Auf einen Espresso Über Bismarck, Bremi und die Feuerwehr

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso: Interview mit Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer: Sie kennen doch Ulrich Bremi, den grossen Schweizer Unternehmer und Politiker?
Was heisst kennen? Ich mag ihn. Sehr sogar. Seit Jahrzehnten.

Dem liberalen Magazin «Schweizer Monat» hat Bremi gerade eines seiner seltenen Interviews gegeben. Darin fordert er, dass sich Wirtschaftsführer auch politisch und gesellschaftlich engagieren sollen.
Bremi fordert mehr Bremis. Denn die fehlen uns tatsächlich: Unternehmer wie Manager, die sich der Gesellschaft verpflichten, die freiwillig Aufgaben übernehmen, indem sie beispielsweise politisch tätig werden, in der Gemeinde, im Kanton oder eben wie Ulrich Bremi zwischen 1975 und 1991 im Nationalrat.

Erzählen Sie bitte etwas mehr von diesem Mann.
Ich hielt die Rede zu seinem 70. Geburtstag; darin nannte ich ihn den «Bismarck der Schweizer Wirtschaft». Wie der deutsche Reichskanzler Bismarck im 19. Jahrhundert, war Ulrich Bremi  wenngleich in helvetischem Format  stets ein ganzheitlicher Denker. Er sieht die Wirtschaft. Und er sieht die Politik. Damit sieht er die ganze Schweiz. Diese Sichtweise bestimmte sein politisches Handeln. Als Otto von Bismarck 1890 im Streit mit Kaiser Wilhelm II. zurücktrat, porträtierte ihn ein britischer Karikaturist als Lotsen, der über das Fallreep von Bord geht. Auch Ulrich Bremi ist leider nicht mehr an Bord. An Bord tummeln sich heute vor allem Leichtmatrosen  politische Befehlsempfänger der Wirtschaft.

Sie vergleichen Bremi mit einem Lotsen. Lotse ist ein grosses Wort.
Aber das zutreffende. Ulrich Bremi lotste die Schweizer Wirtschaft durch die Politik. Er stand für Mass und Wert, für Kompromiss und Konsens. Obwohl er heftig streiten konnte. Mit mir beispielsweise focht er jedes Jahr einen soliden Krach aus  das gehörte zu den geheiligten Traditionen unserer Beziehung.

Ich kenne viele Spitzenmanager - und erlebe sie in erster Linie unter enorm starkem Druck. Die meisten haben beim besten Willen kaum noch Zeit für ihre Familie, geschweige denn für zusätzliche Engagements ausserhalb ihrer Firma, also auch - wie Sie mit Bremi fordern - für die Gesellschaft.
Lieber Marc Walder, Sie zitieren hier die Selbstwahrnehmung vieler Manager. Die beruht auf Karriereplanung, nicht auf Lebensplanung. Der erdrückende Zeitmangel ist das Mantra von Männern, die von einem äusserst schmal angelegten Ehrgeiz zerfressen sind. Übrigens ist es oft auch eine faule Ausrede.

Wie kommen Sie darauf?
Ich mache die Beobachtung, dass viele Wirtschaftsführer ganze Rollkoffer-Kommandos von Beratern anheuern, sobald ihr Job in Arbeit auszuarten droht. Bremi entlarvt den Stress dieser Heulsusen so: «Heute reicht es, die klagende Person nach ihrem Golfhandicap zu fragen, dann ist das Thema erledigt.»

Warum ist es Bremi so wichtig, dass Manager und Unternehmer mehr tun als nur managen?
Die Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft, die Politik ist Ausdruck der Gesellschaft, gewissermassen ihr Ganzes. Es geht darum, dass sich Menschen, die mit ihren Unternehmen einen wichtigen Teil der Gesellschaft bewegen und bestimmen, auf dieser Ebene einbringen, also Verantwortung für das Ganze übernehmen. Doch das ist für solche Leute alles andere als selbstverständlich. Vor Jahren empfahl ich einem Grossbanker, der Feuerwehrkommission seiner Gemeinde beizutreten. Er starrte mich fassungslos an und fragte: «Warum sollte ich das tun?»

Was haben Sie ihm geantwortet?
Ich sagte: «Weil Sie dann einmal pro Monat über Feuerwehrautos, Feuerwehrschläuche und Feuerwehrfinanzen beraten. Und zwar mit dem linken Lehrer, dem rechten Gewerbler und der Mutter von drei Kindern. Und weil Sie dann für die Gemeinde denken und handeln. Und weil Sie nach der Sitzung gemeinsam ein Bier trinken gehen. So lernen Sie die Menschen kennen und verstehen, die sich fürs Ganze der Gesellschaft einsetzen.»

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