Auf einen Espresso Über Dschungel-Fernsehen und Fernsehdschungel

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso: Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, schauen Sie eigentlich ab und zu «Dschungelcamp» auf RTL?
Ich gestehe reumütig: Reingezappt habe ich mal.

Und?
Ich habe auch gleich wieder rausgezappt. Diesen Schrott erspare ich mir - aus Zeit- und Geschmacksgründen.

«Dschungelcamp» ist in den vergangenen Jahren, zumindest bei einem beachtlichen Teil der Fernsehzuschauer, Kult geworden…
…Kuhfladen sind für Fliegen auch Kult.

Muss Fernsehen immer krasser werden, um Aufmerksamkeit zu erregen?
Wenn es nach den Zuschauern geht, die «Dschungelcamp» sehen wollen, muss es dies wohl. Aber Fernsehen ist noch immer mehr als das, was die Privatsender verbreiten. Auch nach 30 Jahren Privatfernsehen gibt es ganz klare Niveau-Unterschiede zu den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wobei das öffentlich-rechtliche die privaten im Unterhaltungsbereich mehr und mehr kopiert. Wegen der Quoten.

Wie und was schauen Sie am Fernseher?
Für meinen Nachrichtenkonsum ziehe ich das Radio vor, gucke aber dennoch täglich mindestens eine TV-Tagesschau, gewissermassen als Bebilderung meiner Radioinformationen.

Und sonst?
Ich bin «Tatort»-Fetischist, in letzter Zeit allerdings etwas irritiert darüber, dass sowohl die verlausten Kommissare und Kommissarinnen wie auch die Täter dem Unterschichten-Milieu zugerechnet werden müssen - ungepflegte Haare, unrasierte Gesichter, ungebügelte Hemden, ungewaschene Jeans, wabblige Bäuche, vulgäre Dekolletés: Es ist grauenhaft! Aber so sehen «Tatort»-Produzenten offenbar die aktuelle deutsche Wirklichkeit.

I
ch bin mit drei, vier Sendern aufgewachsen. War Fernsehen früher besser?
Ich möchte nicht als Kulturpessimist erscheinen, aber der Konsumwahn hat die Zuschauer sicher entpolitisiert: Dschungel statt Doku, Bachelor statt Kultur.

Sie kritisieren nicht das Fernsehen, sondern die Zuschauer?
Ich kritisiere niemanden. Ich beklage - wenn überhaupt - die mangelnde Selbstachtung, den mangelnden Stolz so vieler TV-Konsumenten.

Schafft sich das Fernsehen durch zunehmende Verflachung selber ab?
Gutes Fernsehen, lieber Marc Walder, gibt es nach wie vor, jeden Tag. Es ist auch leicht zu finden: ZDFneo, ZDFinfo, die dritten Programme, 3sat, Arte, Phoenix, in der Schweiz hervorragende Reportagen und Dokumentationen, übrigens auch erstklassige Sport-Übertragungen, in Deutschland historische Sendungen, politische Debatten oder Kulturprogramme. Es ist alles da - man braucht nur einzuschalten.

War Fernsehen nicht schon immer vor allem ein Unterhaltungsmedium?
Fernsehen soll unterhalten, weil Journalismus unterhalten soll. Und Journalismus soll unterhalten, weil das Leben unterhaltsam ist: interessant, zum Lachen und zum Weinen, zum Lieben und zum Hassen. Es gibt kein Thema, das journalistisch nicht mit Niveau, mit Anspruch, lebendig und spannend gestaltet werden kann. Alles andere ist eine Ausrede: der Fernsehverantwortlichen, der Verleger, der Journalisten.

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