Auf einen Espresso Über die Schweiz als Boutique

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, hat die Boutique-Verkäuferin in Zürich rassistisch gehandelt, als sie Oprah Winfrey die Tasche für 35 000 Franken nicht zeigen wollte?
Vielleicht war da ein Reflex gegen die schwarze Frau. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls sagt der Vorfall nichts über Rassismus in der Schweiz.

Warum nicht?
Alles ist immer gleich Rassismus. Alles ist immer gleich Sexismus. Sexismus und Rassismus: Diese Begriffe haben Inflation – und sie werden missbraucht.

Verharmlosen Sie da nicht etwas?
Die Verkäuferin der Tom-Ford-Boutique von Trudie Götz hat sich – wie es aussieht – unpassend verhalten. Sie hat die Milliardärin Oprah Winfrey falsch eingeschätzt, und zwar abschätzig: als eine Frau, die sich die horrend teure Tasche nicht leisten kann. Das ist nicht Rassismus, dafür möchte ich einen anderen Begriff verwenden …

… ja, bitte?
Klassismus.

Vielleicht sagen Sie doch noch ein paar Worte mehr dazu?
Dass Kunden in Luxus-Boutiquen taxiert werden, ist eine Tatsache. Bei Vuitton, Hermès, Prada, Bulgari oder Gucci überwachen mittlerweile finstere Türsteher den Eingang zum Laden. Auf Menschen mit normalem Portemonnaie wirken sie abschreckend. Und das sollen sie auch. Im Geschäft werden dann uninteressante Kleinkunden aussortiert, indem man sie absnobbt. Das führt gelegentlich zu Irrtümern, denn die Dame im Rotlicht-Outfit kann durchaus die Gattin eines russischen Oligarchen sein. Und der Typ, der in Flip-Flops hereinschlurft, dem das Hemd über die tief sitzenden Jeans hängt und der aussieht wie ein Zuhälter, kann durchaus der Oligarch selbst sein. Da kann man sich, wie die Verkäuferin von Trudie Götz, schnell mal täuschen. Der neue Reichtum ist vulgär.

Vulgär? Erst untertreiben Sie, jetzt übertreiben Sie!
Lieber Marc Walder, schauen Sie sich doch die Tasche an, die Oprah Winfrey interessierte: Allein der Preis ist vulgär. Wer kauft so etwas? Jemand, der jedes Mass verloren hat, dem alle bürgerlichen Werte fehlen – was heisst «verloren»? Moguln aus Kasachstan und Prinzen aus Katar haben die Kultur der Bürgerlichkeit gar nie gekannt! Ihr Reichtum kommt aus dem Nichts, ist selten erarbeitet oder verdient – aber leider der einzige Massstab, über den solche Leute verfügen. In Zürich, London, Paris und New York und eben auch in der Schweiz finden sie die Tempel und Tempelchen ihrer Geldreligion: Boutiquen und Bijouterien mit exorbitant teuren Fähnchen und Klunkern.

Nehmen wir an, der Vorfall mit der Tasche hätte sich in London oder New York abgespielt. Hätte er dann ebenfalls weltweit für Aufregung gesorgt?
Wohl kaum. London und New York sind immer noch relativ normale Städte. Neben Reichtum gibt es Armut. Normalität reizt nicht zu einem solchen Bashing, wie es die Schweiz soeben erfahren hat.

Aber weshalb ist es denn so reizvoll, auf die Schweiz einzuprügeln?
Die Schweiz reizt die Geldwelt. Und sie reizt die Welt mit ihrem Gespür für Reichtum. Schon Voltaire soll gesagt haben: «Wenn Sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt etwas zu verdienen.» Auf die Banker von heute mag das nicht mehr unbedingt zutreffen. Aber noch immer ist die Schweiz in aller Welt ein Synonym für Luxus. Immer mehr dient sie, insbesondere in Zürich und Genf, als Boutique der neureichen Internationale.

Und?
Und wenn dort jemand vor einem dieser Nouveaux Riches nicht sogleich willfährig auf die Knie sinkt, wird die Schweiz geprügelt wie im Fall Oprah Winfrey. Dies geschieht allerdings gottlob nur ausnahmsweise!

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