Auf einen Espresso De la langue française et du sentiment suisse

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, im Kanton Zürich sollen lernschwache Schüler auf Französisch verzichten dürfen, um in anderen Fächern besser zu werden. Was halten Sie davon?
Es ist ein weiterer Versuch, Französisch als Hauptfach zu deklassieren. Letztlich wird mit einer solchen Relativierung das Erlernen einer zweiten Landessprache freiwillig. Und das darf nicht sein.

Der Initiant dieser Forderung, ein Kantonsrat der grünliberalen Partei, ist selber Lehrer. Er sagt, der Französisch-Unterricht sei für Schüler zuweilen «eine Plage».
Mit diesem Argument kann man auch Mathematik zum freiwilligen Unterrichtsfach machen. Denn mit Sicherheit ist Mathematik zuweilen eine Plage. Ich habe den Eindruck, dass für Zürcher Politiker und Pädagogen die ganze französische Sprachkultur unseres Landes eine Plage ist. Der Zürcher Zentrismus genügt sich selbst. Das wiederum ist eine Plage für unser Land.

Zürich ist in dieser Frage einfach dezidierter, vielleicht auch einfach mutiger.
Was hat es mit Mut zu tun, lieber Marc Walder, wenn man narzisstisch nur noch sich selber sieht? Zürich fühlt sich als wirtschaftlich mächtigste Region vom Rest der Schweiz unabhängig. Peter Bichsel hat das einmal wunderbar formuliert: «Ein Solothurner muss nach Zürich reisen, ein Zürcher nicht nach Solothurn.»

Warum ist denn für Sie das Erlernen von Französisch so wichtig?
Ich bin in Biel/Bienne aufgewachsen, wahrscheinlich der einzigen wirklich zweisprachigen Stadt Europas. Hier ist praktisch jede Familie bilingue. Das hat mir ein Schweiz-Gefühl vermittelt, wie ich es später in Zürich schmerzlich vermisst habe.

Was meinen Sie mit Schweiz-Gefühl?
Es ist das Gefühl, dass es die Schweiz zweimal gibt, mit dem Tessin sogar dreimal. Dass die Schweiz ohne ihre kleineren Sprachkulturen nicht existieren würde. Das Herz der Schweiz schlägt in der Suisse romande, schlägt im Tessin. Die Deutschschweiz ist zwar der grössere Sprachkörper, aber der wäre nicht lebensfähig ohne das Herz der sprachkulturellen Minderheiten.

Und Sie glauben wirklich, dass das erzwungene Erlernen einer Landessprache den nationalen Zusammenhalt fördert?

Politiker aus dem Raum Zürich, vor allem populistische Politiker, renommieren gern mit dem Begriff Willensnation. Wenn wir uns aber als Willensnation verstehen, muss sich unser Wille zur Nation ständig erneuern, unter anderem durch das Erlernen einer zweiten Landessprache.

Und Sie meinen, das genügt.
Das ist natürlich noch zu wenig. Früher bildete der Militärdienst ein nationales Bindeglied für die Schweiz, ebenso der Schüleraustausch. Auch reiste man mehr im Land herum, machte beispielsweise Ferien in einer anderen Sprachregion. Heute jettet man nach London, Palma, New York, Phuket. Dazu braucht es eigentlich nur Globalesisch, eine Sprache, die wir irrtümlicherweise als Englisch bezeichnen. Es ist leider so weit gekommen, dass in Schweizer Firmen Schweizer Mitarbeiter der verschiedenen Sprachregionen bereits ausschliesslich globalesisch kommunizieren – ich sage kommunizieren, denn miteinander reden tun sie in diesem Slang ja nicht wirklich.

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