschlechtstypisch verhält.

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Um Haarspangen sollte niemand ein Drama machen

Laut Dagmar Pauli, Genderspezialistin und Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich, deutet ein geschlechtsatypisches Verhalten nicht per se darauf hin, dass eine Unzufriedenheit mit der Geschlechtszuweisung vorliegt. «Warum soll ein Kind nicht Spängeli anziehen, auch wenn man denkt, es wäre ein Junge? Ob es dann ein Mädchen sein möchte oder nicht, sollte damit nichts zu tun haben.» Eltern sowie Aussenstehende sollten die Vorliebe als normal betrachten und kein Drama daraus machen sowie keine Gegensteuer geben.

In diesem Fall gilt es zu handeln

Es gibt auch jene Mädchen und Buben, die früh erkennen, dass sie sich in ihrem biologischen Körper falsch fühlen. Auch hier empfiehlt die Expertin einen unaufgeregten Umgang mit der Thematik. «Es empfiehlt sich abzuwarten und das Kind so anzunehmen, wie es ist», sagt Pauli. 

Erst wenn das Kind einen Leidensdruck zeige und wirklich in die andere Geschlechtsrolle wechseln möchte, sollen Eltern auch das Umfeld informieren. Pauli: «Es ist aber auch sehr gut möglich, dass es nur eine Phase ist. Gendervarianz, also nicht geschlechtstypisches Verhalten oder auch das Gefühl der Unzufriedenheit mit der Geschlechtsrolle, kann in jedem Alter und in unterschiedlicher Intensität auftauchen – es muss nicht immer von Dauer sein.»

Herzlichst,
Romina

Fragt Romina!

Habt ihr auch ein Thema, das euch beschäftigt? Dann schreibt ein Mail an romina@schweizer-illustrierte.ch

Von Romina Brunner am 19.06.2020
Mehr für dich