Auf einen Espresso Über militärische Kindsköpfe und echte Bedrohungen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Auf einen Espresso: militärische Kindsköpfe und echte Bedrohungen
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, das ist ja eine fast unglaubliche Geschichte: Die Schweizer Armee probte den militärischen Konflikt mit Frankreich…
...eigentlich unglaublich - aber leider wahr. Unter dem Kommando von Brigadier Daniel Berger beübten Schweizer Panzertruppen im August, wie ein Angriff von französischem Boden zurückgeschlagen werden könnte. Die Manöveranlage ging davon aus, dass bewaffnete Kräfte der in einer Staatspleite zerfallenden Nachbarnation eine Invasion unternehmen, um «von der Schweiz geraubte Gelder» zurückzuholen.

Und was sagen Sie dazu?
Gerne würde ich sagen: eine Kinderei. Aber Kriegsspiele sind keine Kinderei. Eins war das Manöver der Schweizer Armee auf jeden Fall: infantil.

Schlussendlich war es lediglich eine Übung!
Lieber Marc Walder, es ist eben mehr als eine Übung, es ist eine Entlarvung. Die Schweiz, und zwar die offizielle Schweiz, die höchste militärische Führung der Schweiz betrachtet Frankreich als potenziellen Feind. Und es ist nicht das erste Mal, dass der europäische Nachbarraum für kriegerische Obsessionen herhalten muss. Man beübte bereits im vergangenen Jahr die militärische Bedrohungslage eines supponierten Euroverfalls mit Flüchtlingsströmen.

Weit davon entfernt waren wir ja nicht…
Entfernt wovon? Vom Euroverfall oder vom Kriegsfall?

Natürlich vom Euroverfall.
Das Krisengerede erfüllte damals die Wunschträume so mancher Schweizer Strategen, politischer wie militärischer. Endlich ein Untergang - zwar nicht der ganzen Europäschen Union, aber immerhin des Euro-Raumes! In den Augen von Rechtspopulisten ein verheissungsvoller Anfang.

Was ist jetzt skandalös an dem Manöver?
Erstens: dass wir damit Frankreich brüskieren, auf dessen Verständnis wir in Steuerfragen, ganz besonders beim Erbschaftsabkommen, angewiesen sind. Zweitens: dass wir der EU zeigen, wie sehr wir sie als feindliches Territorium betrachten. Drittens: dass wir die tatsächlichen Bedrohungsszenarien des 21. Jahrhunderts überhaupt nicht begriffen haben.

Welche Bedrohungen meinen Sie?
Beispielsweise die Bedrohung durch Cyber-Angriffe auf unsere Behörden und unsere Wirtschaft; beispielsweise die dschihadistische Erpressung mit Boden-Boden-Raketen, über die Terroristen längst verfügen; beispielsweise dieBedrohung des zivilen Luftverkehrs durch islamistische Kommandos.

Sie nehmen das offenbar alles ungeheuer ernst. Frankreich hat sich eher lustig gemacht über diese Schweizer Übung.
Das Ganze ist ja auch lächerlich, auf dummdreiste Art albern. Da die Franzosen über Grandeur verfügen, die unseren Militärs völlig abgeht, lächeln sie nachsichtig. Uns Schweizern müsste das Lachen im Halse stecken bleiben.

Ich denke eher an Steinbrücks «Kavallerie»…
Sehr schön, dass Sie Steinbrücks ironische Metapher anführen, der lediglich harmlose Kavallerie ins Feld schickte - ganz etwas anderes als die gepanzerten Einheiten und Tausende von Soldaten, die unser famoser Brigadier Berger in Bewegung setzte - mit Bewilligung und offenbar sogar mit Belobigung des Verteidigungsministers: Im nächsten Jahr wird er militärpolitischer Berater von Bundesrat Ueli Maurer. Interessant auch der Unterschied zwischen dem medialen Gezeter gegen den Hanseaten Steinbrück und dem Schweigen im Blätterwald über die Beschränktheit der helvetischen Generalität.

Vergessen Sie nicht, dass sich gerade erst 73,2 Prozent der Schweizer gegen die Abschaffung der Wehrpflicht stemmten.
Auch ich bin für die Wehrpflicht. Garantiert sie doch, dass nicht nur nationalistisch verengte Militärköpfe in die Armee drängen, sondern auch vernünftige Bürger die Uniform tragen. Es wäre allerdings an der Zeit, dass sich die Gescheiteren mal zu Wort melden. Vor allem im Offizierskorps!

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