Auf einen Espresso Über den Manager und seine Zerrissenheit

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.

 

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, der Freitod von Swisscom-Chef Carsten Schloter hat in der Schweiz zu einer grossen Diskussion um den Manager-Beruf geführt – wie stehen Sie dazu?
Manager ist kein Beruf.

Das ist alles?
Manager ist eine Funktion. Damit sind wir beim Kern des Problems.

Und der wäre?
Lieber Marc Walder, Sie sind von Beruf gelernter Journalist – und oberster Manager in einem grossen Verlagshaus. Ihr Beruf passt zu Ihrer Funktion. Das ist Ihr Glück. Die meisten Manager dagegen sind lediglich Manager – und wissen nicht, was genau sie sind.

Das müssen Sie präzisieren!
Manager sind nicht die Besitzer der Produktionsmittel, also keine Unternehmer im klassischen Sinn. Sie sind aber auch keine Arbeitnehmer im klassischen Sinn, denn sie bestimmen darüber, was mit den Produktionsmitteln geschieht. Sie «managen» diese. Sie bewegen sich zwischen den Klassen: Zur unteren Klasse möchten sie auf keinen Fall gehören; ihre stille Sehnsucht ist es, zur Besitzerklasse zu gehören – und ihre stille Frustration ist es, dass sie nicht dazugehören. Darum stehen wir heute vor dem Besorgnis erregenden Phänomen, dass Manager mit masslosen Boni möglichst rasch möglichst reich werden wollen. Gier als Kompensation des Minderwertigkeitskomplexes.

Das tönt jetzt aber sehr verkürzt. Worauf wollen Sie hinaus?
Auf die Zerrissenheit des Managers in seiner Funktion. Und auf seine Zerrissenheit als Person. Noch ein weiteres Faktum weist auf diese Zerrissenheit hin: Manager repräsentieren und verwalten zwar den modernen Kapitalismus, tatsächlich aber – tief in ihrem Unterbewusstsein – sind sie Anti-Kapitalisten. Wer hat den Kapitalismus stärker beschädigt: Marxisten oder Manager?

Auch das sollten Sie genauer erklären!
Manager neiden den Unternehmern das Unternehmen; sie verachten die Aktionäre für die Mühelosigkeit, mit der diese ihr Geld machen; sie fühlen sich ungerecht beurteilt und behandelt. Sie steuern das Unternehmen, sie entwickeln Produkte, sie steigern den Profit – und sind doch nur geduldet: Söldner auf Zeit, umflattert von Aktionären und Analysten, die alles besser wissen. Vor allem sind Manager stets vom Absturz bedroht. Denken Sie nur an den soeben Knall auf Fall entmachteten Siemens-Boss Peter Löscher!

Sie zeichnen da ein arg provozierendes Bild von meinen Berufskollegen.
Fühlen Sie sich persönlich provoziert?

Nur ein Punkt dazu aus meiner Sicht: Die Aktionäre, wie vorhin von Ihnen beschrieben, «verachte» ich keineswegs …
… selbstverständlich nicht. Sie managen ja glücklicherweise das Unternehmen einer Familie, die seit Generationen für diese Firma geradesteht. Solche Fälle gibt es leider immer seltener. Ich nenne das den «Patron-Kapitalismus». Er ist mir sehr sympathisch, weil er in der Regel verantwortungsbewusst wirtschaftet und langfristig denkt; auch gesellschaftliche Verpflichtung prägt die klassische Unternehmer-Kultur. Die Aktionäre, die ich meine, betrachten ein Unternehmen nur als Geldmaschine.

Lassen Sie uns auf die von Ihnen angesprochene Identität des Managers zurückkommen!
Alles, was die Manageridentität ausmacht, ist geliehen: die Macht, die Bedeutung in der Gesellschaft, sogar die Sprache – Globalesisch. Nichts am Manager ist original, ausser seiner Persönlichkeit. Und die muss sehr stark sein, um in der dünnen Luft ganz oben zu überleben – oder aber sehr schwach, ihrer eigenen fatalen Funktion völlig unbewusst. Die Kaste der Spitzen-Manager lebt in einer gnadenlosen Kunstwelt. Genauer gesagt, lebt sie gar nicht – sie existiert.

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