Auf einen Espresso Über Gewalt, Ideologie und die Gewalt der Ideologie

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
F.A. Meyer und M. Walder - auf einen Espresso - Gewalt und Ideologie der Gewalt
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie in Berlin den «Fall Adeline» mitverfolgt? Ein zweimal wegen Vergewaltigung zu langer Haft Verurteilter tötete seine Genfer Therapeutin auf dem Weg zur Reitstunde.
Die therapeutische Nachsicht mit Gewalttätern ist ja keine Schweizer Besonderheit – in Berlin gibt es ähnliche Fälle. Das aktuelle Gewaltdelikt steht auch nicht alleine da: Im Mai dieses Jahres wurde eine 19-Jährige im Kanton Freiburg von einem Mann umgebracht, der wegen Vergewaltigung und Mord verurteilt war. Dennoch wurde ihm Hausarrest gewährt; seine elektronische Fussfessel schnitt er einfach durch.

Die zentrale, viel diskutierte Frage ist die der sogenannten Resozialisierung, konkret: Soll man versuchen, Gewalttäter wieder in die Gesellschaft einzugliedern?
Die Resozialisierung ist ein grosser Fortschritt der modernen Rechtskultur. Der Fehler ist, dass der Resozialisierung auch in hochproblematischen Fällen Priorität eingeräumt wird.

Wollen Sie damit andeuten, dass die Justiz das Interesse der Wiedereingliederung höher gewichtet als das Interesse der Bevölkerung am Schutz vor möglichen Tätern?
Es geht ja nicht nur um den Schutz der Gesellschaft vor Mördern, Vergewaltigern und Schlägern. Es geht auch um Strafe und Sühne. Diese Tatsache rücken die Sozial- und Seeleningenieure der Resozialisierungsszene gern in den Hintergrund. Sie sind völlig vernarrt in die Täter. Ja, sie machen aus den Tätern Opfer - je nach Geschmack die Opfer der Gesellschaft oder die Opfer böser Väter und Mütter. Eine ganze Wiedereingliederungs-Industrie kümmert sich rührend um übelste Übeltäter.

Der schwierigste Punkt ist immer: Welches Risiko geht man ein, wenn einem Täter ein freies Wochenende, ein unbewachter Spaziergang gewährt wird? Sind Sie für eine Null-Risiko-Politik?
In jedem der vielen Einzelfälle begründen die Verantwortlichen wortmächtig die segensreiche Wirkung ihrer Sozialisierungsprogramme - was in Genf leider, leider, leider zu einer Tötung geführt habe. Die Spezialabteilung für schwere Fälle der Genfer Strafanstalt Champ-Dollon sieht Spaziergänge von Gewalttätern und Therapeuten ohne Polizeischutz ausdrücklich vor, da ein Polizist «der therapeutischen Absicht hinderlich sein würde». Man könnte auf dem Spaziergang den Mördern und Vergewaltigern auch noch den roten Teppich ausrollen.

Gehen Sie da nicht zu weit, lieber Frank A. Meyer?
In Zürich wird doch gerade der Fall Carlos diskutiert. Einem wegen Messerstecherei Verurteilten liess man für Zehntausende von Franken die Therapie bei einem ebenfalls wegen Gewalttaten vorbestraften Thai-Boxer angedeihen. Da fragt sich der Bürger - und er fragt sich zu recht: Spinnen die eigentlich?

Was ist der Kern dieser Resozialisierungs-Ideologie?
Sie verwenden hier den richtigen Begriff: Ideologie. Es ist die Betrachtungsweise vieler Kriminologen und Psychologen, wonach die Gesellschaft Verbrecher hervorbringt, weil sie dem sensiblen Einzelnen nicht gerecht wird: Kriminalität wird zur Rebellion umgedeutet. Nach diesem Muster kann das Böse geheilt werden, wenn sich nur genügend Seelendoktoren des Täters annehmen. Es entspricht dieser Ideologie, dass ein krimineller Charakter reparierbar ist, dass Vergewaltiger oder Mörder oder Schläger sozial neu justiert werden können.

Sie lehnen also den Resozialisierungsgedanken gänzlich ab?
Nein, das tue ich nicht. Es geht allerdings darum, die Gewichte im Strafvollzug wieder zu verschieben - hin zu Strafe und Sühne. Aber dagegen wehrt sich die Kaste der Kriminellen-Betreuer mit Händen und Füssen. Zudem, lieber Marc Walder, wäre doch auch die Frage zu stellen, wer sich eigentlich um die wirklichen Opfer kümmert: die Hinterbliebenen, die Vergewaltigten, die Zusammengeschlagenen? Für mich ist es extrem störend, wie viel Aufwand mit den Tätern betrieben wird. Und wie kalt man Opfer und Hinterbliebene abfertigt.

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