Auf einen Espresso Über eine Katastrophe und ihre Profiteure

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso: Interview mit Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, der Bürgermeister von Chiasso sagte im «SonntagsBlick», er fühle sich komplett alleingelassen, der Ansturm von Flüchtlingen auf die Grenzstadt sei schlicht nicht zu bewältigen. Was läuft falsch?
Alles läuft da falsch. Und wie es richtig laufen müsste, weiss niemand.

Vor Lampedusa, wo viele afrikanische Flüchtlinge anlanden, ertranken Anfang Oktober mehr als dreihundert von ihnen, als ihr Boot unterging. Was ist zu tun?
Es sollen in den vergangenen Jahren bereits über 20'000 ertrunken sein.

Eine Schande für Europa!
Keine Schande für Europa, lieber Marc Walder.

Ist es keine Schande, wenn Menschen sterben, die zu uns fliehen?
Das Drama von Lampedusa ist der Schatten eines grossen Verbrechens: Afrikanische Schlepperbanden machen Hunderte von Millionen mit hilflosen, ahnungslosen Flüchtlingen. Dies zu unterbinden, ist das Erste, was zu tun wäre. Aber ich muss einschränken: Es ist von Europa aus sehr schwierig, in Nordafrika etwas zu bewirken oder gar direkt einzugreifen.

Die Migrationswelle nach Norden wird nicht abebben. Was soll Europa tun?
Als Erstes ist Hilfe vor Ort notwendig, damit die Emigranten aus dem gewaltig grossen Kontinent unter Kontrolle gebracht werden - zum Beispiel in Lagern. Es handelt sich im Übrigen nicht einfach um klassische Flüchtlinge vor politischer Verfolgung oder Krieg.

Sondern?
Um Menschen, die das Elend und die Aussichtslosigkeit zu Hause gegen eine Zukunft in Europa tauschen möchten.

Das ist nachvollziehbar.
Wohl schon. Doch Europa kann nicht zum Zufluchtsort Hunderttausender werden. Diesen Hunderttausenden werden Millionen folgen. Wir stehen vor einer potenziellen Völkerwanderung, solange die Staaten Afrikas ihren Bürgern keine soziale Zukunft bieten. Das ist die wahre Schande.

Die Flüchtlinge lösen Ängste aus. In der Schweiz, in Frankreich, in Deutschland…
…was absolut verständlich ist. Die Migrationswelle kommt aus einem Raum, der uns kulturell sehr fern steht. Das Fremde stösst zunächst immer auf Misstrauen, auf Abwehr. Wir kennen das aus den Schweizer Tälern, wo die einen unten im Tal die anderen oben im Tal kritisch beäugen. Noch heute. Urmenschliche Reflexe, die sich durch gutes Zureden nicht beseitigen lassen.

Politische Kräfte fordern ein offenes Europa, also auch eine offene Schweiz.
Ja, es gibt Kräfte, etwa in Deutschland, die mit Pässen um sich werfen wollen wie mit Konfetti. Ich finde das verantwortungslos. In Frankreich zeichnet sich das Resultat solcher links-grüner Ausländerpolitik bereits ab: Der rechtsradikale Front National unter Marine Le Pen hat die Nachwahl im südfranzösischen Kanton Brignoles triumphal gewonnen und droht nun im ganzen Land zur wählerstärksten Partei zu werden.

Sie meinen: Der Rassismus hat Zulauf.
Wir gehen zu leichtfertig mit dem Begriff Rassismus um. Wer dem Fremden gegenüber fremdelt, ist noch kein Rassist. Den Front National wählen auch Bürger, die sich dagegen verwahren, Rassisten zu sein, die jedoch dem Einfluss fremder Kulturen Grenzen setzen wollen. Sie sehen nicht ein, weshalb Frankreich mit seiner historischen Trennung von Staat und Kirche jetzt Scharia-tauglich werden soll. Migration wird nur akzeptiert, wenn sie auf sichtbare Integration und - ganz konkret - auf Assimilation hinausläuft.

Wenn Sie schon «konkret» sagen: Was heisst das ganz konkret für die Schweiz?
Keine Schulklasse mit mehr als dreissig, maximal vierzig Prozent Anteil Migranten; keine Viertel, in denen eine Parallelgesellschaft entsteht; keine vorsätzliche Einwanderung in die Sozialsysteme. Wer diese konkreten Forderungen nicht verstehen will, setzt Europas Werte aufs Spiel. Denn für die extreme Rechte ist das Ausländer-Problem ein Geschenk. Sie bewirtschaftet es, um den freiheitlichen Rechtsstaat insgesamt zu schwächen. Wer ihnen in die Hände spielt, hilft mit, die demokratische Kultur zu beschädigen.

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