Auf einen Espresso Über Frauen, Finanzen und die Familieninitiative

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Frank A. Meyer, Kolumne Auf einen Espresso mit Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sollen Mütter arbeiten gehen oder zu Hause bleiben und sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern?
Ich bin kein Experte für Mütter. Und ich verstehe auch wenig von Vätern. Aber ich habe doch den Eindruck, dass auch berufstätige Frauen ihre Kinder kompetent erziehen können – vielleicht nicht rund um die Uhr, aber doch mit ganzer Intensität. Und darauf kommt es schliesslich an.

Da haben Sie sicher recht. Aber die Frage beschäftigt derzeit dennoch Tausende von Familien – und im Zusammenhang mit der Familieninitiative die ganze Schweiz: Ist die Nanny, die Grossmutter, die Kita-Betreuerin ein gleichwertiger Ersatz für eine Mutter, die arbeiten will oder muss?
Der Wert von Mutterliebe und mütterlicher Zuwendung lässt sich nicht quantifizieren. Nicht einmal qualifizieren.

Wie meinen Sie das?
Für manche Kinder ist die Grossmutter wichtiger als die Mutter. Aus historischen Quellen wissen wir sogar, dass Ammen oder Kindermädchen die Erziehung durch die Mütter oft nicht nur ergänzt, sondern auf wohltuende Weise korrigiert haben. Das alles ist, um den Dichter Theodor Fontane zu zitieren, ein weites Feld – und das Arbeitsgebiet zahlloser Psychologen, die ja bekanntlich auch nur im Nebel der Erkenntnisse herumstochern.

Können Sie das eventuell noch konkretisieren, lieber Frank A. Meyer?
Wir leben nun mal in einer Gesellschaft, die sehr rasch, sehr intensiv und neuerdings auch immer früher in die Welt der Kinder einbricht – ob die Mutter morgens und nachmittags da ist oder nicht. Womit absolut nichts gegen Mütter gesagt sein soll, die sich vollständig auf ihre Kinder konzentrieren. Oder besser: die sich darauf konzentrieren können, weil sie über die notwendigen Mittel verfügen – also über einen hohen Lohn des Mannes. Die meistenFrauen normal verdienender Väter müssen arbeiten, weil es sonst nicht reicht.

Wie sind eigentlich Sie damals in Biel aufgewachsen?
Mit einer Mutter, die zu Hause war, die mich allerdings sehr selbstverständlich, sehr tolerant neben sich gewähren liess; von Konzentration auf meine Erziehung keine Spur; ich war da, sie war da.

Und das hat Ihnen gutgetan?
Ich bin beispielsweise sehr froh, schon als Kind mitbekommen zu haben, dass sie über das wenige Geld der Familie herrschte. Mein Vater überliess es ihr zur Gänze – und zwar mit der Erklärung: «Mach du das, Lydia, ich kann mit Geld nicht umgehen.» Auf diese Weise erlebte ich meine Mutter im Haushalt als ökonomische Macht, was mir früh den Respekt vor der managenden Frau beibrachte.

Am 24. November stimmen wir über die SVP-Familieninitiative ab. Also darüber, ob Mütter, die sich ausschliesslich den Kindern widmen, steuerlich entlastet werden sollen. Was ist Ihre Meinung?
Die Initiative führt erstens ein Steuerregime ein, in dem Abzüge ohne jeden Beleg geltend gemacht werden können. Zweitens hilft sie vor allem Müttern, deren Gatte genug verdient, um die Familie allein zu finanzieren; sie ist eine Initiative für den gut situierten Mittelstand. Drittens ist die Initiative beseelt von der nostalgischen Sehnsucht nach einer Familienwelt, die es nie mehr geben wird.

Familien, in denen die Mutter nicht arbeitet, werden heute steuerlich benachteiligt. Das betrachten viele als unfair – und ich finde: zu Recht.
Arbeitende Eltern, lieber Marc Walder, haben in der Regel hohe Zusatzkosten: Kitas sind teuer. Diese Kosten sind belegbar und dürfen steuerlich in Abzug gebracht werden. Aber die meisten Paare haben ökonomisch gar nicht die Option, sich gegen die Berufstätigkeit der Mutter zu entscheiden. Abzüge, wie sie die SVP-Initiative vorsieht, würden ihre Situation überhaupt nicht verändern.

Seit Jahren betonen Sie, wie wichtig Frauen in Unternehmen sind. Sagen Sie deshalb, dass es die Familienwelt von früher nie mehr geben wird?
Es geht mir nicht um die Frauen in Firmen, sondern um die Frau in der Gesellschaft: als gleichberechtigt bestimmende Kraft.

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