Auf einen Espresso Über das Bild der Medien in der Selfie-Gesellschaft

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder neue Bilder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 71, arbeitet als Journalist im Hause Ringier und lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, seit mehr als 50 Jahren lesen Sie täglich mehrere Zeitungen und Zeitschriften. Heute stellen Bürgerinnen und Bürger die Glaubwürdigkeit der Medien infrage. Haben wir ein Qualitätsproblem?
Mich begleitet seit den frühen 60ern wöchentlich «Der Spiegel», auch «Die Zeit»; ich war mal Abonnent des kleinen «Spandauer Volksblatts», das Günter Grass kurzzeitig als Autor unterstützte, sogar als Zeitungsverträger auf den Strassen Berlins. Genauso lange bin ich vertraut mit den grossen Schweizer Tageszeitungen.

Und?
Mein Fazit lautet: Die gedruckten Medien sind heute qualitativ auf wesentlich höherem Niveau als einst.

Was ist besser als früher?
Das Wort Recherche war damals nahezu unbekannt. Die führte nach angelsächsischem Vorbild erst «Der Spiegel» ein. In der Schweiz waren es die Journalisten des Büro Cortesi, das ich mit Mario Cortesi aufbaute. Ich weiss noch, wie entsetzt der Generalstabschef war, als ich ihn einmal um acht Uhr abends daheim anrief und um Auskunft bat. Seine Reaktion: «Was fällt Ihnen ein? Das geht überhaupt nicht, mich zu Hause zu stören. Was sind das für neue Methoden!?» Er hat mir dann doch die gewünschte Information gegeben. Heute ist Recherche im Journalismus selbstverständlich.

Trotzdem scheint eine gewisse Skepsis gegenüber den Medien zu bestehen. In Deutschland wurde gar der Nazi-Begriff «Lügenpresse» von rechtsnationalen Kreisen wiederbelebt...
Es gibt tatsächlich Misstrauen dem Journalismus gegenüber, es ist dasselbe Misstrauen wie gegenüber der Politik. Weil die Medien immer ein Teil des Politischen sind, sollten wir zunächst den Begriff Politik erklären.

Bitte!
Das Wort stand im antiken Griechenland für alles, was die Polis betraf, das Gemeinwesen. Polis, also Politik, ist das Ganze. Und dieses Ganze ist heute sehr unübersichtlich geworden. Was viele Bürger verunsichert. Unsicherheit aber führt zu Ängsten, und Ängste provozieren Aggressionen: Irgendjemand muss schuld sein. Zu den Schuldigen zählen die Journalisten.

Eine einleuchtende Erklärung. Aber sie genügt mir nicht ganz.
Sie haben recht: Es spielt noch ein anderes Phänomen mit, ein sehr modernes. Ich nenne es die «Selfie-Kultur». In den Augen der netzbesessenen Generation löst sich das Ganze, das Politische, in Millionen Pixel auf. Es verflüchtigt sich. Im Netz sucht jeder nur gerade das, was ihn selbst betrifft. Extremer Ausdruck dieser Vereinzelung ist das Selfie: Ich spiegle mich in der Kamera. Diese Selbstbespiegelung, dieser Narzissmus ist das Gegenteil dessen, was die Medien tun. Sie spiegeln die Gesellschaft, nicht den Einzelnen; sie spiegeln das komplexe Ganze.

Tun sie das wirklich noch? Oder liegt genau hier ein Problem?
Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Vielleicht sind sich Verlage und Journalisten nicht ausreichend bewusst, dass die Spiegelung des Politischen, des gesellschaftlichen Ganzen, ihre eigentliche Aufgabe ist. Spiegeln heisst dabei nicht einfach Wiedergabe. Spiegeln bedeutet, die Ereignisse in ihrer Tiefe auszuleuchten, quasi historisch zu sehen, und sie in ihrer Breite, in ihrer Vernetzung mit anderen Themen darzulegen. Das nenne ich die Dreidimensionalität des Journalismus. Der Journalist macht die komplizierte Welt begreifbar, sinnlich greifbar. Er bildet sie nicht nur platt ab, er ist ihr Bildhauer, ihr Skulpteur.

Eine etwas gar grosse Herausforderung.
Lieber Marc Walder, die globalisierte Wirklichkeit: Das ist die Herausforderung! Wir müssen sie meistern. Sonst verliert die Demokratie ihre Bürger. Demokratiefeindliche Bewegungen haben das erkannt: Sie reduzieren vielschichtige Probleme auf reine Polemik. Ihre aktuellen Dämonen sind Flüchtlinge, Brüssel und alle differenziert Denkenden. Als Hauptfeind hat der Populismus «die Politik» ausgemacht. Wir Journalisten dagegen müssen den Bürgern das Vertrauen ins politische Ganze vermitteln. Dazu bedarf es glaubwürdiger Autoren, glaubwürdiger Reporter - glaubwürdiger journalistischer Marken.

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