Auf einen Espresso Über pubertierende Politiker

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 48, ist CEO der Ringier AG Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie eigentlich von Badens grünem Stadtammann Geri Müller - vor allem jetzt, nachdem er Nackt-Selfies an eine junge Frau gesandt hat?
Wie alt ist dieser Müller?

Lassen Sie mich schauen - 53.
Donnerwetter! Und benimmt sich wie ein 14-Jähriger, der gerade seine anschwellende Sexualität entdeckt.

Die grosse Frage, die nun diskutiert wird: Sind solche Nacktfotos aus seinem Badener Stadtammann-Büro Privatsache?
Zunächst einmal scheint es sich um einen schweizerischen Trend zu handeln, das Büro als Kulisse für Nackt-Selfies zu verwenden. Das hat ja gerade eine Bundeshausangestellte enthüllt. Aber natürlich, lieber Marc Walder, ist privat auch im Büro privat …

… also alles kein Problem?
… solange es privat bleibt. Geri Müller hat seine Selfies zur öffentlichen Angelegenheit gemacht, als plötzlich die Polizei vor der Adressatin seiner peinlichen Bilder stand, um die Fotos zu beschlagnahmen.

Und woran nehmen Sie jetzt Anstoss?
Es ist erstaunlich, wofür sich unsere Polizei mobilisieren lässt. Eigentlich hätte der zuständige Kommandant dem Politiker erklären müssen: «Das machen wir nicht, Herr Müller! Gehen Sie doch selber zu dieser Dame und fordern Sie die Bilder zurück.» Es ist wirklich sonderbar, dass da ein erregter Mann einer von ihm begehrten Frau erst Sex-Selfies schickt – und dann das Recht am eigenen Bild reklamiert.

Müller wollte ja nur die Publikation verhindern.
Das macht es nicht besser, sondern schlimmer. Mit diesem Akt wurde Müllers Privatleben politisch: Da setzt ein Stadtammann und Nationalrat offenbar die Staatsmacht ein, um eine für ihn peinliche Privatangelegenheit in seinem Sinne zu bereinigen.

Damit stellt sich eine zweite Frage: Müssen Politiker nach solchen Vorkommnissen zurücktreten?
Darf ich die wirklich entscheidende Frage stellen, bevor ich Antwort auf die Ihre gebe?

Bitte.
Mir scheint, dass es jetzt darum gehen muss, dieser Frau gerecht zu werden. Ein prominenter Mann hat mit ihr herumgespielt. Jetzt wird sie dargestellt als «psychisch angeschlagen», dies auch mit dem Ziel, sie zu diffamieren: Die raffinierte Hexe hat den kreuzbraven Geri verführt, wenn nicht gar verhext.

Geri Müller sagt, er habe nie «eine körperliche Beziehung zu dieser Person» gehabt!
Da hat er einen berühmten Vorgänger, Bill Clinton, der als Präsident mit der Praktikantin Monica Lewinsky herumspielte und der amerikanischen Öffentlichkeit weiszumachen versuchte: «I did not have sexual relations with that woman!» Und trotzdem – die Affäre Müller geht uns eigentlich gar nichts an.

Und doch reden alle darüber!
Politikerfoto plus Polizeiaktion: Das provoziert nun mal die Publizistik und ihre Verschwörungsfantasien.

Nochmals zu meiner Frage, ganz konkret: Kann Geri Müller Stadtammann von Baden und Nationalrat der Grünen bleiben?
Das müssen die Wähler entscheiden. Wir leben in der Selfie-Zeit, einer Zeit des narzisstischen Infantilismus. Vielleicht haben ja die Stimmbürger Verständnis für die Unreife dieses Politikers. Wenn alle Selfie-Fans ihm zu Hilfe eilen, könnte seine Wiederwahl womöglich sogar gelingen.

Würden Sie ihn denn wiederwählen?
Ich hätte ihn nie gewählt.

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