Auf einen Espresso Über die Austreibung der Kindheit

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder neue Bilder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 71, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

 

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, können wir heute ausnahmsweise über Erziehung reden?
Über die Erziehung der Kinder oder der Eltern? In beiden Disziplinen bin ich nach einem kinderlosen Leben nicht gerade Fachmann …

Gerade deshalb interessiert mich Ihre Meinung. Sie haben Distanz. Der Druck, perfekter Vater oder – noch viel mehr – perfekte Mutter zu sein, wird grösser und grösser.
Eltern sind heute die Manager ihrer Kinder. Das bringt die Ökonomisierung aller Lebensbereiche mit sich. Die Familie ist ein Unternehmen, das Kind ist das Produkt. Es steht für den Erfolg oder den Misserfolg der Familien-AG. Den Druck, den die Eltern spüren, übertragen sie auf ihr Kind: Es muss Leistungsträger sein, vom Kindergarten bis zur Gründung einer eigenen Familie. Sein Status hängt davon ab, ebenso der Status der gesamten Sippe – eine Programmierung zum permanenten Aufstieg, mindestens zur Sicherung des erreichten ökonomischen Niveaus.

Woher kommt dieser Zwang zum perfekten Kind?
Er ist Teil des gesellschaftlichen Zwangs zur Optimierung von allem und jedem. Als letzte Errungenschaft auf diesem Gebiet hat uns Google im vergangenen Jahr das Social Freezing beschert.

Erklären Sie Social Freezing.
Damit ist das Einfrieren der Eizelle gemeint: Die Frau soll den beruflich bestmöglichen Zeitpunkt für eine Geburt wählen, das Kind also optimal in ihre Karriere einfügen. Google offeriert seinen Mitarbeiterinnen die Kostenübernahme. Das Ziel ist die ökonomische Perfektionierung der intimsten Lebensbereiche.

Perfekte Kinder, perfekte Eltern – perfekte Gesellschaft?
Sie treffen ins Schwarze, lieber Marc Walder – fast. Die perfekte Gesellschaft ist die perverse Gesellschaft: Das Kind wird abgerichtet auf einen Konkurrenzkampf, der sein Leben sein soll. Entweder es setzt sich durch – oder es versagt. Wenn es versagt, ist es ökonomisch wertlos. So funktioniert der neoliberale Darwinismus: Er schafft unwertes Leben.

Jetzt formulieren Sie gar radikal, finden Sie nicht?
Genau, ich formuliere radikal. Das heisst, ich gehe an die Wurzel der Problematik. Das lateinische Wort Radix heisst Wurzel. Tief im elterlichen Empfinden schwingt heute stets die Angst mit, das Kind könnte versagen. Das Kind spürt diese Angst; sie ist in Form von Leistungsstress sein ständiger Begleiter. Er bringt das Kind um seine Kindheit.

Wie definieren Sie denn Kindheit?
Kindheit ist zunächst Unbeschwert-heit, sogar Ziellosigkeit – einfach Leben entdecken, durch Sehen, Hören und Berühren, durch sinnliches Erfahren. Das Kind greift auf die heisse Herdplatte – und begreift. Die Eltern liefern zu diesem Erleben die Regeln. Das Kind versteht, dass Leben mit Regeln zu tun hat. Und wird dazu mit Liebe und Zärtlichkeit erzogen. Daraus entsteht Geborgenheit. In dieser Geborgenheit entwickeln sich die Neigungen, die Talente, die Fähigkeiten und die Wünsche des Kindes.

Was empfehlen Sie all den Eltern, die dieses Gespräch zwischen uns hier lesen?
Sämtliche Erziehungsratgeber in den Müll zu werfen. Deshalb will ich mich auch nicht meinerseits als Ratgeber aufspielen. Meine Mutter war eine einfache Arbeiterfrau. Sie erzog mich in den 50er-Jahren – ohne die Hilfe von Psychologen, Soziologen und Pädagogen. Sie hat mir einfach nur vertraut. «Du machst es schon recht», sagte sie. Und zeigte mir trotzdem die Grenzen auf. Dieses Vertrauen wurde zu meinem Selbstvertrauen.

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