Auf einen Espresso Über das Lernen, das Lesen, das Leisten und das Freuen

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso: Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 69, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, waren Sie eigentlich ein guter Schüler
Nein.

Wie schlecht waren Sie?
Mittelmässig, mit Ausschlägen nach unten. Aber nie versetzungsgefährdet. Ich habs immer irgendwie geschafft.

Waren Sie wenigstens ein glücklicher Schüler?
Ich erinnere mich nicht an meinen Seelenzustand im Unterricht. Ich war ein verspielter, glücklicher Knabe, ab dem 14. Lebensjahr sehr verliebt, was natürlich mein Interesse an der Schule nicht gerade förderte. Cécile war mir wichtiger als Chemie.

Ich habe gedacht, Sie seien ein exzellenter Schüler gewesen...
...das war ich auch - ein exzellenter Schüler meiner selbst.

Verstehe ich nicht.
Ich war bildungshungrig. Aber vornehmlich ausserhalb der Schule. Nach dem Unterricht eilte ich am Nachmittag nach Hause, um zu lesen. Ich las und las und las, bis in die Nacht hinein und manchmal die Nacht hindurch, mit der Taschenlampe unter der Decke.

Wieso denn das?
Meine besorgten Eltern hatten mir befohlen, zu schlafen, statt zu lesen. Unter der Bettdecke verschlang ich Kinderliteratur, bald auch politische Romane wie «Im Westen nichts Neues» von Remarque. Ich suchte mir ältere Freunde als Bildungsväter - Publizisten, Politiker, Intellektuelle, auch Schriftsteller. Ich bin ihnen ewig dankbar dafür, dass sie sich meiner angenommen haben. Heute betrachte ich diese Erlebnisse als Verpflichtung, mich in gleicher Weise auf jüngere Menschen einzulassen.

Ist es von Vorteil, Autodidakt zu sein?
Mein leider allzu früh verstorbener Freund Peter Glotz, ein grosser deutscher Politiker und Intellektueller, zuletzt Professor in St. Gallen, sagte mir einmal: «Nur wer sich als Autodidakt versteht, bildet sich wirklich. Selbst wenn er Student an der Universität ist.» Ich habe für mich die Formel gefunden: Autodidakten sind nie erlöst. Wir sind Getriebene, vom Bildungshunger beseelt, und müssen immer wieder neues Wissen erobern.

Dieser Tage wurde die neue Pisa-Studie veröffentlicht, das internationale Bildungsranking. Was halten Sie davon?
Die Schweiz schneidet gut ab, was mich freut, denn es ist eine Bestätigung für unsere öffentlichen Schulen - unsere Staatsschulen, deren Qualität von Schul-Privatisierern immer wieder bestritten wird. Im Übrigen halte ich von Bildungsrankings nicht viel.

Warum?
Tests können bestimmte Fähigkeiten erkennen, beispielsweise Schreiben oder Rechnen, auch enzyklopädisches Wissen, wie es im TV-Quiz abgefragt wird. Aber ein Bildungsgrad lässt sich nicht durch Tests ermitteln - Bildung ist etwas ganz anderes.

Nämlich?
Bildung ist die Fähigkeit, Wissen zu verstehen, ins Leben einzuordnen. Das Verb dazu lautet «bilden». Es hat mehrere Dimensionen: die Tiefe des Wissens, also den historischen Kontext des Gelernten, aber auch seine Breite, also den themenübergreifenden und gesellschaftlichen Kontext.

Genau hier sehe ich die Herausforderung. Meine ältere Tochter, so habe ich das Gefühl, lernt vor allem auswendig.
Darauf bauen ja die Bildungsrankings auf. Darum stehen die Asiaten an der Spitze der Pisa-Pyramide. Ihre zum Teil sehr autoritären, sogar diktatorischen Gesellschaften drillen die Kinder und Jugendlichen. Dort herrscht in den Schulen militärische Disziplin, was immer auch Scheuklappen-Disziplin bedeutet: aufs Blatt starren statt ins Leben blicken. Dagegen ist unser Bildungsideal doch ein zutiefst bürgerliches.

Inwiefern?
Die «Kindheit» ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, des bürgerlichen Jahrhunderts. Seitdem ist Kindheit Freiheit. Man kann sagen: Das Bürgertum hat für seine Kinder die Freiheit erfunden. Nur in Freiheit entwickeln sich freudig-verantwortliche Bürger.

Weshalb freudig?
Es sollte für Kinder und Jugendliche, für heranwachsende Menschen eine Freude sein, das Leben zu entdecken!

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