Auf einen Espresso Über Conchita und die Kalaschnikow-Kultur

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, heute möchte ich gerne über Conchita Wurst mit Ihnen sprechen. Wissen Sie eigentlich, wer Conchita ist?
Wie könnte ich sie übersehen haben!? Das heisst, wie könnte ich ihn übersehen haben: den Bart mit Frau – die Frau mit Bart …

Der Eurovision Song Contest war – als er noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hiess und ich ein kleiner Bub war – ein ernst zu nehmender Schlagerwettbewerb. Der grosse Udo Jürgens hat ihn einmal gewonnen, Lys Assia, Sandie Shaw oder Abba. Und heute … ist der ESC nicht einfach nur noch Klamauk?
Er war immer Klamauk, er war immer Trällerei, er war immer heile Welt. Doch Conchita ist mehr.

Und zwar?
Sie, beziehungsweise er, ist eine hoch talentierte Kunstfigur: Mann und Frau, jung und quer und ohne jede transsexuelle Schwülstigkeit – auf wunderbare Weise Europa.

Sie ziehen eine Linie zwischen der Siegerin des Song Contests und Europa? Ich bin überrascht.
Die «Berliner Zeitung» nennt Conchita «Europas neue Sissi». Im Liebreiz von Österreichs Kaiserin, wie ihn Romy Schneider in ihrem legendären Film verkörperte, fand das Nachkriegs-Europa zum trivialen Teil seiner Identität. Im Vielwesen Conchita findet Europa seine Vielgestalt.

Bisher war Frau oder Herr Wurst für mich ein schräger Show-Akt. Ich bin baff über Ihre doch sehr ernste Analyse dieses Phänomens.
Alle sind baff. Zu Recht. Vor wenigen Jahren, vielleicht sogar noch vor einem Jahr, wäre dieser Sieg undenkbar gewesen. Heute ist er eine Demonstration gegen Intoleranz, gegen Gewalt, gegen Männermacht. Deshalb ist diese Abstimmung vor Millionen Zuschauern keine Botschaft ins Ungefähre, sondern eine ganz unmissverständliche Antwort auf die Kalaschnikow-Kultur in der Ukraine, auf der Krim, in Russland. Mit Conchita setzt Europa das Feine gegen das Grobe.

Glauben Sie, dass Conchita Wurst dies alles bewusst so inszeniert hat?
Künstler fühlen Dinge, ohne sie gleich zu denken. Reines Denken würde die Kunst ja zerstören. Auch das europäische Fernseh-Publikum hat ganz einfach gefühlt, dass da etwas Wichtiges zu wählen war: weibliche Entschlossenheit mit Bart und männliche Zartheit mit langem Haar – selbst wenn es nur eine Perücke war. Sogar das katholische Italien und das katholische Irland gaben dieser Künstlerin, diesem Künstler die meisten Stimmen. Und selbst in Russland kam Conchita auf Platz 3.

Was wollen Sie damit sagen?
Wladimir Putins Politik gegen sexuelle Freiheit – und Freiheit überhaupt – ist nur ein Teil der russischen Wirklichkeit. Es gärt in der nachsowjetischen Jugend.

Was bedeutet dieser überwältigende Sieg für uns? Für Europa?
Der Triumph des jungen Österreichers ist eine Provokation: ein Sieg gegen die zunehmende Brutalisierung unseres Alltags, unserer Welt. Mit Conchita siegte vielleicht nicht die überzeugendste musikalische Darbietung. Es siegte die Freiheit, es siegte die Frechheit: der echte Bart im feinen Frauengesicht, die künstlichen Wimpern, das weiche, lange Haar. Es siegte das Motto «All You Need Is Love». Auch die Beatles trugen die Haare lang.

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