Schriftsteller wettert gegen Techno-Lärm DJ-Verbot an der Badenfahrt!

Eine Million Menschen feiern in diesen Tagen an der Badenfahrt: Die grösste Festhütte des Landes! Doch der prominente Aargauer Schriftsteller Max Dohner ärgert sich über den viel zu lauten Techno-Sound. Und fordert in seinem exklusiven Text für die «Schweizer Illustrierte»: «Erlaubt wird Musik nur, wo sie selber gemacht wird. Nichts aus der Konserve, kein einfältiges DJ-Sampeln, nichts aus dem verdammten Computer.»
Badenfahrt 2017 Baden Aargau Max Dohner
© Pascal Mora

Mutter und Sohn geniessen die Fahrt auf dem Karussell, das 80 Meter in die Höhe geht und einen Rundumblick auf Baden und die Region bietet.

Zürich billigt jede Geschmacklosigkeit. Baden hingegen fordert Geschmack am Fest und urteilt streng. Doch eine Gefahr für die Badenfahrt droht: Von der Dezibel-Front. In Baden sind die beschränkt auf 93 Dezibel. Kontrolleure mussten in den vergangenen Tagen Lärmidioten zum Teil deutlich den Tarif erklären. Dabei ging es nicht in erster Linie um Anwohner; kein Badener fühlt sich von der Badenfahrt geplagt. Es geht um die Kultur.

DJ-Musik ist Kulturbarbarei

Lärm ist die moderne Pest. Die den Lärm verwalten und mischen, sind in aller Regel Hohlköpfe. Sie halten Lärm für umso stimmungsmächtiger, je stärker er aus dem Computer wummert. Wie viel sie mit dem Brachialbrei einstampfen, ist eine veritable Kultur-Barbarei.

Für künftige Badenfahrten gibt es drum nur eins: Man setze die gleichen strengen Massstäbe für Beizen auch bei der Akustik an. Wenn beim Bau der Beizen Kreativität den Ausschlag gibt, warum nicht auch beim Klang? Am Ende läuft das auf eine schlichte Regel hinaus: Erlaubt wird Musik nur, wo sie selber gemacht wird. Nichts aus der Konserve, kein einfältiges DJ-Sampeln, nichts aus dem verdammten Computer.
Unplugged sei die Badenfahrt! Damit würde man sich endgültig befreien von der grassierenden Party-Vulgarität. Unplugged – erst das entspräche voll und ganz dem «Badener Geist».

 

«Ich hab den weissen Schimmel gesehen»

Es gibt ihn also doch: den idealen Sitz in der Masse. Den perfekten Ausguck, den Felssporn mitten im Fluss. Diesen Punkt kennt nur der Veteran. Einer wie René: sieben Badenfahrten alt, ein Halstuch unterm Hemdkragen wie ein italienischer Don, den Panamahut auf dem Schopf, vor sich ein Glas Goldwändler. Alle sieben Sekunden im Schnitt grüsst er auf dem Kirchplatz, huldvoll wie der Papst, den Menschenstrom. «Pace» sagen Renés segnende Finger, aber den grössten Frieden hat er. Denn jeder siebte Kopf im Strom ist ein bekanntes Gesicht.

René steht im Obergeschoss des «Schwarzen Schimmel». Wer die Beiz gebaut hat, weiss er nicht. Eine Zunft? Renés Mund bleibt offen stehen, seine Augen wandern ab, folgen einer blendend aussehenden Frau, die unten vorbeigeht. «Ich habe», sagt er ungläubig, doch von Frömmigkeit übergossen, «gerade einen weissen Schimmel gesehen.» Das ist in nuce genau das, was die Badenfahrt ausmacht – drei Elemente: erstens die Tradition, zweitens die Bekannten, drittens der Witz.

«Schwarzer Schimmel» nennt die Spanischbrödli-Zunft ihre Beiz, in Anlehnung an «versus», das diesjährige Motto der Badenfahrt. Man vergleiche nur mal schon ein solch funkelndes Festmotto – «versus» – mit dem Poesiealbum-Kitsch der jeweiligen Mottos für die Zürcher Streetparade. Dann muss man über alle anderen Unterschiede nicht mehr reden.

Badenfahrt 2017 Baden Aargau Max Dohner
© Pascal Mora

Der Aargauer Schriftsteller Max Dohner an der Badenfahrt 2017.

Das Projekt der Bank wurde abgelehnt

Nur ein Ort an der Limmat feiert wirklich mit Geist. Werbung in Baden ist limitiert. Das Projekt einer Bank wurde abgelehnt, ein anderes – «Nour», mit Asylanten – zugelassen; nicht wegen der Asylanten, sondern weil es durch seine Urban-Gardening-Architektur bestach.

Wenn hier eine brasilianische «Favela»-Bar einer mongolischen Jurte gegenübersteht, ist das noch jener Multi-Kulti-Standard wie an jedem grösseren Volksanlass auch. Stimmt in Baden ein Afghane seine Oud, seine arabische Laute, während nebenan ein Schweizer Studi die E-Gitarre jaulen lässt, gehört das immer noch zum babylonischen Klanggewirr der Moderne, das hier niemanden in Verwirrung stürzt. Schliesslich lernte man hier früher als anderswo, dass es eine Welt jenseits des Tellerrands gibt. Wodurch Metzger Müller etwa den Inder zuvorkommend behandelte, weil das womöglich ein Ingenieur der BBC war.

