Auf einen Espresso Über den Müll, die Stadt und die Bürgerlichkeit

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder im Gespräch für die Rubrik "auf einen Espresso"
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, heute bin ich frühmorgens dem Zürichsee entlang gejoggt: überall Becher, Dosen, PET-Flaschen, Plastikgeschirr, Essensreste. In Berlin, wo Sie leben, wirds kaum besser sein, oder?
In Berlin ist es schlimmer. Morgens um sechs schwimme ich täglich eine halbe Stunde im Schlachtensee, einem der schönsten Badeseen der Stadt. Sonntags und montags ist sein Ufer regelmässig auf geradezu ekelerregende Weise vermüllt. Dass in Zürich, einer der reichsten Städte der Welt, dasselbe Phänomen zu beobachten ist, sagt viel aus über unsere Gesellschaft.

Nämlich?
Sie entbürgerlicht.

Was meinen Sie damit?
Ich meine damit, dass bürgerliche Tugenden wie Ordnungsliebe, Reinlichkeit und Anstand, vor allem das Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft, völlig verludern. Wer nach einer romantischen Sommernacht am See gleichgültig seinen Dreck auf den Boden wirft, der wirft seine Verantwortung für die Gemeinschaft weg, der geht davon aus, dass irgendwelche Heinzelmännchen am Morgen Ordnung schaffen, damit er am Abend wieder auf der reinlichen Zürcher Seewiese herumlümmeln kann. Es liegt in dieser Haltung auch Verachtung: Verachtung für die einfachen Müllmänner, oft Ausländer, die von den kleinen Herren und Herrinnen der nächtlichen Gelage als Diener betrachtet werden.

Am Greifensee oder am Hallwilersee ist es nicht so schmutzig.
Ja, bei der um sich greifenden Vermüllung handelt es sich um ein städtisches Phänomen. Auf dem Land herrscht mehr soziale Kontrolle. Die Städte dagegen schauen dem hemmungslosen Treiben untätig zu. Im Berner Oberland oder in den Bündner Alpen werden Wegschmeisser und Liegenlasser noch von Passanten und Wanderern zurechtgewiesen. In der Stadt wäre Polizei vonnöten. Doch die gilt als uncool.

Sie reden von der Verluderung der Bürgerlichkeit. Wie definieren Sie Bürgerlichkeit?
Als innere Haltung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Dazu gehören Höflichkeit, Rücksichtnahme, Respekt - vor allem aber die Einsicht, dass die eigene Freiheit ihre Grenze findet, wo sie die Freiheit des anderen berührt. Wer Dreck hinterlässt, verletzt die Freiheit seiner Mitbürger, sich auf einer sauberen Seewiese oder in einem sauberen Park zu vergnügen. Wer Lärm produziert, verletzt das Recht des anderen auf Ruhe. Auch dafür sind Berlin und Zürich Beispiele.

Können Sie das noch präzisieren?
Beide Städte veranstalten ganz offiziell Lärmfeste, die den Lebensraum der Bürger mit infernalischem Technogedröhn zumüllen - ein Beispiel, das Schule macht. Wo immer sich heute Jugendliche per Facebook versammeln, gilt die Devise: Unsere Freiheit ist total. Wer sich dagegen wehrt, ist intolerant. Das ist die komplette Umkehrung des Freiheitsgedankens.

Wie lassen sich die von Ihnen angesprochenen Bürgertugenden wieder zurückerlangen?
Wir brauchen eine Renaissance der Bürgerlichkeit. Nicht nur unten, bei den pubertierenden Jugendlichen. Sondern auch oben, wo Mass und Wert in der neureichen Königsklasse völlig verloren gegangen sind. Es geht nicht um grössere Mülleimer oder um Depots auf PET-Flaschen und Plastikgeschirr.

Sondern?
Es geht um Erziehung: durch Eltern und Schule - oder durch strenge Regeln für die Nutzung des öffentlichen Raums. Und mit streng meine ich wirklich streng: Man kann den Schmutzfinken auch durch die Polizei Anstand einbläuen.

Ja, funktioniert das denn?
Es gibt ein Beispiel dafür: New York ist heute eine saubere Stadt. Dank strengster Disziplin. Verordnet, durchgesetzt und aufrechterhalten durch die Stadtregierung. In Berlin oder Zürich dagegen darf die Jugend die Sau rauslassen - und die links dominierten Regierungen der beiden Städte halten das stolz für Toleranz.

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