Auf einen Espresso Über den Burnout - und Lehrer, die für die Schüler brennen

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, mindestens einer von zehn Lehrern, sagt eine neue Studie, ist stark Burnout-gefährdet. Was überfordert unsere Lehrer?
Das Leben der Schüler.

Das Leben der Schüler?
Die Schüler bringen ihr ganzes Leben mit ins Klassenzimmer: das Leben aus dem Laptop, das Leben in den sozialen Medien, das Leben aus konfliktbeladenen Familien, das Leben in anderen Kulturen, das Leben der frühen geschlechtlichen Reife, das Leben in Konfrontation mit Drogen, das Leben als umworbene Konsumenten. Alles wird im Schulzimmer gelebt oder ausgelebt – und der Lehrer soll unterrichten.

War das Leben der Jugendlichen denn früher einfacher?
Vieles von dem, was ich aufgezählt habe, gab es zu meiner Zeit nicht. Etwa Laptops, Social Media, synthetische Drogen, Konsumterror. Die Schüler waren noch Kinder. Und von zu Hause brachten sie Tugenden mit, die heute – um es nett zu sagen – nicht mehr besonders auffällig sind.

Tugenden? Welche Tugenden?
Anstand, Fleiss, Disziplin – und die Umgangsformen einer zivilisierten Gesellschaft, die ihnen die Eltern beigebracht hatten.

Wir reden von einer Zeit vor rund 60 Jahren: Wie haben Sie damals Ihre Lehrer erlebt?
Natürlich als ungerecht, weil ich meistens schlechte Noten hatte, immer gerade ausreichend für eine Versetzung, ausser im Zeichnen – und in Deutsch. Ein Deutschlehrer war es auch, der mir die Tür zum Leben geöffnet hat: Er begeisterte mich fürs Schreiben.

Wie ist ihm das gelungen?
Ganz einfach: Er fand meine Aufsätze gut, manchmal auch ausgezeichnet. Er kam sogar zu uns nach Hause, um meine Eltern zu überzeugen, dass ich unbedingt studieren müsse.

Und?
Das war natürlich ausgeschlossen, weil meine Leistungen in anderen Fächern keiner Prüfung genügt hätten. Aber ich wurde Schriftsetzer, damals noch ein Edelhandwerk: Die Buchstaben für Zeitungen oder Bücher wurden bis in die 80er-Jahre in Blei gegossen und von Hand zur Seite zusammengestellt.

Wie ging es weiter?
Gleich danach wurde ich Journalist. Ohne Lehrer Lefani hätte ich die Kühnheit dazu nicht besessen. Ich meine das übrigens auch als Hinweis auf die Rolle des Lehrers in unserer heutigen Gesellschaft: Er muss Ermutiger sein, Begeisterer; Menschen-Bildner, nicht nur Wissensvermittler.

Das immer kompliziertere Leben der Schüler, die immer stärkere Überforderung der Lehrer – wie begegnen wir diesemm?
Der Lehrer ist überfordert, weil die Kinder überfordert sind. Jeden Morgen steht er vor 20 bis 25 jungen Menschen, total verschieden in ihrer Herkunft, in ihren Ansprüchen, in ihren Talenten, in ihrem Können. Jetzt soll der Pädagoge sie durch die Stunde führen. Alle zusammen und jeden einzeln, der Gruppe gerecht werden und dem Individuum. Und dies den ganzen Tag. Ich würde verrückt dabei. Sie wohl auch, lieber Marc Walder.

Wie wäre diese Quadratur des Kreises zu meistern?
Sie ist nicht zu meistern.

Und was wäre zu tun?
Die Überforderung ist das Berufsschicksal des Lehrers. Schliesslich übt er den wichtigsten Beruf in unserer Gesellschaft aus. Seine Hingabe ist bestimmend für den Erfolg der Schüler, für ihr Glück im späteren Leben. Verantwortung bedeutet auch Aufopferung. Und für die verdient der Lehrer grössten Respekt. Einst war er die entscheidende Bezugsperson für die Eltern.

Und heute?
Heute machen Eltern Stress, wenn er ihrem Liebling das Handy verbietet, eine schlechte Note gibt oder Strafarbeiten aufbrummt. Das geht bis zur Drohung mit dem Anwalt. Der Respekt, den wir dem Lehrerberuf entgegenbringen, drückt sich auch im Lohn aus. Es ist nicht erklärbar, warum Nichtsnutze wie Derivate-Dealer einer Bank sechs oder zehn oder fünfzehn Mal mehr verdienen als Lehrer.

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