Wenn aber zuletzt ein Badener daher schlurft und sich mit dem Lautenspieler auf Farsi unterhält, als sei es das Alltäglichste der Welt, dann deutet das noch auf etwas Besonderes hin. Sagen wir es so: Von Alteingesessenen und weit gereisten Fremden hat gewöhnlich der Fremde mehr zu erzählen. In Baden ist es eher umgekehrt. Und zwar in einer Dichte, die schweizweit wohl einmalig ist.

Ein paar Schritte weiter im Strom und eine mächtige Steintreppe höher bestätigt sich das gleich nochmals: im «Drehpunkt», in der Beiz eines gemütlichen, dem Jass frönenden Quartiervereins. Eine Dominikanerin, seit kurzem hier, hilft als Freiwillige mit, an der Seite von Ladina, einer Einheimischen. Wirklich exotisch aber ist nur sie, die Badenerin; ihr halbes Leben hatte sie in Costa Rica verbracht, als Goldgräberin.

Die tieferen Reize der Badenfahrt

Das sind die tieferen Reize an der Badenfahrt: die vielen Geschichten, die so manchen Kopf durchlüften. Baden ist ein Nest eigenwilliger Lebensläufe. Das bindet in der Summe vielleicht jenes «Kreative», das Baden behauptet, schon in der DNA zu haben. Hier bemisst man drum Lebensläufe nicht mit Jahren, sondern nach Badenfahrten.

Seit knapp hundert Jahren scheint die Stadt kein anderes Mittel mehr zu brauchen, um sich ihrer selbst zu vergewissern, als die Badenfahrt. Die Vortäuschung, man erfinde sich alle zehn Jahre neu, während es im Grunde darum geht, periodisch ein lieb gewonnenes Bild von sich selbst aufzupolieren. Alle Welt sieht Baden während zehn Tagen im «Ausnahmezustand». Falscher kann ein Gemeinplatz gar nicht sein. Von innen her gesehen ist es gerade umgekehrt: An der Badenfahrt findet die Stadt während zehn Tagen zu ihrem eigentlichen Zustand.

Badenfahrten sind Wegmarken individueller und kollektiver Erinnerung. Dank ihnen finden die unterschiedlichsten Leute stets einen gemeinsamen Nenner. Ein Historiker, beschäftigt mit der Frage, was wohl am besten die kollektive Erinnerung bewahrt, käme mit Blick auf Baden zum Schluss: nicht Register, Chronik und Protokoll, sondern Kulinarik, Musik und Wein.

«Wie kann man bei einer Badenfahrt nur pennen»

Dieser gemeinsame Nenner gibt etwas Unfassbarem eine Struktur oder Gestalt: dem «Badener Geist», dessen «Seele» die Badenfahrt sei. Geist/Seele/Stadt – das ist reichlich viel Beschwörung, das ist Hang zum Mythos, vielleicht auch Selbstberauschung. In Baden ist es vor allem Anspruch. Sie wollen nicht bloss ein Fest der Lebenslust, sie glauben, Lebenslust gebe es nur mit Kultur. Und da stellt selbst der Nüchternste, der ewige Zwinglianer fest: Baden erfüllt den Anspruch jedes Mal. Vor allem jetzt wieder, mit «versus», schöner noch als beim letzten Mal.

Selbst Heimweh-Badener, die es in die Ferne verschlägt, können 2017 wieder sicher sein, im Strom mit zu schwimmen und unzähligen Bekannten zu begegnen. Womit Geschichten sich wieder mit Geschichte verknüpfen. Je planloser sie das tun, desto reicher fällt der Gewinn aus.

Zwei Schülerinnen sitzen erschöpft hinter der Strohballen-Beiz auf dem Trottoir. «Ich wäre hundemüde, im Fall», seufzt die eine. «Natürlich möchte ich jetzt pennen. Aber das lässt mir einfach der Grind nicht zu: Wie kann man bei einer Badenfahrt nur pennen?» Es ist offensichtlich: Auch die beiden knüpfen bereits ihren Pflichtanteil am allgemeinen Badener Erinnerungsteppich.

Eine Ecke weiter liegt die schönste Beiz des Fests: das Gastronomie-Ensemble «beschränkt». Ganz intim, ganz ruhig begeben sich hier Gäste zu zweit oder zu viert in eine Schatulle in Form eines Schranks. Darin steckt alles, was auch in der Idee der Badenfahrt steckt: Poesie, Spiel, Charme, einen feinen Sinn für Genuss, nicht zuletzt ein Schuss Surrealität. Kinder stehen davor wie Alice an der Tür zum Wunderland.

«Beschränkt» war die Idee eines dieser Ad-hoc-Vereine, die sich jeweils für die Badenfahrt bilden. Sollten die traditionellen Vereine eines Tages die rund 7000 Freiwilligen nicht mehr finden, dann stemmen wahrscheinlich Ad-hoc-Gebilde die Fête. Zu Recht wird der unglaubliche Freiwilligen-Effort gerühmt. Und nur am Rand erwähnt, dass jedes Mal mehr Personal angeheuert, bezahlt werden muss. Eine profane Entwicklung, wie bei vielen Vereinen und Behörden landauf landab. Aber die Wette gilt: Sollten eines Tages flächendeckend alle Freiwilligendienste versickern, dann wird die Badenfahrt die letzte Sause von Freiwilligen sein.

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